Klug werden

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel – die neue Form der Predigtvorbereitung!</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

Dieser Sonntag hat seinen ganz eigenen Charakter-Er ist schon etwas Besonderes und nicht einfach zu den "normalen" Sonntagen zu rechnen. Ja vielleicht ist es sogar der Tag im Kirchenjahr, der jede und jeden Einzelne/n unter uns persönlich am meisten berührt.

Das liegt daran, dass wir uns in diesem Gottesdienst an all diejenigen erinnern, die im vergehenden Jahr verstorben sind; und darüber hinaus wird der einen oder dem anderen auch die Trauer über den Verlust eines lieben Menschen wieder bewusster, dessen Tod schon längere Zeit zurückliegt. Man hat jemanden verloren und dieser Schmerz wird uns heute wieder in besonderer Weise bewusst.

Es ist gut und tut gut, dass wir uns dafür wenigstens ein Mal im Jahr in einem Gottesdienst Zeit nehmen. Hier sind wir nämlich mit unseren Gefühlen nicht allein, es sind noch andere da, die an unserer Trauer, an unserem Schmerz und an unserer Angst mittragen.

Wenn Menschen mit dem Sterben, mit ihrem eigenen oder dem einer nahe stehenden Person in Berührung kommen, dann denken sie seltsamerweise meistens weniger über den Tod nach! Sie beschäftigen sich viel mehr mit dem Leben: Habe ich etwas versäumt? Bin ich mit dem, was ich geleistet habe, zufrieden? Wo bin ich mir selbst untreu geworden? Was hätte ich noch tun oder sagen sollen? Habe ich mir genug Zeit genommen, um zuzuhören, um zu verstehen, um mich zu kümmern? Oder bin ich etwa jemandem nicht gerecht geworden?

Man bilanziert, sehr ehrlich, manchmal schonungslos und viele tun dies zum ersten Mal in ihrem Leben. Erstaunlicherweise spielen dabei materielle Dinge keine wesentliche Rolle. Viel wichtiger werden auf einmal die menschlichen Beziehungen: Habe ich jedem zur rechten Zeit das geben können, was ihm zugestanden hat?

In unserem Predigttext dreht sich alles um diese Frage! Da wird Bilanz gezogen und zwar schonungslos, ja brutal. Doch hören wir erst einmal den Text.

[TEXT]

Was soll nun dieses Gleichnis heute am Ewigkeitssonntag für eine Bedeutung haben? Ich will einen Schwerpunkt herausheben.

In diesem Gleichnis wird eindeutig gesagt: Verantwortlich leben bedeutet auf das Kommen Christi gefasst zu sein. Damals hatten sich die Christen in der ersten und zweiten Generation nach Jesus das ganz real vorgestellt. Sie rechneten fest damit, dass noch zu ihren Lebzeiten Christus der Auferstandene wiederkommen würde. Sie lebten in einer Naherwartung. Für uns heute ist solch ein Endpunkt eher anders zu beschreiben. Das Kommen Christi erwarten wir am Ende der Zeiten, und das Ende der persönlichen Lebenszeit ist nun einmal das Sterben und der Tod.

Verantwortlich leben bedeutet auf das eigene Sterben gefasst zu sein.

Im Mittelalter haben Menschen sich darüber sehr viele Gedanken gemacht. Man sprach von der ars vivendi- der Kunst zu leben, und diese war immer gepaart mit der ars moriendi – der Kunst zu sterben. Wo Menschen nicht bewusst mit ihrem Leben umgehen, werden sie auch nicht bewusst mit ihrem Sterben umgehen können, das war der Leitgedanke, der dahinter stand. Ich glaube, in unserer neuzeitlichen Welt ist uns vieles von solch einem weisen Umgang mit Leben und Sterben verloren gegangen. Immer mehr Menschen scheitern in diesem Leben, und immer Menschen verdrängen ihr Sterben und ihren Tod. Beides steht in einem engen Zusammenhang.

Ich will nur ganz kleine Beispiele nennen, die mir während des Jahres aufgefallen sind. Immer öfter, wenn wir mit dem Sarg vom Trauerhaus zum Friedhof gehen passiert es, dass Autos nicht mehr anhalten. Mehr oder minder hastig wird der Trauerzug überholt. Der Tod wird verdrängt, es zählt die Zeit. Falls sie selbst einmal in die Situation kommen. Halten sie doch einfach an, stellen den Motor ab und gedenken des Todes. Des eigenen Todes, der am Ende ihrer Zeit stehen wird. Diese zwei Minuten werden sich lohnen, mehr als die zwei Minuten die sie, ohne sich Zeit genommen zu haben, eher am Ziel ankommen.

Wie sehr Tod verdrängt wird, beobachte ich auch, wenn Krebs nicht mehr Krebs genannt wird, sondern nur "die Krankheit". Ich beobachte es, wenn es anscheinend für Menschen immer schwerer wird, mit Grenzen im Alltag zu leben und dabei das Loslassen zu üben. Das Loslassen, das am Ende des Lebens ganz brutal gefordert wird. Schauen sie einmal, wie wenig eingeübt wir sind im Einhalten von Grenzen. Das fängt an bei Geschwindigkeitsbegrenzungen, Wachstumsgrenzen, Grenzen der Belastbarkeit und Kraft usw. Verantwortliches Leben bedeutet auf das Kommen von Grenzen gefasst zu sein bis auf das Kommen einer endgültigen Grenze. Jesus sagt: "Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr‘s nicht meint." Die Grenze des Todes zu akzeptieren fordert von uns ein bewussteres Leben – und zwar jetzt, nicht irgendwann einmal.

Am Ausgang des Gottesdienstes können Sie ein Schreiben unseres Präses mitnehmen, der an die Verantwortlichkeit angesichts der Diskussion um die so genannte „Aktive Sterbehilfe“ daran erinnert, dass Christen gegen die grassierende Todesmentalität zu widersprechen haben: „Weil ‚Gott ein Freund des Lebens ist’ darf niemand dem Druck ausgesetzt oder niemanden das Gefühl vermittelt werden, dass ihr oder sein Leben nicht mehr lebenswert sei oder als eine unerträgliche Zumutung erlebt wird.“ Und er verweist dabei auf die alternativen Hilfen menschenwürdigen Sterbens durch die Palliativmedizin, die Pflege im Hospiz oder den Hospizdienst zu Hause und auf die Vorsorge, die ein jede und jeder mit einer Patientenverfügung treffen kann.

Wer so das Leben einübt, indem er das Sterben nicht verdrängt, überspielt, nennt das Gleichnis klug. Und gleichzeitig stellt das Gleichnis so eine jede und einen jeden vor die Frage: Bin ich ein guter Verwalter dessen, was mir anvertraut ist? Denn uns ist. so sagt es Jesus in diesem Gleichnis, viel gegeben, von uns wird aber auch viel gefordert: Nämlich das Leben zu bewahren, ihm Würde zu schenken, besonders an den Grenzen, dem Anfang und Ende des Lebens sind wir als Verwalter Gottes gefragt. So können wir nur immer wieder wie der Psalmbeter bitten: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Ps. 90,12)

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