Wie soll ich denn jetzt leben?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wie soll ich denn jetzt leben? Eine Frage, die ich in vielen Augen schon gelesen und so manches Mal auch ausgesprochen gehört habe. Der Tod, auch wenn wir es nicht gerne hören, gehört zum Leben, er lässt sich nicht ausschließen, er bricht immer wieder ein und stellt Leben, Lebenspläne und Lebensgeschichten auf den Kopf. Wir alle haben das schon erfahren. Auch im letzten Jahr sind Menschen aus unserer Mitte verstorben, mussten wir Abschied nehmen und nach neuen Lebenswegen fragen.

Wie soll ich denn jetzt leben, mag man aber auch fragen, wenn man diesen Predigttext hört. Jesus hatte zuvor ein Bild benutzt. Menschen sollen wie Diener sein, die auch in der Nacht hellwach und vorbereitet sind, wenn der Herr des Hauses von einer großen Hochzeitsfeier zurückkommt. Seine Jünger, allen voran Petrus fragen nach und Jesus entfaltet in seiner Antwort zwei Lebensentwürfe, die von ihrer Gültigkeit nichts eingebüßt haben.

Da ist ein Mensch, dem viel anvertraut wurde. Haus und Gut, Diener und Angestellte, wir würden wohl sagen, eine kleine Firma. Nun ist der Herr, der Eigentümer für einige Zeit außer Haus, eingeladen zu einer Hochzeit. Anders als bei uns heute nimmt man sich da ausgiebig Zeit zum Feiern, außerdem waren damals Hin- und Rückreise anstrengend, die Abwesenheit des Herrn kann also dauern.

Wie wird sich nun der Verwalter verhalten? Er kann tun, was sein Herr von ihm verlangt, sorgsam und mit Respekt das ihm anvertraute Gut behandeln und so damit umgehen, dass der Herr zu jedem von ihm gewünschten Augenblick auch unangemeldet zurückkehren kann. Solch einen Verwalter, der zu jeder Stunde auf alles vorbereitet ist, nennt Jesus einen klugen Verwalter, der am Ende belohnt wird.

Ein Verwalter, der so einfach in den Tag hinein lebt, den lieben Gott einen guten Mann sein lässt, sich nur um sein Vergnügen kümmert und rücksichtslos gegenüber anderen lebt und dabei alles , was ihm anvertraut ist, links liegen oder im Stich lässt, der kann böse überrascht werden.

Wie soll ich denn jetzt leben? Diese Frage ist die entscheidende Frage, nicht nur am Ewigkeits- oder Totensonntag. Leben wir wie ein kluger Verwalter oder verhalten wir uns auch unklug, unvernünftig oder altmodisch ausgedrückt töricht. Uns ist in der Tat vieles anvertrautet. Uns ist diese Welt mit ihren Gütern und Reichtümern anvertraut, wir dürfen uns die Natur, die Schöpfung zu nutze machen.

Uns sind Menschen anvertraut, für die wir Sorge tragen: Kinder, Enkelkinder, Eltern, Freunde.

Vor allem aber ist uns das Leben als wohl kostbarstes Geschenk anvertraut, selbst, wenn es einmal zur Last werden kann. Manchmal spüren wir, dass wir auf uns gestellt sind und die Last der Verantwortung tragen. Der Herr des Lebens nimmt uns diese Verantwortung nicht ab und oft leben wir auch, als wäre er gerade außer Haus, auf Reise ( von der allerdings jederzeit zurückkehren kann). Die entscheidende Herausforderung und die schwierigste Aufgabe im Leben liegt nun darin, die Zeit des Lebens auszukosten, sie zu füllen mit Aufgaben, mit Begegnungen, mit Entscheidungen, mit all dem, was wir auf unserem Lebensweg in der Schule, im Beruf und in der Familie erfahren haben, an Leid und Freude eines Lebens zu wachsen und dabei nicht zu vergessen, dass alle Zeit geschenkte Zeit ist und es keinen Anspruch auf ein bestimmtes Maß an Lebenszeit gibt. So oft kommt der Tod plötzlich und unvorbereitet. Bei jungen Menschen haben wir ihn nicht erwartet. Und da trifft der Tod auch noch einmal ganz anders, weil mit ihm so viele ungenutzte Lebensmöglichkeiten unsausgeschöpft bleiben. Aber auch im Alter kommt der Tod so oft plötzlich und unvorbereitet, weil wir ihn totschweigen und hoffen, ihn so unschädlich zu machen. Aber er kommt so sicher, wie in der Geschichte Jesu der Hausherr von der Hochzeit zurückkehrt.

Nur kann man sich wirklich auf den Tod vorbereiten? Ich wage da keine abschließende Auskunft, die ich mit meinem Leben jetzt schon decken kann.

° Wir können aber den Tod auf eine gute Weise in unser Leben hineinholen, so dass die Begegnung mit ihm etwas von ihrer Bedrohlichkeit verliert.

° Wir können bei Lebzeiten darüber reden, was geschehen soll, wenn Krankheit das Leben zeichnet und Sterben sich ankündigt. Welche Behandlungen wünsche ich mir, wo möchte ich sterben, wie können wir voneinander Abschied nehmen, wie soll die Trauerfeier gestaltet werden? So oft kommt der Zeitpunkt, an dem es zu spät ist, darüber zu reden.

° Wir sollten auch nicht glauben, dass jemand noch zu jung sei, um sich der Realität des Todes zu stellen. Kinder fragen nach ihm ganz selbstverständlich und Kinder können oft besser mit ihm umgehen als Erwachsene. Aber ich treffe auf Friedhöfen bei Trauerfeiern selten Kinder.

° Wir können lernen das Heute mehr zu schätzen, um das Leben nicht für ein Morgen aufzuheben, von dem ich gar nicht weiß, ob es dieses Morgen geben wird. Die Zeit rast auch deshalb so schnell an uns vorbei, weil wir den heutigen Tag gar nicht mehr in seiner Einmaligkeit erleben, sondern nur als Durchgangsstation zum Morgen.

Ich glaube, dass wir damit der von Jesus geforderten Klugheit näher kommen und unser Leben anders leben. Und uns sollte das eigentlich doch leichter fallen als anderen, weil wir von diesem Leben doch auch gar nicht erwarten, dass es alles bieten muss. Es ist das kostbarste, was uns anvertraut ist, aber es ist weit mehr als nur die konkrete Gestalt der Lebensjahre, die am Ende auf dem Grabstein festgehalten werden. Es ist umhüllt von dem, was wir mit alten Worten als ewiges Leben bekennen. Es ist ein Leben, das seinen Ausgang von Gott nimmt und am Ende zu ihm zurückkehrt.

Im Mittelpunkt unseres Glaubens steht die Erfahrung und die Überzeugung, dass der Tod doch nicht die Macht hat, die wir ihm immer zutrauen. Gottes Macht und sein Lebenswille sind viel stärker. Deshalb ist für mich der Gedanke, dass am Ende einfach alles nur ausgelöscht ist, undenkbar. In Gottes Ewigkeit hat jede Lebensgeschichte, egal wie viel Jahre sie in ihrer Unverwechselbarkeit ihr eigen nannte, ihren Platz. Davon erzählen Kreuz und Auferstehung Jesu. Darum feiern wir Ewigkeits- und nicht nur Totensonntag.

Es hängt von unserer Erinnerung ab, dass von unseren Verstorbenen etwas bleibt, was dann mit uns ein zweites mal sterben würde. Von Gott hängt alles ab und er lädt uns ein, als Menschen des Glaubens zu leben und dann am Ende auch zu sterben in der Gewissheit, dass uns dies nicht aus seiner Hand reißen kann.

Unsere Toten, an die wir heute denken, dürfen wir jetzt schon der Treue und Barmherzigkeit des ewigen Gottes anvertrauen. Und selbst dürfen wir mit den Worten des Psalm beten: Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.

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