Flucht vor Gott

Liebe Gemeinde am heutigen Totensonntag,

viele sind heute hier im Gottesdienst, weil im vergangenen Jahr eine Angehörige oder ein Angehöriger gestorben ist. Ein Mensch, mit dem wir verbunden waren, der Teil unseres Lebens war, ist von uns gegangen. Wir erinnern uns. Wir erweisen unseren Verstorbenen die Ehre, in dem wir ihnen Raum geben in unseren Gedanken und Gefühlen. Und wir vertrauen unsere Verstorbenen und unsere Trauer dem Gott an, der uns mit Namen gerufen hat, der uns kennt, der unsere Herzen kennt.

Ich möchte uns heute einladen, uns auf einen Bibeltext einzulassen, der mir in der letzten Zeit wichtig geworden ist. Es geht darum, dass Gott mich kennt und versteht. Gott ist mir näher, als ich mir selbst nahe zu sein vermag. Das ist ein wenig erschreckend, aber vor allem tröstend. Denn Gott ist das Licht in meiner Finsternis und der Trost in meiner Trauer, die Hoffnung in all dem, was sich ändert, und was mir an schwierigen Veränderungen vom Schicksal zugemutet wird.

Ich lese uns als Predigttext Psalm 139,1-12:

[TEXT]

Ein sehr ungewöhnlicher und erstaunlicher Gott wird uns hier vor Augen gestellt. Du kennst meine Gedanken von ferne. Gott ist wie ein ausgesprochen einfühlsamer Ehepartner oder wie ein Familienmitglied, das sich um mich kümmert. Er weiß, was ich brauche. Er kennt mich tief in meinem Inneren. Er weiß besser als ich selbst, was jetzt für mich dran ist.

Vor kurzem erzählte mir eine Frau, wie sehr sie sich davon angenommen fühlt, dass ihr Sohn, der noch im Grundschulalter ist, ihr Tee bringt, wenn sie krank ist. Das berührte einen spirituellen Kern in ihr – das stärkte ihren Glauben, das tat ihr zutiefst in der Seele gut, das war heilsam. Denn wenn jemand so für mich sorgt, ruft das ein ganz altes Bild in mir auf – Eltern, die sich um mich kümmern. Dann darf ich einfach Kind sein und mich umsorgen lassen. Ich kann mich gehen lassen und die Verantwortung abgeben. Ich kann mich hingeben. Ich kann wieder wie ein Kind sein, voll Vertrauen, voller Hoffnung, geliebt und deshalb einfach zurück liebend.

So ist Gott zu uns. Wie ein Vater sorgt er für uns und führt uns auf dem richtigen Weg. Wie eine Mutter nimmt er uns in Arm und lässt uns geborgen sein. Wenn wir das nur immer glauben könnten! Wenn wir uns nur immer dann, wenn es nötig ist, voll Vertrauen in die Arme Gottes legen könnten.

Ein Lied, das uns zu diesem Vertrauen einlädt, ist So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Wir werden es im Anschluss singen. Nicht umsonst ist es so beliebt. Nicht umsonst wird es oft gespielt und gesungen bei Beerdigungen, aber auch bei Hochzeiten und Goldenen Hochzeiten. Denn wir brauchen genau so ein Vertrauen: wie ein Kind darf ich loslassen. Wie ein Kind darf ich mich hingeben. Wie ein Kind darf ich geborgen sein. Wie ein Kind darf ich mich einlassen auf die neue Situation. Denn es ist für mich gesorgt. Ich bin geliebt – auch wenn ich gerade verlassen worden bin. Die geliebte Person, die gestorben ist, hat mich zurück gelassen. Es gibt aber trotzdem eine Geborgenheit, die auch dann gilt, wenn ich den Schmerz der Trennung spüre.

Du, Gott, verstehst meine Gedanken von ferne. Das ist natürlich auch ein wenig gefährlich. Denn das ist peinlich, was ich mir da so alles zusammen denke. Selbst bei jemandem, der mich sehr gut kennt, habe ich doch Kontrolle darüber, wie ich mich zeige und wie ich mich gebe. Wenn Gott der ist, der meine Gedanken von ferne versteht – dann versteht er auch das, was mir sehr unangenehm ist. Er sieht, wo ich mich daneben benommen habe. Er spürt, wo ich abstumpfe, mein Gewissen beiseite schiebe, meine Maßstäbe verrücke. Er sieht das, was ich selbst nicht gerne sehen will.

Kein Wunder, dass die Beterin oder der Beter dieses Psalms fliehen will. Gott ist nicht nur fürsorglicher Vater und liebende Mutter. Gott ist auch der Richter, vor dem ich nichts verbergen kann.

Das Problem ist: wohin soll ich vor Gott fliehen? Wir alle kennen die Geschichte von Jona. Der hat es probiert, vor Gott zu fliehen. Und Gott hat ihn auch auf dem fernen Meer gesehen und in der Tiefe unter dem Wasser, als eigentlich doch alles schon zu Ende schien. Im Bauch des Fisches, was doch der sichere Tod sein muss. Sogar mitten in dieser Katastrophe war Gott da und Jona betete im Bauch des Fisches.

Unser Predigttext probiert verschiedenes aus: im Himmel, ganz oben: klar, da ist Gott. Ganz unten, im Totenreich, auch da ist Gott. Ganz weit weg, am äußersten Meer, auch da ist der Allgegenwärtige. Und wenn Finsternis mich deckt, wenn ich mich in die tiefste Tiefe zurückziehe. Wenn ich mich in Verzweiflung und Depression stürze, von allen anderen zurückziehe und allen Lebenswillen aufgebe.

So wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.

Liebe Gemeinde, das ist leicht gesagt und schwer geglaubt und gelebt. Das Erstaunliche an unserem Predigttext ist: das ist gar nicht tröstend gesagt sondern dahinter steht die Erkenntnis: ich kann nicht vor dir fliehen, Gott. Du bist allwissend und allgegenwärtig. Du kennst all meine Finsternisse. Das ist mir höchst unangenehm. Ich würde gerne ein wenig Finsternis vor dir versteckt halten. Ich würde gerne ein wenig Verzweiflung und ein wenig Tränen des Nachts versteckt und für mich behalten. Ich würde gerne ein wenig länger in meinem Sumpf schmoren und nicht so bald nach einem Todesfall wieder unter die Leute gehen. Ich würde gerne mich vor unangenehmer Selbsterkenntnis drücken. Und außerdem brauche ich mein Maß an Verdrängung. Wie kann mich da jemand so durchleuchten wie Gott. Soviel Licht will ich nicht. Ich brauche meine Schatten.

Ich glaube, liebe Gemeinde, dieser Psalm ist genau so formuliert, damit wir am Ende, wohlgemerkt am Ende, doch das Tröstende an diesem Allwissenden und Allgegenwärtigen Gott sehen und glauben und leben können.

Dieses Gebet Psalm 139 ist die Geschichte einer Flucht vor Gott. Am Ende ist viel von Zorn die Rede. Sollte ich nicht hassen, Herr, die dich hassen?

Wenn ich mich selbst erkenne, weil ich mich auf diesen Gott einlasse, dann müssen alle Gefühle ins Licht. Auch meine Wut. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich nicht so bin, wie ich gern sein möchte. Ich bin wütend auf die verstorbene Person: Wieso hat sie mich einfach im Stich gelassen? Und da ist noch dieses und jenes unerledigt und nicht besprochen worden.

Durch all diese Gefühle muss ich durch auf meinem Weg zu mir selbst, der der Weg zu Gott in der Tiefe meiner Seele ist.

Und am Ende dieses Wegs, am Ende von Psalm 139 heißt es: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz. Prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Am Ende dieser Flucht vor Gott steht die Hingabe an Gott. Sieh hin, Gott. Sieh in die dunklen Ecken. Und verändere mich. Nimm mich mit auf deinem Weg.

Liebe Gemeinde am Totensonntag, dieser Weg, auf den wir eingeladen werden, ist ein ewiger Weg. Die Trauer ist nach wie vor da. Aber ich werde schon erfüllt von Ewigkeit. Ich bin schon auf die Ewigkeit hin ausgerichtet. Und das verbindet mich mit denen, die mir vorausgegangen sind in die Ewigkeit.

Die Finsternis ist noch da. Aber manchmal, wenn das Vertrauen gelingt, ist die Finsternis wie das Licht. Manchmal, wenn ich Gott spüre, der schon längst da ist, ist die Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag. Manchmal, wenn ich mich geborgen fühlen darf wie ein Kind, kann ich mich dem hingeben, der mich liebt und kennt – und dann kann ich wirklich erwachsen werden. Ich kann mich dem stellen, wie ich bin. Ich muss mich nicht mehr vor mir selbst verstecken. Auch die Dunkelheit, auch der Schatten, auch die Trauer, auch das, was ich falsch gemacht habe – all das gehört zu mir. Aber es ist verändert. Die Nacht leuchtet wie der Tag.

Liebe Totensonntagsgemeinde, dieses Licht, das unsere Dunkelheit verklärt, erleuchtet, in einem anderen Licht erscheinen lässt, leuchte uns. Schon am nächsten Sonntag zünden wir die erste Adventskerze an. Möge sie uns ein Licht sein, das die Nacht zum Leuchten bringt.

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