Zutrauen

<i>[Die Anregungen für die Predigt habe ich dem Buch „Der Kindergottesdienst 3/2003 entnommen und einer Morgenandacht im NDR im August vergangenen Jahres.]</i>

Liebe Gemeinde!

Ich möchte eine Geschichte erzählen für alle, die ein bisschen mehr auf sich selber achten sollten. Es ist eine biblische Geschichte für die, die sich manchmal selber vergessen und die es üben müssen, auch für sich selber zu sorgen. Ich nehme an, dass einige heute hier sind, auf die das zutrifft: Für Sie ist es wichtig, dass Sie lernen, sich selber etwas Gutes zu tun.

Die Geschichte steht in der Bibel im zweiten Buch der Könige. Sie handelt von einem Mann und einer Frau, die mit ihren zwei Söhnen den ganz normalen Alltag in Israel gelebt haben. Reich waren sie nicht, aber sie kamen meistens mit dem aus, was sie hatten. Es kam vor, dass sie sich Geld leihen mussten. Aber nach kurzer Zeit konnten sie es wieder zurückzahlen.

Der Mann war ein Schüler des Propheten Elisa. Elisa, der Gottesmann, zog umher und kümmerte sich um die Sorgen und Nöte der Menschen und er predigte ihnen, dass sie so leben sollten, wie es Gott gefällt. So wie eine Pastorin es tut. Nun geschah es, dass der Mann ganz plötzlich starb. Große Trauer herrschte im Haus. Welch großes Unglück hat Gott uns angetan, dachte die Frau. Was soll jetzt aus uns werden? Und wovon sollen wir leben?

Da klopfte es an der Tür. Vor ihr stand ein feingekleideter Herr. Nachdem er ihr sein Beileid ausgesprochen hatte, kam er schnell zur Sache: Ich habe deinem Mann Geld ausgeliehen. Das will ich nun zurückfordern. Die Frist ist um. Die Frau wurde kreidebleich. Woher sollte sie nur das Geld nehmen? Wo sie doch so schon nichts im Haus hatten!

Guter Mann, hab Erbarmen, rief sie. Meine Kinder und ich, wir haben nicht einmal genug zum Leben. Wie soll ich da die Schulden bezahlen? Doch der Mann blieb hart: Wenn du mir das Geld nicht zurückbezahlen kannst, dann muss ich deine Kinder mitnehmen. Die können dann für mich arbeiten, sagte er. Nimm mir nicht meine Kinder! Sie sind das Liebste, was ich noch habe, schrie die Frau verzweifelt.

Der Mann zögerte. Nun ja, ich bin kein Unmensch. Ich lasse dir drei Tage Zeit, das Geld herbei zu schaffen. Aber wenn du nicht innerhalb von drei Tagen das Geld besorgt hast, dann komme ich wieder und hole mir deine Kinder, sagte er. Dann drehte er sich um und verschwand. Die Frau stand wie versteinert da. Was soll ich bloß tun? dachte sie. Niemand wird einer armen Witwe Geld leihen, damit sie ihre Schulden bezahlen kann. Und ich habe nur noch einen einzigen Krug mit einem Rest Öl im Haus. Das reicht nicht mal für meine Kinder. Und das Schlimme war: Sie wusste, dass der Mann im Recht war. Wenn sie das Geld nicht auftrieb, dann standen ihm ihre Kinder zu und er konnte sie zu seinen Sklaven machen. Das war israelitisches Recht.

Die Frau dachte: Jammern allein nützt nichts. Sie verließ das Haus und machte sich auf die Suche nach dem Propheten Elisa. Als sie ihn schließlich fand, rief sie ihm entgegen: Dein treuer Schüler, mein Mann ist gestorben. Jetzt kommt der Schuldherr und will mir meine Kinder nehmen. Du musst mir helfen! Elisa fragte: Wie kann ich dir helfen? Sag mir, was hast du noch im Haus? Nichts, gar nichts, rief die Witwe verzweifelt. Nur einen Krug mit einem winzigen Rest Öl. Mehr habe ich nicht mehr für mich und meine Kinder. Elisa sagte: Dann gehe zu deinen Nachbarinnen und besorge leere Töpfe und Krüge, aber nicht zu wenige. Dann gieß von dem Öl, das du hast, in alle Töpfe und Krüge, bis sie voll sind.

Die Frau tat das, was Elisa ihr gesagt hatte, und tatsächlich füllte sich Topf um Topf mit Öl. Das Öl reichte für sämtliche Krüge. Ein Wunder war geschehen. Jetzt verkaufe das Öl, sagte Elisa. Dann bezahlst du alle deine Schulden von dem Geld. Und von dem Geld, was übrig bleibt, sollst du dich und deine Kinder ernähren. Die Frau war überglücklich. Auf diesem Weg kam sie wirklich an Geld und konnte weiter mit ihren Kindern zusammen leben.

Es wäre doch schön, wenn Ihnen auch so ein Wunder geschehen würde! Gerade nach einer Beerdigung haben viele Leute Geldsorgen. Die Beerdigung und das Grab selber kosten schon soviel, und wenn der Partner verstorben ist, bleibt auch weniger Geld zum Leben.

Aber die Geschichte von der Frau und dem Propheten Elisa ist nicht nur eine Geldgeschichte. Sie zeigt, dass mit dem Tod eines Angehörigen das ganze Leben ins Wanken kommen kann. Nichts ist mehr, wie es war. Ein wesentlicher Halt im Leben ist verloren gegangen. Selbst in Häusern, in denen es vorher viel Streit gab und in denen das Miteinander schwierig war, ist doch nach dem Tod eine große Lücke zu spüren. Niemand kann die Verstorbenen ersetzen, nicht den Partner, die Partnerin, nicht die Eltern und nicht die Kinder. Manchmal brechen bei den Hinterbliebenen Konflikte auf, die so vorher nicht zum Ausbruch gekommen sind. Jeder ist vom Tod betroffen. Jeder trauert anders. Nicht jeder ist in der Lage, die anderen Familienangehörigen mit zu stützen und mitzutragen. Zu schwer ist oft schon die eigene Last.

Und dann ordnen sich ja auch manche Familienkonstellationen neu. Wer hat jetzt das Sagen? Wer entscheidet nun, wie es weitergeht und was getan wird? Manche von Ihnen werden in diesem Jahr besonders um Ihre eigenen Rechte gekämpft haben. So wie die Witwe in der Biblischen Geschichte.

Ich möchte Ihnen Mut machen, das auch zu tun. Setzen Sie sich ein für Ihre eigenen Rechte. Sie sind es wert, dass Sie für sich selber sorgen. Vielen von Ihnen ist im vergangenen Jahr diese Kraft verloren gegangen. Einige haben ihren Partner oder ihre Eltern gepflegt, manche eine lange Zeit. Einige haben einen plötzlichen Tod wie einen Schicksalsschlag verkraften müssen. Dass das Leben weitergehen musste trotz Ihrer schweren Erlebnisse und trotz Ihrer Trauer, hat Ihnen viel Kraft genommen.

Diese Zeit, nachdem ein naher Mensch gestorben ist, ist meist eine Zeit, in der man angreifbarer ist als sonst. Die Nerven liegen schneller bloß. Man hört sehr aufmerksam, was andere sagen oder nicht sagen. Manche dahin gesagten Sprüche wirken wie spitze Stacheln. Die Gedanken sind unkonzentriert. Sie wandern ab in Erinnerungen. Schon die Organisation des Alltags bereitet Schwierigkeiten.

Drei Dinge will uns die biblische Geschichte mit auf den Weg geben:

1. Sprecht es aus, wenn Ihr Hilfe braucht! Die Witwe hat sich nicht verkrochen. Sie ist aus dem Haus gegangen und hat Elisa gesucht. Sie hat Hilfe gesucht, als sie nicht mehr weiter wusste. Elisa hat sie erstmal gefragt: Was willst du, dass ich dir tun soll? Diesen Satz sagt Jesus später auch. Die Frau muss selbst beschreiben, wo das Problem liegt. Sie muss es sich genau bewusst machen und es ausdrücken. Angehörige und Freunde sind oft froh, wenn sie direkt von den Trauernden angesprochen werden und wenn sie wissen, was sie tun können.

2. Habt Gottvertrauen, auch wenn Ihr den Sinn nicht immer seht! Die Witwe in der Geschichte konnte ja überhaupt keinen Sinn darin sehen, dass sie die Krüge von den Nachbarinnen holen sollte und dass sie Öl darein füllen sollte. Sie hat trotzdem Elisa vertraut. Manchmal ist das so: Da kann man den Sinn in einem Weg nicht selbst sehen. Da muss das Vertrauen reichen. Und siehe da: Es gelingt. Alle Krüge sind voll. Sie kann das Öl verkaufen und die Schulden bezahlen. Aufatmen kann sie.

3. Aktiviert eure eigenen Möglichkeiten! Der Prophet Elisa verweist die Frau auf ihre eigenen Möglichkeiten. Nimm das, was du hast! Nutze die Beziehungen, die du hast! Setze deine Fähigkeiten und Begabungen ein! Die Witwe vertraut darauf. Sie traut ihren eigenen Möglichkeiten wieder etwas zu. Und sie entdeckt einen Weg, der ihr hilft.

Dies ist die Geschichte für Menschen, die es üben müssen, für sich selber zu sorgen

Gott wird Eurem Bemühen seinen Segen geben.

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