Veränderung will in uns beginnen

Eine Predigt, die sich gewaschen hat … Es gibt Blicke in den Spiegel, die man gerne vermeiden würde … Wenn die Welt wirklich so einfach wäre – hier gut, dort böse – hier weiß, dort schwarz. Aber sie ist eben komplizierter, hat viele Grautöne und Schattierungen.

Drei Gedanken, die mir sofort beim Lesen dieser unbequemen Predigt Jesu in den Sinn kamen. Und dann dachte ich: wer würde sich diese Beleidigung gefallen lassen, zur Schlangenbrut zu gehören, im Dreck herumzukriechen, wie Ungeziefer in die Ecke, noch schlimmer in die Teufelsecke gestellt zu werden. Hand aufs Herz: ist das ihr/ ist das unser Lebensgefühl heute am Buß- und Bettag?

Von einzelnen Abstrichen einmal abgesehen, bemühen wir uns doch alle zusammen, recht ordentlich durchs Leben zukommen. Wenn sich an den 10 Geboten Wohl und Wehe, Gut und Böse, Heil oder Unheil entscheiden sollte, dann, so höre ich manchmal, würden wir wohl alle ganz gut durchkommen. Es fällt uns gar nicht richtig ein, den reuigen Büßer abzugeben, den seine Sündenschuld um den Schlaf und Verstand bringt. Da hat sich unser Lebensgefühl früheren Generationen gegenüber grundlegend gewandelt.

Manche sagen, dass hätte etwas mit der Entchristlichung der Gesellschaft und des Alltags zu tun, wo der Mensch für sich genommen, sich auch allein frei und gerecht sprechen kann. Vielleicht ist es aber auch die reformatorische Einsicht radikal zu Ende gedacht, dass wir begnadete Sünder sind, dass uns die Türen zum Paradies weit aufgestoßen sind, weil wir nicht mehr unser Gutsein in die Waagschale werfen müssen, sondern uns ganz und gar den ausgestreckten Händen Jesu anvertrauen dürfen.

Das Problem liegt im Detail. Grobschnitzartig können wir uns durchaus als halbwegs taugliche Menschen sehen. Aber wie ist das mit den Früchten im Alltag und im alltäglichen Umgang miteinander? Mit seinem Gleichnis von den guten und faulen Bäumen stellt Jesus ja einen greifbaren Zusammenhang her zwischen Person und Tat, zwischen Menschen und ihren Lebensumständen.

Wie war das mit den Konflikten im letzten Jahr? Streit mit den Nachbarn, Missverständnisse mit den Kindern oder Enkelkindern, Ärger mit den Eltern, das schwelende Misstrauen am Arbeitsplatz, die Ausgrenzung in der Schule. Eine ganz typische Verhaltensweise wäre es, die Verantwortung erst einmal beim anderen zu belassen. Die einfachste Form der Entlastung heißt: ich habe ja getan, was ich konnte. Mehr kann ich nicht geben.

Aber wenn wirklich alles mit allem zu tun hat, dann kann ich mich nicht aus der Verantwortung stehlen, sondern muss dazu stehen, dass zu jedem Missverständnis, zu jedem Konflikt und zu jeder in irgendeiner Weise gescheiterten Beziehung zwei Personen gehören. Und wenn ich ganz ehrlich in mich hinein höre, dann kann ich auch wirklich so manches Mal den Streit, die Missverständnisse und das Misstrauen, den Ärger und die Abgrenzung in mir drin entdecken.

„Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über“ – dieser Satz Jesu ist ja zu einem Sprichwort geworden, weil er durch unzählige Lebenserfahrungen abgesichert und untermauert ist. Was an ungutem in unseren Lebenszusammenhängen passiert hat auch in uns seinen Ursprung.

Umgekehrt ist es übrigens genauso. Die Zufriedenheit, die Geborgenheit, die Liebe, die ich empfinde, die ich wahrnehme, die ich zulasse, verändert nicht nur mein Leben, sondern auch meine ganze kleine Welt. Mancher mag jetzt innerlich Widerstand verspüren, weil er zwar gerne für den Frieden verantwortlich ist, der seiner Zufriedenheit entspringt, nicht aber für den Unfrieden. Deshalb wird Jesus noch einmal ganz konkret und vor allem ganz menschlich.

Denk noch mal darüber nach, scheint er zu sagen, welche Macht die Worte haben, die du sprichst. Ein unbedachtes Wort in einem Streit ist manchmal nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Je häufiger ich über einen Menschen statt mit ihm zu reden, desto mehr entferne ich von ihm. Vielleicht ist das sogar die Wurzel allen Misstrauens, dass ich mir nicht mehr im Gespräch mit meinem Gegenüber, meinen Geschwistern und Freunden, meinen Kollegen oder Nachbarn oder sonst wem ein Bild mache, sondern in vielen Gesprächen mit Dritten mein Bild von dem Anderen zu bestätigen suche.

Es gibt nichts verhängnisvolleres, als miteinander immer wieder über die Person zu reden, von der man sich abgrenzen möchte und so den Abstand immer größer werden lässt. Das gilt übrigens für das Gespräch mit Gott ebenso. Über Gott reden ist noch lange nicht das Gleiche wie mit Gott zu reden. Und ein wahrhaftiges Bild von ihm kann ich mir nur machen, wenn ich mit ihm rede.

So nahe liegen Buß- und Bettage beieinander. Es scheint also nicht verkehrt zu sein, dass Jesus den Menschen einen Spiegel vorhält. Sicher ist es unangenehm hineinzusehen und eigene Verantwortung darin zu entdecken. Es geht auch nicht darum zu erkennen, dass wir in Wahrheit nicht der schöne Schwan, sondern das hässliche kleine Entlein wären. Der biblische Begriff der Sünde und der Buße ist leider viel zu oft missbraucht und vergewaltigt worden, um Menschen zu verurteilen, klein und hässlich zu machen.

Jesu Anliegen ist das genaue Gegenteil davon. Er möchte, dass wir uns auf den Weg machen, die Menschen nach Gottes Willen zu werden, die wir sein können. Er hat immer aufgerichtet und wieder losgeschickt auf den Weg. Er hat das Gute im Menschen gestärkt gegen das Böse, das sich Gehör verschaffen will. Er hat jedem zugetraut wahrhaftig Kind Gottes zu sein.

Er traut uns zu, dass wir als Kinder Gottes in dieser Welt leben und aus uns heraus als Frucht unseres Glaubens dieser Welt auch ein anderes Gesicht geben können. Nicht mehr und nicht weniger schenkt er uns, wenn es heißt: dir sind deine Sünden vergeben. Darin liegt verborgen die Ahnung, welcher Chancen und Möglichkeiten sich eine Gesellschaft beraubt hat, die meint zugunsten der Ökonomie, der Steigerung der Produktion und des Wirtschaftswachstums auf einen Buß- und Bettag verzichten zu können.

Uns wünsch ich heute die Erfahrung des Neuanfangs und des Aufbruchs heraus aus alten Verstrickungen hinein in neue Begegnungen und Beziehungen und die Erfahrung des Friedens in uns, den ich weiterschenken kann.

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