Schatz des Herzens

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Liebe Gemeinde,

es gibt ein Bild von Edward Munch, dem norwegischen Maler, der 1944 gestorben ist. Dieses Bild heißt "Der Tod im Krankenzimmer". Sechs Menschen zeigt dieses Gemälde. Auf einem Stuhl ahnt man die siebte, die sterbende Person. Man hat sie aus dem Bett geholt und noch einmal hingesetzt.

Im Vordergrund hockt eine junge Frau, deren Gesicht vom Weinen ganz gerötet ist. Ihr Kopf ist gesenkt. Die Hände im Schoß gefaltet. Aber ich glaube nicht, dass sie betet. Hinter ihr steht eine weitere Frau, die aus dem Bild heraus an uns vorbeischaut. Ihr Blick geht ins Leere. Hinten links sieht man einen Mann, der Halt sucht an der Wand. Alle Menschen, die man auf diesem Bild sieht, halten ihre Köpfe gesenkt.

Der Betrachter spürt sofort die bedrückende Atmosphäre dieses Bildes. Äußerlich ist alles still. Aber im Inneren schreien die Seelen. Ich habe dieses Bild für Sie kopiert. Der eine oder die andere von ihnen, da ich bin ich mir sicher, wird sich sofort an Situationen im eigenen Leben erinnert fühlen.

Das muss gar nicht im Kranken- oder im Sterbezimmer gewesen sein. Wir alle kennen solche Konstellationen: Eben war noch lautes Gerede. Ja, es hatte Streit gegeben. Die Worte flogen nur so hin und her. Und dann war der böse Satz gefallen. Die hässliche Wahrheit – wenn man es denn Wahrheit nennen darf, was ohne Liebe gesprochen wurde – bringt alle zum Schweigen.

Aber vielleicht hat auch nur jemand geschrieen. Und in diesem Schrei lag ein Fluch, eine Herabwürdigung, eine Erniedrigung – oder schlicht nur eine böse Gemeinheit. Und dann ist es auf einmal still.

Jeder überprüft in seinen Gedanken, was er gehört und meistens noch intensiver das, was er selbst gesagt hat. Jetzt, wo die Wunde so groß ist, die man mit Worten geschlagen hat – jetzt herrscht auf einmal große Betroffenheit.

Ein Sprichwort sagt: Ein Wort, einmal gesprochen, kann mit dem schnellsten Pferd nicht zurückgeholt werden. Und ein anderes sagt: Eine von Pfeilen verursachte Wunde vernarbt; ein von der Axt nieder gehauener Wald wächst wieder empor; eine durch verletzende Worte geschlagene Wunde verheilt niemals ganz.

Ich denke, wir alle haben genug solche Szenen in unserem Leben erlebt. Mal als Täter, das andere Mal als Opfer. In beiden Rollen fühlt man sich hinterher nicht gut. Kaum ist der Zorn vorbei und die Wut verraucht, der versammelt sich auch schon das innere Gericht.

"Was haben Sie der eben gesagt?", hält einem der Staatsanwalt vorwurfsvoll entgegen. "Ja, aber …", stotterte man gemeinsam mit seinem Rechtsanwalt. Die Verhandlung ist schnell vorbei. "Schuldig!", donnert es von Richtertisch des Gewissens.

Und hier ist die Strafe: Mindestens fünf Jahre Schweigen zwischen ihnen und ihrem Opfer. Täglich einmal müssen Sie zur Strafe an diese böse Wort-Wunde denken, die sie im Zorn geschlagen haben. Vergebung gibt es vielleicht nie.

In Matthäus Evangelium heißt es im 12. Kapitel: "Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, dass sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.“

Es ist sehr hart, wie Jesus hier spricht. Natürlich versuchen wir es meistens im Nachhinein unseren Worten die Schärfe wieder zu nehmen: "Das habe ich so nicht gemeint". „Ich war halt wütend". An Entschuldigungen mangelt es nicht. "Du hast mich auch so gereizt". Dieser Satz soll dem Opfer Mittäterschaft einreden. Manchmal hört man auch: „Die Wahrheit wird man doch wohl noch sagen dürfen“.

„Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden“. Es ist sehr hart, wie Jesus hier spricht. Und ich möchte diese Härte in keinerlei Weise mildern. Ich will mit ihnen aber nicht über einen fernen Tag des Gerichts spekulieren, der sich dereinst im Jenseits ereignen mag.

Wir erfahren den „Tag des Gerichts“, von den Jesus spricht, so möchte ich behaupten, in unserem Gewissen. Ich sollte besser sagen: Wir erfahren den Tag des Gerichts über sinnlose, böse und verletzende Worte in unserem Gewissen, sofern wir noch ein Gespür dafür haben, wie grausam und unmenschlich, wie hässlich und herabwürdigend unsere Sprache geworden ist.

Nehmen wir den Ruf des heutigen Bibeltextes so, wie er wohl auch gemeint ist. Verstehen wir ihn ruhig als eine Mahnung, als dringliche Mahnung. Hören wir ihn ruhig als Ruf zur Buße. Hören wir ihn ruhig als Ruf zur Umkehr. Wohl einem jeden von uns mag es gut tun, den eigenen Stil, über andere und mit anderen zu reden, einer Prüfung zu unterziehen.

Schauen wir noch einmal auf das Bild von Edward Munch. Es mag gut sein, dass die abgebildeten Personen im Innern vor Gericht stehen. Jetzt, wo der Tod in den eigenen Lebensraum so nahe eingedrungen ist, da verstummen Reden und Gespräch. Da hatte man vielleicht gerade noch darum gestritten, wer Nachtwache hält. Und ein hässliches Zischen ging hin und her und uralte Vorwürfe von geneideter, angeblicher Bevorzugung durch Vater, Mutter und Großeltern. Und dann heißt es: „Es geht zu Ende“. Und auf einmal schämt man sich seiner kleingeistigen Streitereien wegen.

Ich denke, Sie kennen solche Situationen, wo man der Nichtigkeit, der Oberflächlichkeit und auch des klammheimlichen Hasses unserer Sprache gewahr wird.

Im Jakobus Brief wird das Thema Sprache noch einmal aufgenommen. Da heißt es: „So ist auch die Zunge ein kleines Glied und richtet doch große Dingern. Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt von Ungerechtigkeit. So ist die Zunge unter unsern Gliedern: Sie befleckt den ganzen Leib und zündet die ganze Welt an … Mit ihr loben wir den Herrn und Vater und mit ihr fluchen will den Menschen, die nach dem bilde Gottes gemacht sind. Aus einem Mund kommt loben und fluchen. Das soll nicht so sein, liebe Brüder.“ Und ich füge ausdrücklich hinzu: Liebe Schwestern!

Matthäus leitet die Worte Jesu mit einem gleichnishaften Bild ein. Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein schlechter Baum … und dann kommt dieser schöne Vergleich: Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. Sie hätten diesen Vers missverstanden, wenn wir uns von ihm dazu verleiten ließen, Menschen, dich und mich, in Schwarz und weiß oder gut und böse aufzuteilen. Wie sagte mal jemand mit Recht: Der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, geht mitten durch das eigene Herz.

Wir sind immer beides zugleich: versöhnlich und unversöhnlich; zornig und mild, verletzend und selber verletzt. Und wir haben beide Schätze in uns: den bösen und auch den guten Schatz im Herzen.

Die Absicht der mahnenden Worte Jesu zielt ja nicht daraufhin, uns in die Hölle zu stoßen. Die Absicht Jesu ist es, uns vor dem Gericht zu bewahren, das wir selbst über uns sprechen oder andere uns bereiten.

Schauen wir noch einmal auf das Bild. Wenn ich es richtig deute, dann spricht in diesem Bild nur ein einziger. Das ist der alte Herr im Hintergrund, der seine Hände zum Gebet erhoben hat. Das mag ein Pfarrer sein. Aber darauf kommt es hier nicht an. Es kommt auf das an, was durch ihn geschieht. Durch ihn wird Gott in diesen Raum hinein gerufen. Es gibt Situationen, in denen Gebet und Heilige Schrift allein würdig sind, gehört bzw. gesprochen zu werden, weil diese Klänge unmittelbar gut tun der Seele, dem Herzen und dem Gemüt.

Das Gebet, heilige Worte, heilende Worte, heilsame Worte und Gesten; das alles täte uns so gut. Danach sehnen wir uns doch alle, dass man gut mit mir spricht. Dass man gut über mich spricht. Dass ich gute Worte höre.

Danach sehnen wir uns alle, dass ein anderer Mensch etwas vom „guten Schatz“ in seinem Herzen gibt. Da, wo wir Gott in den Raum unseres Lebens rufen, wird es hell, versöhnlich und gut. Jede/r von uns hat die Begabung, aus dem guten Schatz seines Herzens zu schenken.

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