Einander dienen

Am Ende des Kirchenjahres müssen wir uns darauf besinnen, dass wir so handeln, dass wir jederzeit Auskunft geben können über unser Leben. Jesus mahnt uns an das Gericht: "bist du vorbereitet, wenn der letzte Tag kommt. Bist du vorbereitet, wenn dein letzter Tag kommt?" So fragt er allenthalben, wenn ihm seine Gegner in theologisch verfängliche Gespräche verwickeln wollen. "Und du" – fragt er zurück: "wie sieht es mit dir aus? Hast du alles getan, um zu einem gelingenden Miteinander der Menschen hier auf Erden beizutragen?"

Um diese Frage zu stellen: "Wie hältst du es mit deinen Mitmenschen?" verwendet Jesus allerhand Beispiele aus dem täglichen Leben und ich bin sicher, dass Sie alle hier auch dieses aus Ihrer Umwelt kennen. Ein fauler Baum hat im Garten keine Existenzberechtigung mehr: er muss entfernt werden, denn der Gartenbaum führt keine Existenz um seiner selbst willen, sondern er hat ein Ziel, einen Zweck: er soll Früchte bringen, und zwar gute, schmackhafte. Trägt der Baum nicht, oder nicht ausreichend oder sind seine Früchte ungenießbar, dann wird er aus dem Garten entfernt. Und das, liebe Gemeinde, müssen wir uns vor Augen halten. Es geht um die Existenz im Garten, um diesen privilegierten, hervorgehobenen Ort.

Wer von Ihnen die Gärtnerei als Hobby betreibt, weiß, was für einen Aufwand man für einen schönen Garten treiben kann. In der Regel ist es nicht dem Zufall überlassen, welche Blumen und Gewächse wo stehen, wo Nutz- und wo Ziergarten sein soll. Ein Garten braucht einen Gärtner oder eine Gärtnerin, die einen Plan mit diesem Garten hat.

Der Clou aber von Jesu Rede: bei euch Menschen ist es ganz genau so: es gibt einen Gärtner, der einen Plan hat mit euch Menschen, mit seinen Geschöpfen, mit seinen Pflanzen. Das ist vorab ganz wichtig zu hören, denn natürlich sehen wir unsere Umwelt Gott-sei-Dank nicht nur nach Nützlichkeits- und Leistungserwägungen. Wir freuen uns z.B. an der schönen Natur, die uns gerade hier in unserer Gegend geschenkt wurde und müssen nicht ständig daran denken, wie gut und sinnvoll es doch sein könnte, jenen Berg abzutragen oder jenen Hügel zu begradigen, damit dann bald eine Straße die Orte x und y noch besser und noch schneller miteinander verbinden kann. Gott hat auch einen Plan mit diesen Bäumen, die keine Frucht bringen, die nicht für den Garten taugen, für die also, die wir vielleicht scheel ansehen. Aber Jesu Bild beschränkt sich auf diesen bewusst gepflanzten und gestalteten Garten. Dort muss sich alles dem Ziel des Gärtners beugen.

Wir vergessen es allzu häufig, dass wir auch aus einem Garten stammen, so will es die Bildersprache unserer Heiligen Schrift. Paradies heißt übersetzt "schön angelegter Garten": dort kommen wir her und wieder dorthin zu gelangen, ist unser Ziel. Und in diesem Garten Gottes haben auch wir eine Aufgabe. Wir existieren nicht für uns selber. Mit anderen Worten, dass es den Herrn Hintz und den Herrn Kuntz gibt, ist schön und eine Bereicherung für die Schöpfung, weil sie beide einmalig sind und einen besondern Akzent setzten in der Vielfalt aller Geschöpfe Gottes. Aber ihre Existenz ist kein Selbstzweck. Es geht nicht um die Vergötterung dieser einzelnen Pflanzen: sie sollen gerade nicht in den Himmel gehoben werden. Sie sind in diesem Sinne nichts Besonderes. Sondern sie sind dazu da, dem anderen zur Freude zur gereichen. Ihm zu dienen, wäre dafür ein alter Ausdruck. Sie sind dazu da, den Nächsten zu stützen, ihm zu helfen, mit ihm ein gelingendes Miteinander zu leben.

Buß- und Bettag, liebe Gemeinde: vergessen wir das nicht: unsere Existenz im Garten ist eine dienende hin zum Nächsten. In den Gleichnissen Jesu finden wir diese dienende Existenz immer wieder erläutert und erklärt. Den Frommen zur Zeit Jesu, den Pharisäern gibt er in unserem Predigtwort, eine Antwort, die auf sie speziell zugeschnitten ist. Achtet auf eure Worte! Achtet auf das, was ihr mit euren Worten anrichtet! Das nichtsnutzige Wort bedeutet, was es heißt: es ist zu nichts nutze. Es dient nicht, sondern es kann allenfalls zerstören. Es baut nicht auf, sondern es reißt ein. Rede ich also, um mich selber auf einen Sockel zu heben? Rede ich, um bewundert und anerkannt zu werden? Rede ich, damit die Leute sehen können, was ich für ein toller Kerl bin? Oder rede ich, um dem anderen zu helfen, um mit ihm zu trauern, um mit ihm zu lachen? Bin ich ehrlich in dem, was ich sage, oder sage ich es nur, um mich selbst zu bestätigen oder gar, damit der andere mir endlich Recht gibt?

Sie wissen selbst, liebe Gemeinde, wie schwer es ist, heutzutage eindeutig zu reden. Viele Forscher sind schon an der Frage gescheitert, wie man eine Sprache finden kann, die Eindeutigkeit produziert. Aber wir wissen es: das funktioniert nicht. Selbst bei den einfachsten Sätzen kommt es z.B. darauf an, wie man sie betont oder welcher möglicher Sinn bei den Worten, die ich verwende noch dahinter stehen kann. Nehmen wir ein bekanntes Beispiel aus der Literatur: Eine Mutter sagt zum Kind, das sich gerade anschickt, nach draußen zu gehen: "Es ist kalt draußen." Was wird das Kind hören und wir, die wir diesen Satz betrachten? Das Kind wird möglicherweise die Aufforderung hören, sich etwas Warmes anzuziehen, obwohl es die Mutter mit keinem Wort direkt erwähnt hat. Vielleicht hört das Kind aber auch die Botschaft, dass die Mutter glaubt, das Kind könne eben nicht alleine entscheiden, ob es etwas anziehen soll oder nicht. Es brauche wohl eine höhere Ordnung. Vielleicht hat aber das Kind auch Mitleid mit der Mutter, weil es weiß, dass die Mutter immer so schnell friert, dass sie am liebsten alle Menschen nur in dicken Jacken und Mänteln herumlaufen sähe. Ein klassisches Beispiel für die Vieldeutigkeit unserer Sprache. Eines noch für die Autofahrer unter uns: Sie sitzen am Steuer und fahren – wie Sie meinen ordentlich – dahin, plötzlich sagt ihr Beifahrer aber: "Da vorne ist eine rote Ampel." Ja, was will er jetzt damit sagen: fahre ich etwa zu schnell und kann nicht mehr bremsen? Sehe ich etwa nicht mehr gut und kann die Ampel nicht erkennen? Oder will der Beifahrer mit mir tatsächlich über diese konkrete rote Ampel ins Gespräch kommen?

Mit anderen Worten, liebe Gemeinde: eine Eindeutigkeit unserer Sprache können wir niemals erreichen, sondern es hängt eben immer vom Gegenüber, von meinem Mitmenschen mit ab, wie etwas zu verstehen oder zu tun ist. Genauso wenig, wie wir es erreichen können, eindeutig fest zu legen, was denn nun gut oder böse sei.

Vielleicht verfolgen Sie ja die Diskussion in den USA, über die die Presse berichtet: soll die USA Folter für einen höheren Zweck einsetzten dürfen oder nicht? Oder noch banaler: was ist denn überhaupt Folter? Bei uns in Deutschland haben Sie ja das Urteil mitbekommen: selbst, wenn es darum geht, einem Entführer das Versteck seines Opfers zu entlocken, darf nicht gegen die Verfassung verstoßen werden, selbst, wenn dadurch vielleicht das Leben des Opfers gerettet werden könnte. Schwierig all diese Entscheidungen und für viele von uns bestimmt noch nicht eindeutig genug. Auch das also wird uns bleiben, in dieser Welt. Die Ambivalenz, das Doppeldeutige. Eine gut gemeinte Tat kann zu einem bösen Ergebnis kommen. Und eine böse angelegte Tat kann manchmal gute Folgen haben. Aber wir Menschlein können das nicht überblicken oder anders ausgedrückt: wir können den Erfolg nicht einplanen. Wir sind nicht die Gärtner in unserem Garten.

Deswegen bricht es Jesus immer wieder hinunter auf die Ebene zwischen mir und meinem Nächsten. Habe bei allem, was du tust und was du sagst, das Wohl deines Nächsten im Blick. Bemühe dich darum, dass er ein gelingendes Leben führen kann. Achte auf ihn, wenn er strauchelt, sei bei ihm, wenn er Fehler macht, weine mit ihm, wenn er trauert und freue dich mit ihm, wenn er fröhlich ist. Ja, ich weiß, auch das kann ausgenutzt werden, auch das kann ins Leere laufen. Aber darüber haben dann nicht wir zu richten. Uns ist es aufgetragen, nach dem Plan des Gärtners unsere Früchte in diesem Sinne zu guten Früchten zu machen. Es wird immer wieder passieren, dass jemand kommt und die guten Äpfel vom Baum nimmt, um sie an die nächste Hauserwand zu schmeißen, einfach so, wie es manchmal Kinder tun. Aber es entbindet uns nicht, von der inneren Pflicht, für die uns unser Gärtner vorgesehen hat. Daran erinnert uns heute unser Predigtwort. Mit dieserm Wissen, mit dieser Ermahnung werden wir wieder in unsere Welt geschickt, um dort als Christen tätig zu werden, wo der Grundsatz der Mitmenschlichkeit und dem Einander-dienen so offensichtlich widersprochen wird.

Wir Christen haben ein Ziel, das in unsere Gegenwart hineinreicht und unser Handeln trägt und leitet: es ist der Garten, der auf uns wartet am Ende dieser Tage, am Ende der Zeit. Es ist ein perfekter Garten, in dem solche Ermahnung und Zurechtweisung nicht mehr nötig ist. Es ist der Garten, der bereits am Anfang der Zeit gestanden hat mit wunderbaren, prächtigen Blumen und Gewächsen. Dieser Garten ist uns erkauft und versprochen durch Christus Jesus selbst. Dessen sind wir gewiss und getröstet in all unserer Unzulänglichkeit bei dem Bemühen, selber gute Früchte zu tragen.

Und der Friede Gottes, in der wir die Herrlichkeit des Paradieses entdecken können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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