Provokation

Liebe Gemeinde,

heute am Buß- und Bettag denken wir daran, was alles falsch läuft in unserem Leben und stellen uns die Frage, was können wir anders machen. Wie können wir unsere Fehler vermeiden. Wie können wir einen Weg in eine bessere Zukunft finden? Dabei geht es sowohl um uns als einzelne als auch um die Gemeinschaften, in denen wir leben. Es geht um unsere Familie, genauso wie um unser Dorf, unser Land und das was einmal ein Politiker Weltinnenpolitik genannt hat.

Ich hoffe unser heutiger Predigttext wird uns dabei helfen, umzukehren und bessere Wege zu finden. Ich lese Matthäus 12,33-37:

[TEXT]

Wie kann uns dieser Text dabei helfen, zu erkennen, was wir falsch machen und neue Wege zu gehen. Dieser Text scheint uns eher festzulegen. Wir sind halt entweder wie ein guter Baum oder wie ein fauler Baum. Das ist so. Und das heißt ja auch wir haben keine Chance, uns zu ändern. Unsere Taten und Worte sind entweder gut oder böse. Und daran können wir auch nichts machen, weil diese Taten und Worte einfach spiegeln wie es in uns aussieht. Damit sind wir festgelegt, und das war es. Eigentlich könnten wir jetzt auch wieder nach Hause gehen. Buß- und Bettage können dann nämlich nichts nützen, wenn das so gemeint ist.

Ein merkwürdiger Text für eine Predigt am Buß- und Bettag.

Klarer wird das ganze erst wenn wir uns den Zusammenhang ansehen, in dem der Text steht. In Kapitel 12 im Matthäusevangelium sind wir an der Stelle wo sich das Schicksal Jesu entscheidet. Das ganze Kapitel geht um die Auseinandersetzung mit den Pharisäern einer Gruppe im Judentum, der Jesus nahe steht. Die Pharisäer sind fromme Juden. Sie halten sich an die Gebote. Sie beten regelmäßig und wollen Gott dienen. Jesus tut dauernd Dinge, die nicht zu ihren Regeln passen. Jesus hat am Sabbat geheilt, also gegen ein wichtiges Gebot verstoßen. Da platzt den Pharisäern der Kragen. Sie beschließen ihn zu töten. Dann heilt Jesus einen Besessenen. Die Pharisäer sagen: Er hat den bösen Geist mit Hilfe des Teufels, des Chefs der bösen Geister ausgetrieben. Und jetzt platzt Jesus der Kragen. Er beschimpft die Pharisäer hier in unserem Text: „Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid.“ Jesus ist verzweifelt, dass er die Pharisäer mit dem was er tut und sagt nicht mehr erreichen kann. Sie haben einen Weg gefunden, das Gute, dass er tut, als Böses darzustellen und wahrzunehmen. Hier ist die Feindschaft festgeschrieben. Die Auseinandersetzung ist zu einem Kampf auf Leben und Tod geworden. Und Jesus droht den Pharisäern mit dem Gericht Gottes: „Für das, was ihr hier und heute über mich gesagt habt, werdet ihr euch vor Gott verantworten müssen!“ Das ist mit dem letzten Satz unseres Predigttextes gemeint.

Jesus meint also mit dem Bild vom guten und vom faulen Baum: Ihr habt euch festgelegt. Ich kann euch nicht mehr helfen. Euer Urteil über mich, dass ich mit dem Teufel im Bunde stehe, richtet euch selbst. In diesem Urteil zeigt sich, dass Ihr von Grund auf böse seid. Wenn ihr bei diesem Urteil über mich bleibt, dann habt ihr keine Chance in Gottes Gericht. Dann war es das für euch. Dann habt ihr euch für die falsche Seite entschieden und dann kann euch niemand mehr helfen. In diesem Urteil über mich habt ihr euch von Gott abgewandt. Im Grunde gibt Jesus ihnen damit das Urteil, dass sie über ihn gefällt haben, zurück: Nicht ich bin mit dem Teufel im Bunde. Ihr seid es!

Was für eine bittere Auseinandersetzung. Was für schreckliche Folgen.

Und was fangen wir heute damit an? Erst einmal können wir das Bild vom guten und vom faulen Baum besser verstehen. Jesus möchte ja gerade die Pharisäer nicht darauf festlegen, dass sie einfach böse sind. Er möchte ihnen die Chance geben, sich noch auf die richtige nämlich seine Seite zu schlagen. Er hofft, dass die Pharisäer sich zu ihm wenden. Sie sollen sagen: Nein, natürlich sind wir nicht böse. Natürlich wollen wir Gott dienen. Ja, wir sehen es ein, dass du nicht mit dem Teufel im Bund stehst, sondern in deinen Heilungen Gottes Kraft da ist. Jesus möchte, dass die Pharisäer umkehren und ihn verstehen und wahrnehmen, dass er aus der Kraft Gottes handelt. Er möchte, dass sie sich nicht von Gott abwenden, sondern dass sie sich Gott zuwenden.

Dieses Bild vom guten und vom faulen Baum ist als Provokation gedacht. Es fordert von dem, der es hört eine Antwort. Und wir können uns auch von ihm provozieren lassen. An uns geht die Frage Jesu: Was wollt ihr sein? Wollt ihr ein guter Baum sein, der gute Früchte bringt, oder wollt ihr euch damit abfinden ein fauler Baum zu sein. Wollt ihr es bei dem bösen lassen, das aus euren Handlungen spricht. Oder wollt ihr beweisen, dass ihr im Grunde eures Herzens doch gut seid. Wenn ihr davon überzeugt seid, dann muss sich das in dem, was ihr tut und sagt spiegeln. Dann wendet euch Gott zu, und ihr werdet das Gute tun können. Aber zuerst müsst ihr dazu das Böse, dem ihr euch schon zugewandt habt, verlassen. Jesus stellt uns die Frage: Wie ist es mit euch? Gibt es auch bei euch etwas, wo ihr euch so verrannt habt, dass ihr das Gute, das geschieht, nicht mehr sehen könnt? Wo befinden wir uns in Konflikten, bei denen wir die andere Seite verteufeln? Wo lassen wir keine Verständigung mehr zu? Wo haben wir Urteile gefällt, die der anderen Seite keine Chance mehr lassen, uns vom Gegenteil zu überzeugen? Die Warnung Jesu an dieser Stelle lautet. Mit solchen Urteilen bringt ihr euch selbst in große Gefahr. Wo ihr andere richtet, da kann euer Urteil leicht auf euch selbst zurückfallen.

Vielleicht finden Sie für sich eine Antwort auf eine dieser Fragen.

Das gute ist, dass Jesus diese Frage an uns stellt. Diese Frage ist keine Aufforderung Konflikte in der Welt aufzuzählen, wo wir anderen sagen: Ihr solltet eure Vorurteile abbauen. Jesus fordert uns nicht auf im Bürgermeisterwahlkampf der SPD oder der CDU oder beiden zu sagen: Führt einen faireren Wahlkampf, seht doch auch das Gute auf der anderen Seite. Es wird schwer werden nach soviel gegenseitigen Vorwürfen nach der Wahl wieder vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Das wäre wieder ein Urteil über andere. Dazu fordert uns Jesus gerade nicht auf. Die Frage geht an uns, nicht an die Sunnitischen Terroristen im Irak nicht an die amerikanische Regierung, die sich in das Abenteuer Irakkrieg gestürzt hat und nun nicht weiß wie sie da wieder rauskommen soll.

Die Frage geht an uns alle als einzelne. Insofern kann ich Ihnen auf diese Frage auch keine stellvertretende Antwort für sich selbst geben. Ich kann die Frage auch nur mir selbst stellen? Also gibt es etwas, wo ich mich in einem Konflikt so verrannt habe, dass ich der anderen Seite keine Chance mehr gebe? Kann ich das Gute bei meinem Gegner nicht mehr sehen?

Ja, mir fällt dazu etwas ein. Und zwar etwas berufliches und etwas privates. Was werde ich ihnen jetzt nicht erzählen.

Es war aber wichtig, mir die Frage gestellt zu haben. Ich ändere meinen Blick auf meinen Gegner. Und es war auch wichtig, dass mir dazu jemand eingefallen ist. Nächsten Monat werde ich eine dieser Personen sehen, und ich kann ihr etwas von dem Guten sagen, was ich jetzt durch diese Frage an mich selbst wieder zu sehen anfange. Ich glaube nicht, dass sich dadurch der Konflikt entspannen wird. Es geht in diesem Konflikt um etwas wichtiges. Und ich glaube, dass ich recht habe. Und ich werde das auch weiter vertreten bis mich jemand vom Gegenteil überzeugt hat. Aber ich kann meinem Gegner zugestehen, dass auch er etwas Gutes will. Und das kann ich ihm auch sagen. Dabei kann ich durchaus weiter der Meinung sein, dass das falsch ist, wie er die Dinge sieht. Und ich kann auch finden, dass wenn er sich durchsetzt, das schlecht für unsere gemeinsame Arbeit sein wird. Ich werde weiterhin zu verhindern versuchen, dass er sich durchsetzt. Aber vielleicht gibt es jetzt eher Kompromisse, vielleicht auch nicht.

Mal sehen.

Was uns bleibt heute am Buß- und Bettag ist Gott zu bitten, dass er uns in unseren Entscheidungen in dem was wir tun und in dem was wir sagen leiten möge. Wir können Gott bitten, dass er uns zeigt, wo wir uns verrannt haben, damit wir umkehren können. Wir können Gott bitten, dass er uns deutlich macht, wo wir etwas falsch machen, damit wir es dann richtig machen können. Und wir können Jesus Christus zutrauen, dass er uns zu guten Bäumen machen kann, damit die Früchte unserer Taten uns und anderen Menschen zu einem guten Leben helfen. Das dürfen wir hoffen. Uns darum zu bemühen schadet dabei auch nicht sehr.

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