Rechenschaft ablegen

55 Millionen Kriegstote,

14 Millionen Heimatlose Deutsche

500 000 Kinder, die von ihren Familien getrennt wurden

11 Millionen Kriegsgefangene

nüchterne, grausame, entlarvende Zahlen mit denen sich der zweite Weltkrieg beschreiben lässt.

60 Jahre alt und doch haben sie nichts von ihrem Schrecken und von ihrer Wirklichkeit verloren. Noch leben Menschen mitten unter uns, die diese Zahlen hören und sie sofort mit Gesichtern und Geschichten verbinden. Viel haben sie in diesem Jahr, in dem wir an die 60.Wiederkehr des Kriegsendes erinnert haben, erzählt.

Heute nun hat hier in der Maria-Magdalenen-Kirche mit diesem Gottesdienst die zentrale Gedenkfeier des Landkreises Uckermark begonnen. Das ist ein guter Ort für die Erinnerung, weil hier schon immer vergegenwärtigt, erinnert wurde, was Menschen mit ihrem Leben und mit ihrer Geschichte tragen.

Hier ist schon immer Leben, Leiden, Versagen , Schuld, aber auch Mut Einzelner unter das Wort von der Versöhnung gestellt worden. Das Kreuz im Altarraum dieser Kirche erinnert uns daran, dass Christus die dem Menschen entgegengestreckte Hand Gottes ist.

Aber auf dem Weg dorthin, auf dem Weg zu ihm, ist Rechenschaft abzulegen. Versöhnung gelingt nicht, ohne die Vergangenheit abzuarbeiten. Wir müssen heute noch einmal stellvertretend Rechenschaft ablegen von denen, denen Völker, Menschen, Familien, Kinder als Regierende anvertraut waren.

Rechenschaft darüber, welche Wege in das Unrecht, in die Zerstörung, in den Krieg führen. Dieses merkwürdige Gleichnis, das Jesus erzählt und das in den Bibeln als Gleichnis vom unehrlichen Verwalter überschrieben ist, hat genau das zum Thema:

Was wie ein klassischer Fall von Wirtschaftskriminalität aussieht, hat doch eine viel tiefere Bedeutung und größere Tragweite. Einem Verwalter wird vorgeworfen, dass er verschwenderisch war.

Was für ein Vorwurf, dabei kommt es doch ganz und gar auf die Situation und die Absicht an. Wer will einem jung Verliebten vorwerfen, wenn er verschwenderisch seine Gefühle zeigt.

Wer will Eltern einen Vorwurf machen, die ihrem Kind vieles ermöglichen wollen, was ihnen verwehrt blieb.

Wer will oder würde einer Gesellschaft, einer Kommune, einer Stadt, einem Land vorwerfen verschwenderisch zu sein, wenn in Jugend, Bildung und Forschung investiert wird. Hier ist Verschwendung doch geradezu angesagt.

Was aber hat Menschen getrieben Europa mit einem Krieg zu überziehen aus dem Größenwahn heraus, überlegen, vom Schicksal vorherbestimmt zu sein. Wie konnten Verantwortliche es wagen, so viele angefangene und blühende Leben, so viele Familien, so viele kulturellen Reichtümer und Schätze zu verschwenden, als wären sie nichts, so dass viele Narben in Familienbiographien und in den Stadtbildern unseres Landes und vieler Nationen bis heute noch nicht richtig verheilt sind.

Der von Gewalt und Hass verblendete Geist, der teuflische Wahn der Menschenverachtung, der sich bis heute immer wieder brutal Gehör verschafft an den Kriegsschauplätzen dieser Welt, in den Terroranschlägen, die uns in den letzten Jahren erschüttert haben, treibt Menschen und führt direkt ins Unheil.

Selbst wenn wir für die Ereignisse in der Zeit des Nationalsozialismus, der Verfolgung und Ermordung sechs Millionen Juden, der Verfolgung von Sinti und Roma, Homosexuellen, Sozialdemokraten und Kommunisten, von Menschen mit Behinderungen und den Tod der Soldaten aus den Völkern keine direkte Verantwortung tragen, müssen wir uns doch dieser Frage stellen, weil es die Geschichte und die Verantwortung unseres Volkes ist. Und damit ist es dann doch unsere Geschichte und Verantwortung. Und unser Auftrag kann nur heißen, zu durchschauen, welche Mechanismen aus Misstrauen und Verachtung auf der einen Seite, und Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit auf der anderen Seite zu Gewalt und Hass führen.

Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus sind nicht Vergangenheit und ihnen entgegenzutreten ist das Gebot der Stunde, wenn wir die Trauer an diesem Volkstrauertag ernst meinen. Wir müssen uns fragen lassen, ob wir genug dafür tun, dass unter uns Versöhnung und Frieden und nicht Gewalt und Hass wachsen.

Für uns ist es wichtig darauf zu achten, dass bei aller gewachsenen Verantwortung der Bundeswehr in der Welt Friedensbewahrung und Friedensstiftung als Konsequenz aus der Vergangenheit vorrangiges, ja letztes und einziges Ziel sein muss.

So wie unsere Väter und Mütter, wie der Verwalter im Gleichnis Jesu werden wir Rechenschaft geben müssen. Hoffen wir, dass es von uns nicht heißen wird, zu viele Chancen und Gelegenheiten haben wir verschwendet, vergeudet. In der biblischen Geschichte wird der Verwalter entlassen.

Und er tut etwas, was bei den meisten Lesern und Hörern dieser Geschichte nur Verwunderung und Kopfschütteln auslösen kann: als letzte Amtshandlung eines autonomen mit allen Vollmachten ausgestatteten Verwalters oder Managers geht er hin, um den betroffenen Schuldnern Schulden zu erlassen.

Noch einmal verschwendet er das Vermögen seines Herrn. Er will sich Freunde machen, er betreibt Lobbyarbeit, so mag es scheinen. Er schenkt armen verzweifelten Familien eine neue Zukunft, einen neuen Start, neue Lebenschancen, so sieht die Wahrheit aus.

Sein Herr lobt ihn für seine Klugheit, mancher meint für seine Gerissenheit.

Aber mir widerstrebt diese moralische Verwerfung. Sie als nachahmenswertes Vorbild hinzustellen, kann Jesus doch nicht gemeint haben. Aber ich begreife, dass Verschwendung, die Zukunft ermöglicht, die Zukunft baut, die einzig legitime Form von Verschwendung ist.

Wiedergutmachung war in der Vergangenheit das Eine, aus eigener wirtschaftlicher Kraft anderen Völkern und Nationen zu helfen, ihre Probleme und Konflikte zu bewältigen und wirtschaftlich selbstständig zu werden, ist der beste Weg, eine friedliche Zukunft zu bauen, in der nicht mehr Neid, Hass und das Gefühl von Unterlegenheit und Ausgrenzung unsinnige Kriege anzetteln. Machen wir es also wie der Verwalter, sehen wir nicht nur immer die eigenen gesellschaftlichen Probleme, sondern den Reichtum, der uns auch besondere Verantwortung und ungeahnte Möglichkeiten des Friedens schenkt. Wir werden Rechenschaft ablegen müssen.

Noch ein letzter Blick auf das von Jesus erzählte Gleichnis.

Was wäre, wenn es überhaupt nicht uns in der Rolle des Verwalters, sondern Jesus sähe? Er lebte zeit seines Lebens als verschwenderischer Mensch. Menschengüte und Menschenfreundlichkeit ließ er als Zeichen für Gottes Güte und Freundlichkeit an allen Orten zurück. Nicht jeder konnte das ertragen, viele hätten sie gerne für sich bewahrt und nicht mit anderen, die Bibel nennt sie Sünder und Zöllner, geteilt. Aber Jesus hat sie nur um so konsequenter unter Menschen verschwendet. Vergebung und Versöhnung wollte er stiften und zurücklassen.

Aus der Vergebung und der Versöhnung leben wir. Wir sind die Schuldner, denen Schulden erlassen und Weiterleben ermöglicht wurde.

Das wir heute erinnern, uns unserer Verantwortung für die Zukunft stellen können, hat damit etwas zu tun. Uns ist vergeben worden. Wir erleben Vergebung, wo wir sie erbitten. Und über aller erkannter und bekannter Schuld gilt der alte Satz der Bibel: bei dir Gott, ist Vergebung, dass man dich fürchte.

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