Eine Geschichte vom Ende

Liebe Gemeinde,

Volkstrauertag wird dieser vorletzte Sonntag des Kirchenjahres auch genannt. Trauertag des Volkes in Erinnerung an den zweiten Weltkrieg, in den Deutschland so unheilvoll verstrickt war. Wir denken an die Menschen aus unserer Mitte, die durch diesen Krieg direkt und indirekt umgekommen sind. Wir denken an die Menschen, die durch unser Tun und Unterlassen umgekommen sind, an all die Opfer des Mordens und Tötens mit Worten und Waffen. Wir denken an die, die durch solcherlei Gewalt um ihre Chancen im Leben gebracht worden sind – um ihre Kindheit, um ihre Ehe, um ihre beruflichen Möglichkeiten. Weit weg scheinen uns diese 60 Jahre zu sein, weit weg für die meisten unter uns, die in ganz anderen Verhältnissen groß geworden sind. Und dennoch ist es sinnvoll, an diese Geschichte zu erinnern und sie zu bedenken. Denn es geht um die Wunden, die geschlagen wurden zwischen Menschen im Kleinen und im Großen. Wunden, die sichtbar geworden sind durch äußere Verletzungen und um Wunden, die im Unsichtbaren bleiben, weil sie nur in der Seele Spuren hinterlassen haben.

Wunden, aber liebe Gemeinde, und da sind wir in unserer heutigen Zeit angelangt, die auch uns Nachgeborenen nicht unbekannt sind, weil wir sie selber verursachen und hinnehmen müssen. Deswegen kann der Volkstrauertag ein Thema sein im christlichen Gottesdienst, weil es um die Beziehung zwischen den Menschen geht. Und, weil gelungene Beziehung zwischen den Menschen immer etwas mit gelungener Beziehung zu Gott zu tun hat. Bleiben wir also beim Beispiel des Krieges: noch erfahren wir es in unserer direkten Umwelt.

Sehen Sie nach Gräfenberg am letzten Sonntag: Menschen, die nicht einsehen können, dass jede Gruppe, jede Richtung, jeder Mensch Fehler macht, sind aufgetreten und haben geredet, dass einem das Blut in den Adern gefrieren muss. Reden vom starken Deutschland. Gedanken an die Siegerrasse, die überlegende Nation und das herorische Volk werden wach und legen sich wie ein Spinnennetz, aus dem man nicht herauskommen kann über den Verstand der Menschen. Da werden Parteien aufgemacht, die Guten und die Bösen werden sortiert, so dass klar ist: zu den Bösen hat man nicht gehört. Da werden Motive gesucht, Schuldzusammenhänge gefunden, die auch Entlastung verschaffen sollen für das eigene Gewissen. Das aber, liebe Gemeinde, eröffnet keinen Weg in die Zukunft. Hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag unter diesem Blickwinkel. Wir lesen es im Evangelium nach Lukas, im 16. Kapitel, die Verse eins bis acht:

[TEXT]

Es ist, liebe Gemeinde, die Geschichte von einem Ende. Ein Verwalter – damals wie heute mit dem Vermögen anderer Leute betraut – wird entlassen. Entlassen, weil er eine Schuld aufgeladen hat, deren Folgen er tragen muss. Nicht rechtmäßiger Umgang mit dem Geld seines Auftraggebers. Damals kassierten die Verwalten noch keine hohen Abfindungen, wie einige Verwalter heutzutage, so dass ihnen damals ein echtes, berufliches Ende bereitet wurde. Und der Verwalter fragt sich: was soll ich tun – ich kann doch nichts, oder besser: nichts anderes. Graben – also mit meiner Hände Arbeit Geld verdienen – kann ich nicht und betteln, nein, das will ich nicht. Ich schäme mich dafür. Das Ende des Verwalters ist hier ein Bild. Denn das Bild spricht von Ende überhaupt – deswegen finden wir es auch am Ende des Kirchenjahres. Es ist das Sinnbild eines Endes, wie wir es selbst aus unseren eigenen Leben kennen: das Ende von Beziehungen, das Ende einer Ehe etwa. Das Ende, das uns durch den Tod gesetzt ist. Das Ende von Träumen und Wünschen, das Vergehen der Liebe, das Scheitern als Eltern, Kinder und Freunde. Es ist ein Ende wie es der Volkstrauertag betrachtet: wir stehen – wie der Verwalter – sinnbildlich vor den Trümmern unserer Existenz. Und: wie der Verwalter müssen wir Verantwortung übernehmen. Keiner kommt und sagt: "Macht doch nichts – ich habe gleich hier etwas Neues für dich." Nein, wir müssen wieder neu anfangen, wir müssen wieder von vorne anfangen. Das Gleichnis schont darin den Verwalter nicht – mit keinem Wort wird sein Tun gerechtfertigt oder gebilligt.

Nein – zu Recht steht er vor seinem persönlichen Ende. Wir aber können daran lernen, wie der Verwalter mit seinem Ende umgeht. Zunächst: er resigniert nicht, er lässt nicht die Hände fallen oder noch schlimmer: er lässt nicht seine Schuld außer Acht und spricht – wie die am letzten Sonntag in Gräfenberg: die anderen waren Schuld, dass es mit mir so weit gekommen ist. Nein, er streckt nicht den Finger aus und deutet auf die, die man für sein Versagen auch immer ausmachen könnte. Nein, er bleibt bei sich und sagt: was kann ich denn jetzt eigentlich tun.

Viele haben das Gott-sei-Dank auch vor 60 Jahren getan: Was kann ich tun? Und sie haben sich dabei erinnert, dass sie eben nicht alleine stehen in der Welt. Sie haben den Kontakt gesucht zu denen, denen sie einst auf der anderen Seite als Gegner gegenüberstanden. Der Verwalter geht also zu den Leuten, denen er einst gegenüber als Handlanger seines Herrn, als Schuldeneintreiber aufgetreten ist. Er überwindet Gräben, er reicht seine Hand den ehemaligen Gegnern. Gott-sei-Dank ist das auch hier passiert vor 60 Jahren. Partnerschaften, Austausch, Informationen, Ausstellungen zum Thema (wie auch die in Gräfenberg) lassen erkennen, dass man das einstige Gegenüber ernst nimmt, sich versucht, in es hineinzudenken, es zu verstehen und zu achten. Der Verwalter nimmt seine Gegner von damals nun als Gesprächs- und Handelspartner wahr. Und weiter?: Er gesteht ihnen einen neuen Vertrag zu. Er reduziert ihre Schuld. Unerhört, liebe Gemeinde. Nicht nur, dass er bereit ist, seine eigene Schuld zu tragen, er reduziert auch noch die Schuld der anderen. Daran sollen wir heute denken an diesem Tag, gerade, wenn wir an unsere Toten und unsere Opfer denken. Wir sollen die Schuld der anderen reduzieren, wir sollen sie verringern. Das ist ganz schwer, ähnlich vielleicht nur zu vergleichen mit einem Programm, was ich einmal im Strafvollzug kennen gelernt habe: der Täter-Opfer-Ausgleich. Opfer und Täter setzten sich – wenn beide es freiwillig tun – zusammen und bereden, was schief gelaufen ist, und das auch, wenn die Schuld des einen ungleich größer ist, als die Schuld des anderen. Das kann man nicht verlangen, liebe Gemeinde, und schon gar nicht gesetzlich vorschreiben, aber man kann darauf hinweisen, dass es so etwas gibt – gerade an einem Tag, der als Trauertag für das Volk festgeschrieben wurde.

So geht also der Verwalter hin und reduziert die Schulden der anderen. Freilich – das werden sie einwenden – auf Kosten seines Herrn. Und wollte man das Gleichnis direkt und ungebrochen in unsere Welt übertragen wäre es eine Art von Aufforderung zur Begehung einer Straftat. Natürlich dürfen Sie mit dem Geld, das ihnen anvertraut wurde so nicht umgehen. Aber Sie wissen schon, liebe Gemeinde, wer hinter dem Herren steht: es ist Gott selbst, der dort durchschimmert. Der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er so klug gehandelt hatte. "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi" gibt unser Wochenspruch zu bedenken. Alle. Ohne Ausnahme. So wie wir sind in unseren Verflechtungen von Schuld und Ohnmacht untereinander. Wie gut wäre es da, wir würden von der Schuld des anderen etwas wegnehmen, so wie der untreue Verwalter. Es ist ein Weg des Lebens, liebe Gemeinde, der dort gewiesen wird. Denn damit dürfen wir rechnen, dass der Herr des Lebens unser Rechnen, so wie es der Verwalter tut, gutheißen wird. Im Blick auf unseren Volkstrauertag, im Blick auf unsere Toten und Opfer, im Blick auf die Opfer und die Toten, die wir verursacht haben ist es gut, wenn wir solche Verwalter haben. Die, die bereit sind, auf die andere Seite zu kommen und die Schuld zu reduzieren. "Und der Verwalter sprach zum Schuldner: wie viel bist du schuldig? Und er sprach Hundert. Da sagte der Verwalter. Nimm deine Schuld und setz dich hin und schreib flugs: 50. Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er so klug gehandelt hatte."

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