Keine Zeit zu verlieren

Im Lukas-Evg. unmittelbar vor unserem Predigttext, liebe Gemeinde, hatte sich Jesus an das Volk und Führungspersönlichkeiten aus dessen Mitte gewandt. Er hatte ihnen die Gleichnisse vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen ( Silbermünze ) und vom verlorenen Sohn erzählt. In den beiden ersten Gleichnissen sind die Finder jeweils hoch erfreut, dass sie wiedergefunden haben, was sie verloren hatten. Und Jesus kommentiert diese Freude der Menschen wie folgt: „So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. … So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“ Im dritten Gleichnis lässt Jesus den Vater zum älteren Bruder, der den zurückgekehrten jüngeren ablehnt, sagen: „Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.“

In der heutigen Predigt geht es darum, die eigene bedrohliche Lebenslage zu erkennen und kurz entschlossen etwas erfolgversprechendes zu tun, damit mein Leben nicht scheitert, sondern über mein gelingendes Leben Freude im Himmel herrschen kann. Wohl gemerkt, auf die nötige Entschlussfreudigkeit und das Tempo des Handelns weist Jesus seine Vertrauten hin. Denn einmal kann es zu spät sein!

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Man muss schon, liebe Gemeinde, gründlich hinschauen und tief schürfen in unserer Geschichte, um Jesu Anliegen an seine Vertrauten damals und uns heute richtig zu verstehen. Er kannte sich aus im Denken und Handeln von unredlichen Zollpächtern und anderen Rechtsbrechern. Obwohl er ihre Taten nicht billigte, stellt er hier seinen Jüngern einen von ihnen in einer Hinsicht beispielhalber als Vorbild hin. Das Lebensumfeld dieses Geschäftsführers war geprägt von Selbstbehauptung und materiellem Besitz. Er und seinesgleichen hatten sich davon abhängig gemacht. Nun, vor seiner unerwartet nahe bevorstehenden Entlassung zog er für sich Bilanz und erkannte genau seine existenzbedrohliche Lage. Sofort arbeitete er darauf hin, Geschäftspartner seines bisherigen Geschäftsherrn für die Zukunft als eigene Geschäftsfreunde zu gewinnen. Damit sicherte er seine weitere Existenz ab. So reaktionsschnell und pfiffig wie dieser Geschäftsführer sich in seiner materialistischen Wirklichkeit verhält, täte es Jesu Anhängern gut, sich zu verhalten, wenn es darum geht, bei Gottes Lebensangebot zuzugreifen. Wenn es um euer Heil geht, nutzt wie dieser Gauner die Zeit, solange ihr sie noch habt.

Aber in Glaubensdingen sind wir zaghaft und lassen uns leichtfertig viel Zeit. Zum Beispiel Mitfeiern des Gottesdienstes: Stellen wir uns mal vor, wir würden in den Gottesdiensten nicht Geld einsammeln, sondern verteilen an jeden soviel er will. Unsere Kirchen würden die Leute nicht fassen können. Die würden draußen sogar Schlange stehen. Dabei gibt es in der Kirche etwas viel wertvolleres und wichtigeres als Geld: Das Wort des lebendigen Gottes, das uns miteinander so zu leben hilft, dass Leben diese Bezeichnung wirklich verdient. Davon machen jedoch längst nicht so viele Gebrauch. Eigentlich dumm. Wenn wir mit dem gleichen Einsatz, den wir auf Geld, Erfolg, Macht, Ansehen usw. verwenden, unseren Glauben betreiben würden, dann sähe es anders aus in dieser Welt. Aber Lieblosigkeit, Unwahrhaftigkeit, ungerecht verteilter Arbeitserfolg, als Folge Überfluss auf der einen und Not auf der anderen Seite kennzeichnen immer noch die Lebenswirklichkeit um uns herum.

Der Geschäftsführer, liebe Gemeinde, in unserem Predigttext macht sich eindeutig strafbar der Veruntreuung und des Betruges. Und Nachahmer in großem Stil und kleineren Ausmaßes findet er auch heute noch. Da hat sich die Versicherung im Versicherungsfall kleinlich gezeigt, und der Versicherungsnehmer hat sich geärgert. Das berüchtigte Kleingedruckte! Und dann denkt er sich: „Bei nächster Gelegenheit zahle ich es denen heim! Der Versicherung tut es ja nicht weh!“ Oder wie vollständig sind die dem Finanzamt abgegebenen Steuererklärungen? Oder, so denkt mancher Angestellte einer Firma: „Der Chef müsste seine Mitarbeiter über den Lohn gerechter am Gewinn beteiligen. Sein Arbeitsanteil am Firmenergebnis ist doch geringer als der Gewinn, den er für sich beansprucht. Da ist es nur recht und billig, wenn ich meine Leistungsbereitschaft einschränke. Und was schadet es schon der Firma, wenn ich während der Arbeitszeit heimlich ein paar private Briefe auf dem Firmencomputer schreibe? Und die paar privaten Telefongespräche vom Büro aus – was macht das schon?“ Wie viel Leute empfinden denn noch ein Unrecht, wenn man die Großen – den Staat, die Versicherungen oder die Firma – ein wenig zur Ader lässt. Sie scheinen es mit dem kleinen Mann auch nicht besser zu machen!

Jesus lobt nun diese Denkweise und die Veruntreuung fremden Vermögens durch den untreuen Geschäftsführer keineswegs. Jesus setzt nicht etwa die Zehn Gebote außer Kraft. Auch nach dieser Gleichniserzählung ist es nicht erlaubt, Zahlen zu fälschen, die Firma zu bestehlen und den Chef zu betrügen. Jesus traut Menschen wie dir und mir zu, trotz unserer Anfälligkeit für Böses auch gut handeln zu können. Er anerkennt einmal in der Bergpredigt, dass selbst böse Menschen für ihre Angehörigen sorgen ( Mtth. 7, 9 – 11 ). Sie geben ihnen Brot und Fisch und nicht einen Stein und eine Schlange. Wenigstens darin macht der Mensch seine Sache gut: Er sorgt für die Menschen, die einmal für ihn selbst sorgen sollen. Leider ist solch gutes Verhalten oft mit Betrug an Anderen verbunden. Aber wie schön wäre es, wenn wir Christen ohne Betrug füreinander sorgten!

Darüber hinaus gibt es in unserem Gleichnis nicht viel lobenswertes. Nach der Formulierungsweise zur Zeit Jesu wird dem Geschäftsführer die Veruntreuung zu Recht vorgeworfen. Diese Beschuldigung gab es ebenso zu Recht auch gegen den „verlorenen Sohn“ in dem von mir schon erwähnten anderen Gleichnis. Der Sohn aber hat den Weg zurück zum Vater gefunden. Verglichen mit dem Rückkehrer ist der Geschäftsführer im Grunde genommen arm dran. Er verstrickt sich immer mehr in seinem Netz der Betrügereien. Ob er am Ende wirklich von neuen Geschäftspartnern gern angenommen wird oder im Gefängnis landet? Womöglich ist er sogar schlimmer dran als der „verlorene Sohn“, der immerhin umkehren kann!

Heute, liebe Gemeinde, begehen wir den Volkstrauertag und zugleich den Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr. Der erinnert uns an das Ende der Weltzeit, an dem Gott das Urteil über die Taten der Menschen sprechen wird. Beim Volkstrauertag wird der Menschen gedacht, die in den Kriegen des letzten Jahrhunderts ihr Leben verloren haben. Böse Taten verketteten sich miteinander: Ende des 19. Jahrhunderts verweigerten sich die Deutschen nicht den Großmachtvorstellungen ihrer politischen und maßgebend wirtschaftlichen Führungskräfte. Mit denen hielten sie, „einen Platz an der Sonne“ zu erobern, für gerechtfertigt. Gewaltsam Gebiete des Auslands zu besetzten und zu Lasten deren Einwohner auszubeuten, berührte die Gewissen der Mehrheit der Deutschen nicht. Dieses Denken führte direkt in den Ersten Weltkrieg. Nach der Niederlage die Enttäuschungen, die Not, die Wirtschaftskrise, der Judenmord und der Ruf nach dem starken Mann, der die Großmacht- und Ausbeutungspolitik in noch menschenverachtenderer Weise fortsetzte. Und wieder leistete die Mehrheit in unserem Volk dem Sog des Bösen keinen Widerstand: Es kam zum Zweiten Weltkrieg! Beide Male wurde die Gelegenheit nicht ergriffen, gerecht und friedfertig miteinander im Inneren des Staates und mit den Menschen anderer Völker zusammen zu leben. Uns geht es heute gut; anderen Völkern geht es schlecht, die immer noch von Krieg und der Gewalt des Bösen bedroht sind.

Am Beispiel des betrügerischen Geschäftsführers wird deutlich, wie schnell Menschen von den Folgen ihres Verhaltens eingeholt werden können. Auch einer ganzen Gesellschaft kann es so ergehen! Uns ist es möglich, darauf zu achten, ob wir auf falschem Weg sind. Wir mögen unsere Lebensbezüge prüfen, die Ehe, Beziehungen zu den Kindern, den Eltern, zu den Freunden, die Situationen im Arbeitsbereich bis hin zu den politischen Weichenstellungen, die wir mittragen.

Der Volkstrauertag jedes Jahr bietet sich an, den Frieden anzumahnen. Das heißt, zueinander friedfertig gesinnt zu sein und ihn im Inneren und zu den Menschen anderer Völker durchzuhalten. Zum inneren Frieden gehört es, sorgsam auf die soziale Gerechtigkeit zu achten. Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es niemals Frieden. Dazu gehört wiederum, dem Recht Geltung zu verschaffen. Auch zahlreiche als Kleinigkeiten zu Kavaliersdelikten herabgestufte Rechtsbrüche „verderben die Sitten“! Der Frieden beginnt im kleinen. Selbst die Liebe zu den uns am nächsten stehenden Menschen kommt ohne Rechtsbewusstsein nicht aus. Aus dem uns von Jesus vermittelten Gottesglauben ergibt sich, wieder viel genauer darauf achten, was gut und was böse ist! Dazu helfen uns in der Gesellschaft Normen und Werte, um ein gutes Zusammenleben und den inneren Frieden zu fördern.

Bei Gott finden wir Weisungen, die ein geschwisterlich einander zugewandtes Zusammenleben der Menschen ermöglichen. Sie sind es wert, Fundament unserer Werte und Normen zu sein. Unserem Versagen hat Gott sich im Lebenseinsatz Jesu Christi zur Rettung aller entgegengestellt, die sich Jesus anvertrauen. Gott gibt uns auch seinen Geist zu Liebe und Frieden. Uns darauf unverzüglich einzulassen, legt uns unser heutiger Predigttext dringend nahe. Nur mit Gottes Hilfe erreichen wir den Frieden auf dieser Welt! Den Opfern der Kriege als Soldaten im Fronteinsatz und als umgekommene zivile Bürger sind wir es heute schuldig, den Frieden unverzüglich und mit allem Einfallsreichtum zu suchen! Was sollten wir denn am jüngsten Tag Gott antworten zu den Opfern fortgesetzt von uns schweigend zugelassener Feindseligkeiten? Nur voll Scham dürfen wir im Vertrauen auf Jesu Lebenseinsatz für uns zu sprechen wagen: Gott sei mir Sünder gnädig.

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