Meiner Seele, Herr, gib neuen Lebensmut

Liebe Gemeinde,

die Kamera gleitet über die Menge hinweg. Jeder in der großen Zuschauerarena kann ihren Weg auf der riesigen Leinwand verfolgen. Plötzlich bleibt sie stehen und zoomt ein Gesicht heran. Irgendwo in der Menge kreischt eine junge Frau auf, die sich dargestellt sieht und für einen kurzen Moment als Star empfinden mag. Sie winkt wie verrückt. Die Kamera schwenkt weiter.

Mit solche Spielchen verkürzt man in amerikanischen Vergnügungsparks dem Publikum die Wartezeit auf den Beginn der Show.

„Ich habe euch erwählt“. Dieser Satz gehört zu den Kernaussagen unseres heutigen Predigttextes. Viele Menschen verbinden das Wort „Erwählen“ mit einem Bild, wie ich es eben beschrieben habe: Das „Auge Gottes“ gleitet über die Menschheit hinweg und zoomt dann einen aus der Menge heraus, den „Auserwählten“. Natürlich sind das immer „die anderen“, nie ich selbst. „Mich aber bemerkt keiner, auf mich richtet sich nie eine Kamera – und ob Gottes Auge mich sieht?“ lauten die meist stillen Gedanken.

Manchmal nennt ein Mann seine Frau „meine Auserwählte“. Hier begegnet uns ein ganz anderes Bild. Liebe steht hier im Vordergrund und es geht um eine innige Beziehung.

Das erste Bild zeigte Menschen, die sich kreischend vor Freude und Aufregung von anderen abheben. Das zweite nun führt uns in den zarten Raum der Liebe. Hier ist der oder die Auswählte ein geliebter Mensch. Im ersten Bild werden die übrigen zu Statisten, die neidisch oder gleichgültig Zeugen der Heraushebung werden. Im zweiten Bild spielen andere zuerst gar keine Rolle.

„Ich habe euch aus der Welt erwählt“. Um diesen Kernsatz aus dem heutigen Predigttext zu verstehen, brauchen wir dieses zweite Bild der innigen Liebe.

Liebe befreit und Liebe gibt Heimat zugleich. Kinder erfahren es so, wenn ihnen ein glückliches Elternhaus geschenkt ist. Sie wohnen in der Liebe ihrer Eltern, sie baden sich sozusagen darinnen. Weil sie dieses Bad nehmen können, können sie Lebensangst immer wieder abwaschen. Weil sie diese Heimat haben, wächst in ihnen der Mut, ins Leben hinaus zu gehen. Mit der Liebe der Eltern wächst die Zuversicht ins Leben.

Junge Leute mögen das anders erfahren. „Ich streite doch ständig mit Vater oder/und Muter“, mögen sie denken, „da bade ich doch nicht in Liebe! Im Gegenteil. Manchmal hassen wir uns richtig“. Psychologen behaupten m.E. mit Recht, dass Kinder die unbedingte Liebe der Eltern immer wieder auf die Probe stellen. Irgendwie glauben wir ja nicht so recht daran, dass es unbedingte Liebe gibt.

Nun nehmen wir unser Thema dorthin, wo es hingehört. „Ich habe euch erwählt“ sagt Gott. Wir vernehmen diesen Ruf irgendwann, irgendwie im Leben. „Ich glaube an Gott“ sagen wir dann. Oder: “Ich bin Christ“. Mancher sagt: „Ich habe mein Leben Jesus in die Hand gegeben“. Mancher fühlt es mehr, als dass er es sagen könnte. Mancher spricht auch nicht so gerne darüber. Wie auch immer: Man weiß sich von Gott angerührt, von Gott erwählt im Sinne des zweiten Bildes.

„Die Welt hasst euch“, fährt Jesus in seiner Rede fort. Wie wollen wir diesen Hass nun verstehen? Ist es der Neid derer, die von Kamera übersehen wurden und nun darüber lästern:

„Warum bleibt die Kamera gerade bei ihr stehen? Die ist doch genauso hässlich wie ich?“ Gründet der Hass der Welt im Neid auf „die Kinder Gottes“? Oder gründet der Hass darin, dass die Welt, dass wir gleichsam die Liebe Gottes prüfen und proben wie Kinder in der Pubertät es mit ihren Eltern tun? Oder prüft Gott unseren Glauben, unsere Liebe zu ihm?

Bislang haben wir nur zwei Teile dieses einen Bibelverses betrachtet. Hören wir ihn noch einmal ganz: „Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt“.

Eben sagt ich, Liebe, wahre Liebe befreit zum Leben. Sie stellt sich der Lebensangst gegenüber.

Schauen wir uns an, wie diese Frontstellung ausschaut: „Ich schaff das nicht mehr“, stöhnt der Kopf auf. „Und warte nur, bis der nächste Schicksalsschlag kommt. Kommt doch gewiss wie die Nacht“, unkt das Gemüt dazwischen. „Mich trägst du besser schnell wieder zum Arzt“, wirft das Herz mit ein und stottert ein wenig, damit alle merken, wie schwach es ist.

„Ich will hier raus“, ruft die Seele. „Geht nicht“, antwortet der Chor aus Erziehung, gelerntem Anstand, angeborener Rücksichtnahme und anerzogener weiblicher Duldungskraft. „Ich will hier raus“, schreit die Seele durstig nach Leben. „Du bleibst schön hier“, kommandiert die „Welt“. „Bleib hier, denn hier hast du dich in allem gut eingerichtet. Lass es so. Veränderungen stürzen dich nur ins Chaos“. Die Welt hat das Ihre lieb und fürchtet den Einbruch der Liebe Gottes. Das gilt auch für die Welt, in der unsere Seele wohnt.

Eugen Drewermann verwendet ein sehr einprägsames Bild für das, was ich hier meine. Angenommen, man würde einem Eskimo (Inuit) sagen, dass er nur tausend Meilen südwärts fahren müsste, um in der Sonne zu leben. Wie wirkt das auf einen Spezialisten für den Übelerbenskampf im Eis? Müsste er diese Einladung zum Leben in der Wärme nicht als Entwertung all dessen ansehen, was er erlernt hat: Häuser im ewigen Eis zu bauen und Nahrung in bittersten Kälte zu jagen. Ein solcher Mensch wird sich durch die Einladung, ins Land der Wärme umzuziehen, in allem widerlegt fühlen, was er sich für das Leben im Eis angeeignet hat.

„Daher kommt die Neigung, gerade das, was uns leben ließe, als Bedrohung zu empfinden und am Ende sogar das zu hassen“, was uns aus dem Eis unseres Lebens befreien könnte.

Der Hass der Welt auf Gottes Liebe liegt also in mir selbst verborgen. Er ist ein Stück in meiner Seele? Ja, das will ich damit sagen. Nicht Neid oder Missgunst sind Wurzel dieses Hasses, sondern schlichtweg die Angst vor der Freiheit, in die uns Gottes Liebe stellt.

In den frühen Jahrhunderten des Christentums haben die jungen Gemeinden das erlebt. Sie erlebten, das, was ich als inneren Widerspruch aufzeigen wollte, auch als äußeren. Die frühen Christen waren frei geworden für den Glauben an den einen Gott. Fortan verweigerten sie dem Staat religiöse Verehrung. Ein Christ kniete nicht mehr nieder vor den Statuen der Kaiser. Diese Freiheit erlebten die römischen Weltbürger als enorme Bedrohung. Die Angst, ihre Welt zu verlieren, ihre Welt der Götter und des Schicksals; ihre Welt, die sie mit Magie, Vogelschau und Auspizien, kultischen Handlungen und Opfern sorgsam beschützten , diese Angst lies sie soweit gehen, den Christen nach dem Leben zu trachten.

Vor über zwanzig Jahren hatten wir in unsere Gemeinde nach Zirndorf, wo ich früher Pfarrer war, einen Nachfahren des großen Pädagogen Pestalozzi eingeladen. Dieser Urenkel war ehedem Manager eines weltweiten agierenden Lebensmittelkonzern gewesen. Aus dieser Aufgabe war er „ausgestiegen“. Solche „Aussteiger“ fand man Mitte der Achtziger recht häufig. Sein Vortrag sprach viele Dinge an, die heute längst selbstverständlich sind: Die Notwendigkeit des Umweltschutzes, den sorgsamen Umgang mit den Rohstoffen dieser Erde usw.

Mitten im Vortrag sprang damals ein Mann auf und schrie: „Sie sind ein Satan. Halten sie den Mund.“ Schreiend stürmte dieser Mann aus dem Saal. Er konnte die Gedankenfreiheit Pestalozzis nicht ertragen. Ich kannte diesen Mann und wusste auch um sein sehr schweres Schicksal.

Vorgestern hatten wir auch eine große Veranstaltung im Martin-Luther-Haus. Und es ist fast immer so. Es meldet sich fast immer ein meist älteren Mann zu Wort, der entweder schreiend oder warnend, jammernd oder gar weinend davor warnt, auf das zu hören, was vorgetragen wird. Heute wehren wir gerne all die Gedanken ab, die uns zur Freiheit gegenüber dem allmächtigen Wirtschaftsdenken auffordern.

Nein, das ist nicht abwertend gemeint und verstehen sie das bitte nicht als überhebliche Zurückweisung derer, die aus Angst vor Freiheit schreien müssen.

Wenn wir etwas verstehen wollen von diesem sehr komplexen Bibeltext, dann doch dies: Als getaufte Christen dürfen wir glauben und darauf trauen: Gott hat mich erwählt. Er hat mich in sein Herz aufgenommen. In seiner Liebe darf ich mich geborgen wissen. Seien Liebe wäscht mich rein von Lebensangst.

Nein, ich wollte sie heute nicht zur Revolution aufrufen und dazu, dass sie aus allem davonlaufen, was ihr Leben ausmacht.

Als getaufte Christen dürfen wir mutig sein. Gott will das Haus unseres Lebens nicht zum Einsturz bringen. Seine Liebe aber mag dem Haus unseres Lebens frische Luft bringen und neue Farbe. Mehr noch: Neue Räume und neue Fenster. Und meiner Seele neuen Lebensmut, meinem Gemüt den frischen Morgenduft der Hoffnung und meinem Herzen den eiligen Schlag frischer Liebe. Manchmal allerdings kann es auch sein, dass Gott sie einlädt, aus dem ewigen Eis in den Süden zu ziehen.

"Meine Auserwählte", sagt Gott zu Dir, liebe Schwester und lieber Bruder im Glauben, "trau dich, frei zu sein."

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