Der Hass der Welt

Liebe Gemeinde, die Menschen, die von Jesus geliebt sind und sich untereinander lieben trifft der Hass der Welt. Es wird hier bei Johannes also von stark gegensätzlichen Gefühlen geredet. Der Liebe der einen steht der Hass der anderen gegenüber. Die Verkündigung Jesu ist hier im Johannesevangelium von diesem starken Gegensatz geprägt: Liebe und Hass. Ohne die Erwähnung der Liebe bleibt der Hass gänzlich unverständlich. Und trotzdem ist die Beschreibung des Hasses der Welt für mich immer noch ein Stück nebulös. Warum trifft die Christen eigentlich der Hass der Welt und wie äußert sich der Hass, die Gegnerschaft.

Selbstkritisch sollten wir uns fragen, ob diesem Gegensatz nicht die Struktur der Feindschaft anhaftet, nach dem Motto: Viel Feind, viel Ehr! Und wenn das Ziel allen Glaubens der Friede ist, warum führt er dann in die Feindschaft? Ich denke, dass man diesem Text nur dann gerecht werden kann, wenn man diese Frage sehr vorsichtig aber deutlich beantwortet. Die Rede von Hass und Feindschaft kann im christlichen Sinn doch niemals demagogisch oder im Sinn von Propaganda gemeint sein. Dem widerspricht zu viel, was von Jesus sonst überliefert ist. Schon dieses Lagerdenken, was der Text hier auf den ersten Blick zu suggerieren scheint, ist mir persönlich zutiefst zuwider. Soll ich denn tatsächlich als Christ auf der Straße herumlaufen und alle Menschen, die mir begegnen zuerst einmal für potentielle Feinde halten, weil sie eben zur Welt gehören? Wäre da nicht zuerst einzugestehen, dass ich selbst ebenfalls zur Welt gehöre und zutiefst menschlich bin und mich eben in keinem Deut von den anderen unterscheide. Rudolf Otto Wiemer fragt zu recht: „Ist nicht die Welt, in die wir geboren sind, um unser irdisches Leben darin zu verbringen, Gottes Welt?“ Und sagt nicht Jesus sogar ein paar Kapitel zuvor: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Und wenn dies richtig ist, dass die Welt in der Zukunft der Erlösung und in der Vergangenheit in der Schöpfung Gottes beruht, dann ist ja zu fragen, warum denn jetzt diese Welt als etwas gesehen wird, dass uns, den Christinnen und Christen feindlich und im Hass gegenüber steht, während wir durch Jesus Gottes geliebte Kinder sind und wir untereinander zu Freunden werden?

Wenn wir der Predigt des Evangelisten Johannes den nötigen Vertrauensvorschuss geben, den eine Predigt vernünftigerweise gibt, dann müssten wir uns fragen: Warum ist die Welt so wie sie ist, warum ist sie in diese Feindschaft gegen Gott gefallen, die Jesus ja letztlich damit eigentlich nur offen legt. Oder ist es Gott selbst, der sich seine eigene Welt zum Feind erklärt hat? Das Muster ist uns ja aus der Geschichte mit der Sintflut bekannt. Gott ist es leid mit der Welt, die er gerade gemacht hat. Dort stellt Gott fest: „Das Sinnen und Trachten Menschen ist böse von Jugend auf.“ Gott tritt als Feind der Welt auf und strebt die Vernichtung an. Doch dagegen setzt sich die Offenbarung zur Wehr. Die gute und barmherzige Seite Gottes setzt sich durch, indem sie Naoh mit der Rettung der Menschen und Tiere beauftragt. Zuletzt heißt es, dass Gott sich die Welt nicht mehr zum Feind machen will, dass nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Gott bleibt also der Welt gnädig und barmherzig zugewandt und ist ihr allenfalls fern, aber nicht feindlich gesinnt.

Der Hass der Welt hat also Gründe, die in der Welt selbst liegen. Vielleicht spüren sie, dass hier doch ein wenig anders von Welt geredet werden muss als wir dies üblicherweise tun. Die Welt ist hier eben nicht alles, was der Fall ist, sondern sie ist das Leben der Menschen in einem bestimmten, also weltlichen Sinn. Es ist das Leben der Menschen ohne Richtung. Das Leben ohne Gott und ohne Liebe. Und es ist auch heute am 30. Oktober 2005 nicht von der Hand zu weisen, dass es diese Welt gibt. Wir müssen uns ja fragen, wer oder was, wenn nicht der Gott des Lebens in dieser Welt regiert, bevor man an den Hass der Welt gegenüber den geliebten Kindern Gottes denkt.

Im Leben eines Menschen kommt Hass immer aus einem zutiefst gekränkten Selbstbewusstsein. Jeder Mensch, der einen anderes hasst, hasst damit doch auch einen Teil seiner selbst. Doch das darf derjenige nicht zugeben, ja noch nicht einmal wissen wollen. Genauso ist das mit dem Hass der Welt. Die Welt, die andere hasst, wurde selbst gekränkt und verletzt, sie hat gelernt zu hassen, weil sie zuvor auch gehasst worden ist. Aus Opfern werden Täter, so ist das auch mit der Welt. Doch wie das genau geschehen ist und vorgestellt werden kann, kann man nur vermuten. Beispiele für das, was uns an der Welt nicht gefällt, kann man dennoch reichlich geben.

Ein Beispiel, und für mich immer das wichtigste ist die Gewalt. Der Mensch ist ja das einzige Lebewesen, das Gewalt gegen seine eigene Art bewusst ausübt. Die Gewalt gegenüber seiner Umwelt hat den Menschen das Überleben gesichert. Doch dabei wurden Menschen immer auch für einander zum Feind. Kriminalität und die Gewalt der Kriege gehören für mich hierbei zusammen. Der zweite Weltkrieg, die Atombombe, der Vietnamkrieg, der Golfkrieg, Bomben auf Bagdad und Belgrad sind nur einige Beispiele dafür. Die Gewalt in der Welt widerspricht der göttlichen Bestimmung, als Kind und Geschöpf zu leben. Doch was ist der Grund für diese Eigenschaft unserer Welt, die vor einigen Jahren die Welt an den Rand der Selbstzerstörung durch Atomwaffen gebracht hat?

Warum ist die menschliche Rasse nicht nur einfach lebensorientiert und auf Fortpflanzung aus, sondern zugleich räuberisch und selbstzerstörerisch? Warum ist Jesus, warum ist der Sohn Gottes in seinem eigenen Volk an Kreuz geschlagen worden? Ich meine das eben nicht antijüdisch, wenn ich das so sage, sondern eben ganz im Sinne dieser selbstzerstörerischen Kraft der Gewalt, und diese Frage steht doch bei Johannes ausdrücklich dahinter. Jesus sagt, dass er persönlich von der Welt gehasst wird und redet damit doch von seinem Tod am Kreuz.

Gewalt und Hass sind archaische Urkräfte, die dem Menschen seit der Zeit in Steppe zur Selbstverteidigung und zum Überleben gegeben worden sind. Es gibt Adrenalin in unserem Körper und das darf auch so sein. Doch warum richtet sich die Gewalt des Menschen gegen andere, ja sogar gegen unschuldige? Warum gibt es in Bagdad Tag für Tag Selbstmordattentate, die Hunderte von Menschen mit in den Tod reißen?

Nun müssen wir von dieser Beobachtung her wieder auf den Text sehen: Die angesprochene Gemeinde wird, so steht es hier eindeutig im Johannesevangelium, um Jesu Namen verfolgt werden. Der Knecht ist nicht über dem Herrn, sagt Jesus. Die Gemeinde Jesu unterliegt der Gefahr der Verfolgung und der Feindschaft. Für mich persönlich gibt es dafür nur eine menschlich nachvollziehbare Erklärung, und das ist die der Einmischung. Jesus, und seine Gemeinde mit ihm, findet sich mit den lebensfeindlichen Mächten dieser Welt nicht ab. Jesus und seine Gemeinde trifft die menschliche Gewalt und der menschliche Hass dann, wenn sie durch Worte oder Taten versuchen, weitere Opfer zu verhindern. So ist zum Beispiel der schwarze Baptistenpfarrer Martin Luther King wegen seinem engeagierten Einsatz gegen die Rassentrennung in den USA ermordet worden.

Es ist letztlich die menschlich einfachste Erklärung für die Kreuzigung Jesu, dass er mit seiner messianischen Liebesbotschaft keiner der Kriegsparteien wirklich genützt hat. In einer Situation, in der nur der Hass regiert und die Gewalt sprechen lässt, trifft die Kugel gerade den, der sich dazwischen wirft. Die Welt will klare Fronten. Die Welt will wissen, wer der Sieger und wer die Besiegten sind. Die Welt will wissen, wer auf ihrer Seite steht. Wer sich mit Gott, der Kraft des ganzen Lebens verbündet und sich nicht eindeutig auf die eine oder andere Seite stellt, ja wer vielleicht sogar einen Weg heraus aus der Gewalt sucht, und den Dialog zwischen den verfeindeten Gruppen anzettelt ist genauso ein Störenfried wie ein anderer Feind. Vielleicht ist er noch ein größerer, weil er die Spielregeln auf den Kopf stellt und das Kriegsspiel beenden will.

So gesehen dokumentiert die Bibel auf ihren vielen Seiten mehrere Beispiele für den Versuch Gottes, das Kriegsspiel der Menschen zu beenden. Am Ende der Geschichte von der Arche Noah heißt es, Gott werde hinfort nicht mehr versuchen, die Menschheit mit Gewalt von ihrer Gewalt abzubringen. Dann kommt die Geschichte vom Bund mit Abraham und dem einen Volk. Doch diese Geschichte führte auch nicht zum Frieden. Das eine Volk anderen gegenüber in einem gesonderten Bündnis zu bevorzugen, hat ja letztlich auch nur neuen Krieg hervorgerufen, auch wenn das Grundgesetz dieses Bundes, die Zehn Gebote, eine akzeptable Rechtsgrundlage für alle Menschen sein könnte. Immerhin hat die Erfindung des Rechts bis heute noch die besten Ergebnisse gezeigt. Das sieht man jetzt darin, dass die Menschheit einen internationalen Gerichtshof hat, mit dem sie Kriegsverbrecher verurteilen kann. Doch wir müssen uns gerade angesichts der vielen Rechtsfilme und Kriminalserien doch eingestehen, dass das Recht nur zur Eingrenzung, aber nicht zur Beseitigung der Gewalt führt. Es darf nicht abgeschafft, aber es musste ergänzt und verbessert werden.

Schon zur Zeit Jesu wurde klar, dass das Recht in der Hand von Herrschenden auch zur Unterdrückung der verarmten Massen führen konnte. Recht muss eben gerecht sein. Wenn Manager, die Millionen kassieren, straffrei bleiben, dann gerät eben jedes so gerechte urteil gegenüber einem kleinen Dieb ins falsche Licht.

Die Geschichte Gottes mit der Menschheit gipfelt dann also über die Schaffung des Rechts hinaus darin, dass der zuerst geschaffene Bund ausgedehnt wird auf alle Menschen, die guten Willens sind. Das Kreuz Jesu ist die ausgestreckte Hand Gottes zur Versöhnung. Wenn auf Rechtsspruch immer wieder Rechtsbruch folgt, muss das Leben eine neuen Sinn bekommen.

Welche neue Qualität bringt das Kreuz Jesu in die Welt? Zuerst scheint die Liebe Gottes den Hass der Welt ja sogar noch zu steigern, wie unser kleine Text nahe legt. Am Namen Jesu macht sich der Hass der Gemeinde gegenüber fest, und Jesus steht wiederum auch nur für die Gegenwart Gottes. Gott ist nun also nicht mehr neben der Menschenwelt und auch nicht darüber, er ist in menschlicher Gestalt mittendrin. Gemeinde Jesu heißt den Geist der Liebe im Alltag zu praktizieren. Der Text mahnt uns, das Wort Liebe im Sinn Jesu nicht allzu schönfärberisch zu gebrauchen. Wenn die Liebe die Mächte der Gewalt aufdeckt wäre es nicht verwunderlich, dass sich dann das Kreuz Jesu auch in anderer Form im Alltag wiederholt. Doch niemand soll sich bitte schon von vornherein zum Märtyrer machen, denn das geschieht niemals freiwillig. Nicht die Opferbereitschaft und der Aktivismus zeichnet uns in der Nachfolge Jesu aus, sondern schlicht und einfach die Beziehung zu Gott, die wir dankbar annehmen. Ich meine eben auch nicht, dass wir von vornherein immer einen Kübel Mist über die vermeintlich böse Welt ausschütten, in die wir doch selbst geboren sind und von deren Mächten wir uns ebenso wenig freisprechen können. Mit einer solchen Einstellung hätte sich Jesus niemals mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch gesetzt.

Der Text mahnt im Grunde ein wenig zur Bescheidenheit. Christ und Christin sein heißt, im Namen Jesu die Liebe Gottes zu bezeugen und darauf zu vertrauen, dass die Worte ankommen und Wirkung zeigen. Christen, die in Verfolgung um ihres Glaubens willen geraten, gehört unsere Solidarität.

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