Der Welt Götzen

Liebe Gemeinde,

es ist schwer zu hören, wie der Evangelist Johannes die Christen von dieser Welt scheiden möchte. Sollten wir nicht viel lieber alles daran setzten, dass wir in dieser Welt wieder mehr Fuß fassen? Sollte nicht Werbung und Mitgliedersuche an erster Stelle stehen? Sollten wir nicht versuchen, durch möglichst passende Sprache für jede Gruppe wieder Leute in die Kirche zu bringen? Sie wissen es selber, so gut wie ich: auf vielerlei Wegen versucht die Kirche, sich immer wieder ins Gespräch zu bringen und sich auf diese Weise dieser Welt so weit anzupassen, dass sie hoffen kann, die Welt würde auf sie zukommen.

Nun aber Johannes. Johannes, der einen starken Widerstand zwischen der Welt und denen feststellt, die Christi Namen tragen! Hat er Recht – kann und darf das denn so sein? Denken wir an den Wochenspruch, der unseren Sonntag und unsere Woche begeleitet: "Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht." Genau wie unser Predigtwort geht der Wochenspruch aus dem ersten Timotheusbrief davon aus, dass es nur einen Herrscher geben kann. Nur einer, dem Ehre gebührt. Alles andere, liebe Gemeinde – alles andere, das solch eine Ehre beansprucht, das schiebt sich dazwischen. Zwischen Gott und den Menschen und tut so, als wäre es selber mächtig, als hätte es von alleine Kraft und Herrlichkeit. Diese anderen Mächte aber gibt es, sie sind real, wenn auch nicht als Gespenster und Monster, wie wir sie in Erinnerung an längst vergangenen Glauben in den Schauergestalten von Film und Fernsehen und dem amerikanischen zweiten Fasching, wie er an Halloween gewinnbringend gefeiert wird, sehen.

Nein, diese Mächte der Welt wollen uns viel schrecklicher und viel bedrohlicher als irgendwelche Gespenster vorgaukeln, sie könnten einen Weg zum Leben bieten, ja sie hätten selbst Leben, was sie weitergeben können. Und dieses Vorgaukeln, dieses Betrügen und Lügen besteht darin, dass sie selber gar nicht leben. Vielmehr sind sie tot und hohl – so wie die Götzenbilder, zu denen einst das Volk Israel immer wieder abfiel. Die Welt, in der wir aber leben, liebe Gemeinde verehrt diese Götzen, diese Toten und dennoch in der Welt Mächtigen und Gefährlichen.

Die Welt verehrt sie, weil sie der irrigen Meinung ist, mit diesen Götzen wäre es leichter, bequemer, ja irgendwie lebenswerter. Der Götze aber hat eine Eigenschaft, an der sich sein Götzentum erkennen lässt. Der Götze schafft keine Beziehung, sondern er zerstört sie. Er schafft nicht Gemeinschaft, sondern wirft den Einzelnen auf sich zurück und spiegelt ihm vor, er allein wäre wichtig in der Welt. Die Götzen aus der Vergangenheit kennen Sie, liebe Gemeinde. Nennen wir: die Übersteigerung des Nationalen – was seien wir doch für ein überragendes Volk. Die Überdrehung der Rassenidee – nur eine auserwählte Rasse könne die Welt beherrschen. Der irrationale Glaube an die Rationalität der Technik – als könnten wir die Welt und den Menschen technisch beherrschen.

Das ist das Perfide am Götzen: er wandelt sich, er ändert sich und gibt sich einen Anstrich des Guten, so dass die Menschen zu Scharen seine Opfer werden. Und unser Götze heute in seiner ausgeprägtesten Form? Vielleicht ist es die Überdrehung des Kapitalismus, so wie wir sie wieder augenscheinlich erleben. Im Gewand des Helfers kommt er daher und verspricht Arbeitsplätze und Lohn, wenn wir doch nur hier eine soziale Hilfe lockern und dort eine Unterstützung kürzen oder hier eine Förderung ablehnen. Dann ginge es dem Menschen besser, dann würde er mehr verdienen, dann könnte er mehr einkaufen und und und. Was aber passiert?

Die Spanne zwischen Reich und Arm wird immer größer. Die Spanne zwischen öffentlicher Armut und privaten Reichtum für wenige wird immer größer. Und der Götze geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Und er verschlingt immer mehr: an Geld, an Menschen, an Beziehungen. Nun ist das noch nicht das Schlimmste, liebe Gemeinde. Sehe ich nach Deutschland, so habe ich das Gefühl, dass es uns allen insgesamt noch sehr gut geht. Das Schlimmste ist, liebe Gemeinde, dass wir schon viel zu lange selber in diesen Strudel abwärts mit verstrickt sind. Wir, liebe Gemeinde, wir selbst sind dafür verantwortlich, dass anderswo die Menschen sterben an Krankheit und Hunger, dass anderswo die Natur ausgebeutet und vergewaltigt wird, dass Menschen gezwungen werden, sich zu verkaufen und zu prostituieren.

Das ist so schwer zu hören: wir selber tragen eine große Schuld. Wir tragen diese Schuld, weil auch wir den Götzen allzu oft nachlaufen und in ein Hurra ausbrechen, wenn sie uns ihre Audienz gewähren. Und dabei übersehen wir, dass auch wir bald – allzu bald – Opfer werden. Der arme Süden, liebe Gemeinde wird nicht zum reichen Norden werden durch das, was z.Zt. getan wird, sondern andersrum: der Norden wird sich dem Süden angleichen und dann wird es nur wenige, sehr wenige geben, die daraus einen materiellen Gewinn ziehen können.

Was aber sagt unser Predigtwort dazu? Es sagt, dass die Christen, die in Namen Jesu bereit sind, anders zu denken und zu handeln, gegen diesen Götzen, gegen die Götzen überhaupt zu kämpfen haben und dass es solche gibt, die dies bereits tun. Menschen, die auf Christi Namen getauft sind und von daher eine Kraft erhalten, Alternativen zu denken und sich darauf einzulassen. Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, Menschen, die bereit sind, gegen diese Verstrickungen und gegen den Fatalismus, man könne eh nichts bewegen anzugehen und anzukämpfen.

"Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sonder ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt." Wie sieht dieser Hass aus, liebe Gemeinde? Nicht mehr so, dass wir hier in Deutschland verfolgt würden oder gegen uns angegangen wird. Der Hass ist vielmehr subtiler und vielleicht sogar gefährlicher. Er besteht darin, dass man sagt, die Christen würden sich da in etwas verrennen. Ihre Analyse sei nicht scharf genug. Sie seien ein Haufen von Utopisten, die doch gar nicht wüssten, wie die Welt aussehe. Das aber, liebe Gemeinde, kennen Sie bereits. Unser Glaube an die Auferstehung der Toten – unser Glaube, dass der Tod nicht das Ende sei – unsere Rede von einen neuen, himmlischen Jerusalem unterliegt seit Jahren diesem Spott. Ja – so sprechen die Spötter – ja wir sollten doch viel besser hier im Jetzt leben und genießen und nicht daran denken, was der Tod uns beschert. Aber da wissen wir es besser, weil unser Glaube einen festen Grund kennt. Die Hoffnung, die durch Jesus Christus in uns eingepflanzt wurde, dass wir dereinst mit ihm auferstehen werden und eine Welt erleben, die gereinigt ist von allem Unrecht, von allem Leid und von allem Tod. Diese Hoffnung gibt uns Kraft und Hilfe gerade in diesem Leben.

Und es ist ja so: wir erfahren es jeden Tag, den Tod und das Leid, die Not und die Angst. Im Kleinen, wie im Großen. Wer seinen Glauben geschenkt bekommen hat, der weiß um die Hilfe, die darin liegt und die Gabe, eben nicht alles hinschmeißen zu müssen, nicht aufzugeben, sondern im Kleinen, im scheinbar Unbedeutenden weiter zu machen und dabei den Blick auf den Nächsten nicht zu verlieren. Der Bund Gottes mit den Menschen findet seine Antwort in der Beziehung zwischen den Menschen. Den Blick auf den Anderen zu behalten, auf den Schwächeren, den Kränkeren, den Ärmeren, den Leidenderen. Diese Menschen nicht zu vergessen und echte Solidarität zu versuchen, echte Treue zur Gemeinschaft. Das ist die Kraft, die im Evangelium steckt. Sich das Zeichen des Fisches hinten auf das Auto zu kleben, um ein Beispiel zu nennen, reicht nicht. Denn das Zeichen ist verbunden mit dem Bekenntnis in der höchsten Not der Verfolgung. Wer das Zeichen tragen will, der soll dem folgen, was es meint: ich gebe mich zu erkennen, ich bekenne vor der Welt. Und was?

Dass ich noch bereit bin, nach Alternativen zu suchen. Dass ich bereit bin, mein Denken und mein Handeln immer wieder zu überprüfen. Dass ich bereit bin, mich mit dem Schwächeren zu solidarisieren. Und zwar gegen jede Vernunft der Welt, die mir immer wieder einreden will, dass es doch keine Alternative gäbe. Dass man sich anpassen muss. Dass man sich beugen muss unter die Logik der Welt. Wer den Fisch nur trägt, weil er scheinbare dogmatische Richtigkeiten unverrückbar der Welt verkünden will oder besser noch, dass er – der Fischträger – auf der richtigen Seite der Richtigkeiten steht, der sollte in aller Heimlichkeit sein Zeichen wieder von Auto abziehen. Da sind mir die lieber, die ihr Fischzeichen heute in den Sand malen, indem sie tun, was die Welt und ihre Götzen verärgert: quer zu denken, neue und andere Lösungen zu suchen, die eigene Schuld zu bekennen und die Beziehung zum Mitmenschen nicht zu verlieren suchen.

Unser Predigtwort von heute gibt uns aber Mut und Kraft, dies nicht aus dem Auge zu verlieren, bei aller Unzulänglichkeit, die uns zu eigen ist. "Die Welt kennt nicht den, der mich gesandt hat." Wir aber, liebe Gemeinde, sind dem Vater verbunden, weil wir den Namen seines Sohnes tragen.

"Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht."

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