Wenn die Seele im Kriechgang geht….

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, geht es Ihnen gut? Ich frage jetzt mal nicht, wo´s heute überall weh tut. Das ist natürlich belastend und bindet Kräfte, das versteh ich schon, aber darum geht es mir heute nicht. Nein, ich möchte heute von Ihnen wissen, wie es Ihnen geht in Ihrer Welt? Wie fühlen Sie sich heute in Ihren Beziehungen? Haben Sie den Eindruck, dass Sie auf dem richtigen Platz stehen, dass Sie dort sind, wo Sie hingehören? Wenn es Ihnen gut geht, würden Sie sagen: Im großen Ganzen mache ich es richtig, ich stehe zu dem, was ich tue und lasse. Ich habe genug Freunde, um nicht einsam zu sein. Ich habe genug Geld, um sorglos zu sein. Meine Familie bereitet mir Freude und ist für mich da. Ich habe Lebensfreude, immer mal wieder, trotz mancher Probleme. Ich bin schon ganz zufrieden, es geht mir gut.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Gemeinde, wenn Sie das so sagen können! Das freut mich.

Mir geht es auch gut, so ist das nicht. Es läuft alles so ganz gut. Die Arbeit macht Spaß, ich liebe meinen Beruf. Der Kirchenvorstand und ich und die Gemeinde – ich hab das Gefühl: Das passt, das ist gut so. Und größere Zwistigkeiten liegen zur Zeit nicht an. Zu Hause läuft auch alles ganz ordentlich: Ich fühle mich wohl in Husum, wir streiten uns nur, wenn´s nötig ist und selbst unser Jüngster gerät uns langsam zur Freude. Der wunderbare, goldene Oktober, der uns geschenkt wurde, steckt mir noch in der Seele, ich fürchte mich nicht vor dem grauen November.

Aber ich kenne auch das andere. Es gibt Tage und Wochen, an denen meine Seele zum Kriechtier wird. Dann habe ich das Gefühl, dass nichts gelingt, was ich anpacke. Dann fühle ich mich alleine inmitten von Menschen. Dann glaube ich, dass niemand mich mag und dass ich es nicht einmal wert bin, gemocht zu werden. Dann begegne ich jemandem in der Stadt, der ist vielleicht in Gedanken oder hat selber Kummer, er grüßt mich nur kurz und ohne Lächeln, und ich überlege stundenlang, was ich dem getan haben könnte. Dann geht’s mir nicht gut. Dann stehe ich nicht auf meinem Platz im Leben. Ich kann dann im Konflikt nicht bestehen. Meine Predigt wird verzagt, meine Ausstrahlung müde. An solchen Tagen würde ich, vielleicht sogar mit Tränen in den Augen, unseren heutigen Predigttext lesen.

Er steht im Evangelium des Johannes im 15. Kapitel:

Text

Es ging nämlich den johanneischen Gemeinden nicht gut, als dieser Text entstand. Das politische Klima verschärfte sich: aus den allgemeinen Übergriffen gegen christliche Gemeinden wurden langsam sehr bösartige, groß angelegte und vom Staat geförderte Christenverfolgungen. Es fing mit kleinen Progromen an, mit Diskriminierungen und Verleumdungen, die Skepsis war offener Feindseligkeit gewichen. Und ich vermute mal, dass auch andere christliche Gemeinden den johanneischen gegenüber zurückhaltend waren: zu sehr unterscheidet sich Glaube und Theologie des Johannesevangeliums von den übrigen.

Es ging ihnen nicht gut, den johanneischen Gemeinden. Dabei waren doch das Licht Gottes und die Liebe Jesu Christi beherrschenden Themen, sie wollten eins sein in der Liebe, eins auch untereinander. Sie meinten es gut und wollten gut sein, auf die Gewaltbereitschaft und die Feindseligkeit ihrer Umgebung waren sie kaum vorbereitet. Sie wurden von unserem Predigttext getröstet. „18 Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat.“ Ihr seid ganz anders als andere, sagt ihnen Jesus im Johannesevangelium. Wundert euch nicht, dass sie euch nicht mögen, mich haben sie auch nicht gemocht. Wundert euch nicht, dass sie euch verfolgen, mich haben sie auch verfolgt. Ihr seid auf dem richtigen Weg, lasst euch nicht irremachen von ihrer Bosheit. Ihr seid nicht von der Welt, wundert euch nicht, dass sie euch nicht respektieren. Ihr seid einfach anders als sie. Ihr seid wie ich.

Ich glaube, dieser Text sagt denjenigen wenig, die den Kriechgang der Seele nicht kennen. Und solche soll es ja geben. Die Starken, die Selbstbewussten, die Macher, die haben immer Oberwasser. Sie sind gegen Schuldgefühle und Selbstzweifel gefeit. Auf jede Kritik reagieren sie mit scharfem Gegenangriff. Die scheuen sich auch nicht, mal nach unten zu treten: Bevor sie selber einstecken, haben sie schon längst zugeschlagen. Die Starken, die gibt es in jedem Dorf, sogar in fast jeder Familie. Das sind die, die Meinungen bilden und sagen, die schnell entscheiden, die klare Fronten aushalten.

Manchmal gehen sie mir auf die Nerven, die, die keinen Zweifel kennen, aber ohne sie würde unsere Welt nicht funktionieren. Wenn die Seele aber auf Kriechgang ist, wird sie leicht zum Opfer dieser Starken. Dann ist sie so empfindlich für scharfe Worte. Dann ist sie so langsam, dass sie bei den schnellen Entscheidungen nicht mitkommt. Sie ist so empfänglich für den zermürbenden Zweifel. Sie schafft es nicht sich zu wehren, sondern zieht sich zurück, wenn sie angegriffen wird.

Wenn die Seele auf Kriechgang ist, dann braucht sie viel Liebe und gute Verbündete. Sie braucht Menschen, die ihr immer wieder sagen, notfalls 5mal am Tag: Ich mag dich, ich brauche dich, du kannst etwas, du bist mir viel wert. Sie kann sich am Glauben festhalten. Gott, der ihr sagt: „Du bist ein Kind meiner Liebe, ich habe dich geschaffen und gewollt und wer dir Böses will, der kriegt es mit mir zu tun.“ Die Seele im Kriechgang geht bei unserem Predigttext auf Empfang: „Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.“ Der Predigttext aus dem Johannesevangelium gibt dem Leiden der Seele Sinn. Er sagt: „Es ist okay so. Es ist völlig normal. Du bist nicht allein. Das haben schon ganz andere durchgemacht. Nicht einmal Jesus blieb davon verschont. Es geht dir nicht gut, aber du bist auf dem richtigen Weg. Vertrau auf Gott und bleibe wie du bist.“

Dieser Zugang ist so ganz anders, als das, was wir kennen. In unserer Welt gilt nur das Starke, Schöne, Durchsetzungsfähige. Halte dich fit, lebe gesund, mach dein Abitur, verdiene viel Geld, habe viele Freunde, gib große Partys, heirate den Besten! Wer schwach ist oder dumm, wer dick ist oder schiefe Zähne hat, wer die Einsamkeit liebt oder mit Krankheit leben muss, der ist für die Welt der Reichen und Schönen verloren, uninteressant und wie tot. Die Welt hasst die Schwachen nicht einmal, sie ignoriert sie nur. Lass sie, sagt die Bibel, sie sind auf dem verkehrten Weg. Diese Welt kennt nur das Gesetz von Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Bibel sagt: Du brauchst dich nicht zu wehren, du brauchst dich nicht an ihnen zu messen, du wirst nie ihresgleichen sein. Geh du den Weg Jesu Christi, der sich selbst dahingab als Erlösung für viele.

Das Leiden der Seele wird sinnhaft in unserem Predigttext. Im Grunde geht es darum, zu entdecken, dass im Leiden eine ganz besondere Kraft steckt, die Kraft Jesu Christi. So habe ich viele Menschen kennen gelernt, die schweres und schwerstes Schicksal tragen mussten, und trotzdem oder gerade deshalb ein großes Herz für ihre Mitmenschen hatten. Die, die den Kriechgang der Seele kennen, haben meistens ganz viel Mitgefühl und ganz viel Verständnis für die Nöte anderer. Sie loten die Tiefen des Lebens und des Leidens aus, jede Ecke des Seelenschmerzes kennen sie aus eigener Erfahrung, es gibt nichts, was sie schreckt und aus jeder Tiefe gehen sie gestärkt und weiser hervor. Die Kraft Jesu ist es, die sich anderen zuwendet. Die Liebe Gottes ist es, die von einem zum anderen geht. Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist es, was Menschen erfahren, die sich im Leiden begegnen. Das Leiden Jesu war nicht umsonst, es gibt uns heute die Kraft, Leiden zu ertragen und die darin eingeschlossenen Perlen zu bergen.

Ich hoffe, liebe Gemeinde, es geht Ihnen immer noch gut. Verstehen Sie mich nicht falsch: Nicht nur die Leidenden sind Gott nah, auch wir, die wir im Moment vielleicht keinen Grund zur Klage haben, sind nah bei Gott. Nicht jeder Text der Bibel sagt jedem zu jeder Zeit etwas. Ich glaube, dass unser heutiger Predigttext besonders zu denen spricht, die innerlich auf Tauchgang gegangen sind. Für uns andere gilt es, die Botschaft mitzunehmen in den November, in die dunklen Sonntage und in den langen Winter. Wenn dann für unsere Seele dunkle Tage kommen, dann können wir uns stützen auf die Botschaft des Johannesevangeliums: Im Leiden sind wir nicht allein und wenn wir uns auf Gott verlassen, werden auch wir die Perlen des Leidens bergen können. Amen

drucken