Das Fundament

Liebe Gemeinde,

viele Menschen erwarten von der christlichen Botschaft, dass sie einem ganz konkret im Leben helfe, mit Höhen und Tiefen zurecht zu kommen, diese einordnen zu können und einen Grund zu finden, auf dem man bauen kann. Sie merken, liebe Gemeinde: das sind bereits zwei verschiedene Bereiche: einen Grund zu haben, auf dem man sein Leben aufbauen kann als der erste und wichtigste Bereich und als zweiten: in Einzelfällen eine Hilfe an die Hand zu bekommen, wie man sich verhalten kann, wenn man auf den Namen Christi getauft ist. Dieser zweite Bereich ist leider derjenige, der im Bewusstsein der Menschen oft an erster Stelle zu stehen kommt: was soll ich tun, wenn. Ratgeber allenthalben schießen aus dem Boden und auch die Esoterik verspricht Lösungen für fast alle Probleme. Wenn ich nur meinen Kristall da und dort hinstelle, wenn ich nur alle Erdstrahlen richtig bedenke, wenn ich nur mit dem Mond gehe, dann: ja, dann wird alles gut werden.

Die christliche Antwort aber wird in solchen Fällen immer schwieriger, weil nicht so eindeutig ausfallen. Woher kommt das Leid und der Tod, woher kommt die Sünde? Die Bibel kennt dafür Bilder und sie nennt Vergleiche, aber sie geht niemals so weit die Allmacht Gottes in Frage zu stellen, so dass der Mensch wie Hiob schließlich zurückgeworfen wird und staunend stehen bleibt vor der Schöpfung Gottes. Das Christentum kann eben keine Antwort geben, warum einem einzelnen so großes Leid wiederfährt und einem anderen nicht, das Christentum kann nur anleiten, mit diesem Leid umzugehen. Der Rest bleibt Geheimnis Gottes, unter das sich der Gläubige in Demut stellt.

Nun aber, liebe Gemeinde, ist die christliche Gemeinde vor Ort niemals ausgenommen von dem menschlich, allzu-menschlichen Geschehen, wie wir es auch sonst überall in der Gesellschaft finden. Die Kirche als Einrichtung hier auf Erden besteht aus Menschen mit ihren Fehlern und ihren Schwächen. Es geht erst mal in dieser Kirche nicht anders zu, als draußen in der Welt und nur wer weiter weg steht, von dieser Kirche, wird sich wundern, dass auch dort Streit und Neid, Missgunst und Intrige ihren Raum finden. So hat auch jede Kirchengemeinde, die ich kenne, ihre großen und kleinen Streitigkeiten, in denen sie sich befindet, oder die sie schmerzhaft durchgestanden hat. Und zu jeder Zeit gab es und gibt es noch heute, Anweisungen, wie damit auch konkret umzugehen ist. Eine alte Anweisung hören wir in unserem Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Matthäus im 18. Kapitel, die Verse 15-20:

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Beide Bereiche, liebe Gemeinde, von denen ich vorhin sprach finden sich auch hier in unserem Predigtwort wieder. Aber auch hier ist der zweite Bereich, das konkrete Handeln in der Einzelsituation leider in den Vordergrund geraten und auch wir hören es zuerst mit erschrockenem Herzen. In welchen Schwierigkeiten sich damals die mätthaische Gemeinde befunden haben mag, können wir nur noch erahnen, die rigiden Weisungen aber haben leider – ungeachtet der damaligen Situation – als allgemeingültige Weisungen viel Schaden in der Kirchengeschichte angerichtet. Sehen wir uns die Anweisung genauer an: sündigt dein Bruder und wir könnten ergänzen, deine Schwester: also Menschen, die mit uns getauft sind und in der selben Gemeinde Jesu Christi leben, dann geh hin und weise ihn zurecht. Wohlgemerkt: allein, nicht in der Öffentlichkeit, sozusagen unter vier Augen! Eigentlich ein guter Rat, das Einzelgespräch. Und eigentlich auch ein guter Rat, zu sehen, wo der andere, die Schwester und der Bruder, Schwierigkeiten hat, in seinem Leben. Aber es fehlt schon eines: was heißt denn sündigen? Welche Einzelfehler sind denn damit gemeint?

Aber es geht bereits weiter: hört er nicht, nimm Zeugen, aber immer noch in einem kleinen Personenkreis. Und weiter: hört er immer noch nicht, dann bringe es vor die Gemeinde. Was wird da wohl passieren, liebe Gemeinde? Wer sich dem Einzelgespräch verweigert oder nicht einsehen mag, wo er fehlgegangen ist, der wird sich auch nicht überzeugen lassen von der großen Menge, sondern er wird tun, was wir wohl alle tun würden: jetzt erst recht auf stur schalten und sich versuchen, so gut wie möglich zu verteidigen, notfalls auch mit einer Unwahrheit, nur damit das Gesicht gewahrt bleibt. Jetzt aber, liebe Gemeinde, kommt die Empfehlung, die die konkrete Anweisung schlussendlich ganz und gar verzerrt: hört er nicht auf die Gemeinde, so sei er euch Heide und Zöllner. Die Erzfeindbilder des Christentums: einer, der nicht an Gott glaubt und einer, der sein Leben völlig falsch aufgebaut hat. Mit anderen Worten: er sei aus der Gemeinde ausgeschlossen und das nicht nur im menschlichen Bereich und in den Vollzügen der Kirche, z.B. beim Abendmahl, sondern durch den nächsten Abschnitt wird klargestellt: auch im Himmel: was ihr auf Erden bindet, das soll auch im Himmel gebunden sein. Und da, liebe Gemeinde, irrt der Ausleger des Matthäusevangeliums – er irrt insofern er glaubt, menschliche Handlungen könnten Gottes Gnadenwerk festlegen. Dort wurde der zweite Bereich des konkreten Handelns über den ersten, den des Fundaments gelegt. Wo aber das Fundament vergessen wird, kann das Haus nicht bestehen.

Wir, die wir heute diese Worte der Schrift hören und sie für unser Leben bedenken wollen, müssen sie prüfen an dem Fundament unseres Glaubens. Wir müssen sie prüfen, damit wir sie anwenden können für unser eigenes Leben. Wer die konkreten Hinweise für die Gemeinde zu Matthäus Zeiten hinnimmt als allgemeingültige, gar göttliche Regel, der hat nicht verstanden, was es heißt, dass die Schrift lebendig sei und nicht der tote Buchstabe regieren darf.

Unter der konkreten Weisung, den Sünder zu verdammen, finden wir nämlich auch noch die andere Ebene: das Fundament versteckt oder verborgen, obwohl der Abschnitt des Predigtwortes doch auf es hinauslaufen möchte. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Denn darauf kommt es an, liebe Gemeinde: in der Gemeinschaft, im gemeinsamen Gebet, im gemeinsamen Gottesdienst – überall dort, wo wir uns trauen, uns gemeinsam unter den Namen Jesu Christi zu stellen und zu sprechen: wir sind hier, nicht weil wir einzelnen so wichtig sind, nicht weil es die Partei von x oder die Partei von y ist. Der erste Korintherbrief benennt ganz ähnliche Probleme, wenn Paulus schreibt: "Der eine sagt, ich gehöre zu Paulus, der andere: ich zu Apollos, der dritte: ich zu Kephas, der vierte: ich zu Christus. Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft?"

Nein, liebe Gemeinde: hier geht es nicht mehr um Parteiungen, nicht mehr um Richtungen, eben nicht mehr um die Leistungen einzelner. Wir sind versammelt im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, gerade damit auch dem letzten noch klar wird: in deiner Einzelheit bist du verloren, du bist ein Nichts. Das nicht, weil der Einzelne nichts wert wäre, aber er ist als Einzelner eben unvollständig. Und das nicht in seiner Person, sondern in seiner Leistung: was vermagst du schon Mensch? Kaum bist du aufgeblüht, schon vergehst du wieder und wirst zu Staub! Nein, der Mensch, liebe Gemeinde, ist auf Gemeinschaft hin geschaffen und diese Gemeinschaft besteht in Beziehung zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch. Das Fundament ist die Antwort des Menschen auf Gott oder anderes herum gesagt: es ist Gottes Ja zum Menschen, der diese Antwort erst ermöglicht. Wer sich dazu bekennt, wird sehen, wie sehr er hingewiesen ist auf die andere Beziehung zum Mitmenschen. Das meint nicht die Ehe oder die Partnerschaft – die natürlich auch – sondern es meint all unser Umgehen miteinander. Überall, wo wir Menschen treffe, überall, wo wir reden und handeln. Es umfasst unser Denken und Sein. Den Ausschluss aus dem Gnadenbund Gottes kann daher niemals ein Mensch vollziehen, sondern wir bleiben auf dem Boden unserer Möglichkeiten. Wir dürfen streiten, wir dürfen uns in verschiedene Meinungen einteilen, ja wir müssen sogar immer wieder ringen um die Wahrheit und wir sollen kämpfen wir das, was wir unter Gerechtigkeit und Solidarität verstehen. Aber wenn wir uns versammeln unter dem einen Namen des dreieinigen Gottes, dann sehen wir tiefer als all das: dann sehen wir im Mitmenschen den, auf den wir im Leben gewiesen sind: "Wo zwei oder drei in deinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!" spricht Christus.

Im Anderen, im Nächsten, liebe Gemeinde, sehen wir Christus. Wenn am Ende unser Zeit Rechenschaft gefordert wird von uns allen, dann wir es heißen: "Ich war nackt und krank und blind und gefangen, ich war durstig und hungrig. Ich war auf der anderen Seite gestanden im Krieg der Parteiungen und der Richtungen. Und du – du hast mich nicht erkannt. Du hast mich nicht gesehen, sondern du bist an mir vorbeigegangen."

Aber, liebe Gemeinde, da haben wir es wieder: wo ist die konkrete Weisung geblieben: "Was soll ich tun, wenn ich den Bruder, die Schwester fehlgehen sehe?" Ja, du sollst mit ihm reden, nicht vor der Öffentlichkeit. Streitet um die Wahrheit, die ihr beide zu besitzen meint. Aber eines ist Not: stelle dich mit ihm unter den einen Namen Gottes und lerne, in diesem Anderen das Gesicht Christi lesen.

Konkreter geht es nicht, denn wie jeder Mensch verschieden ist, ist jeder Streit verschieden und so manchen Streit gibt es, der ist wie ein verfilztes Wollknäuel: unmöglich, wieder aufzudröseln und zu sagen, wer was wann falsch gemacht hat. Wer aber lernen kann, dass unser aller Leben unter diesem einen, mächtigen Namen Christi zu stehen kommt, der darf darauf hoffen, dass auch dieser Andere ein geliebtes Geschöpf Gottes ist und diese Einsicht wird ihn wachsen lassen, ja, vielleicht sogar über seinen eigenen Schatten hinaus.

"Wo zwei oder drei in meinen Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen."

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