Privatsache!?

Liebe Gemeinde,

wir leben in einer Zeit, in der wir den persönlichen Standpunkt unserer nächsten Mitmenschen einfach stehen lassen. Wir reagieren nicht einmal, wenn diese völlig anderer, ja vollkommen entgegen gesetzter Meinung sind und lassen sie ihre eigenen Wege gehen.

Da gibt es Eltern, die von ihren heranwachsenden Kindern sagen, dass diese alt genug sind, um zu wissen, was sie zu tun und zu lassen haben. Und die vielen Stimmen derer, nicht nur aus unserer Gemeinde, die da der Ansicht sind: „Ich kann mich doch nicht in private Angelegenheiten meiner Nachbarn einmischen, sie kritisieren und ihnen gute Ratschläge aufdrängen“.

Viele von uns, liebe Gemeinde vertreten heute die Meinung, dass unsere Nächsten selbst sehen müssen, wie sie zurecht kommen und wie sie ihr Handeln vor sich selbst, ihren Mitmenschen und ebenso vor Gott verantworten können.

Unser modernes und auch moralisches Verständnis haben wir also auf die Fehler und Laster unserer Mitmenschen ausgedehnt. Und im Grunde kommt uns da unsere jetzige Neigung, in allem tolerant zu sein, entgegen. Unbequem und gar nicht mehr der Zeit entsprechend scheint da die Forderung Jesu zu sein.

[TEXT]

Wie reagieren wir auf solch einen Predigttext?

Etwa so: wen geht es überhaupt etwas an, das ist doch schließlich meine Privatsache. Jeder soll vor seiner eigenen Türe kehren und sich nicht in Dinge einmischen, die ihn oder sie nichts angehen. Und wer im Glashaus sitzt, der soll bitteschön nicht mit Steinen werfen.

Wir scheuen uns in das Leben unserer Mitmenschen einzumischen. Und ich denke, dass unsere Zurückhaltung auch etwas für sich hat. Denn manches Fehlverhalten renkt sich auch ohne unser Zutun im Laufe der Zeit wieder ein.

Wenn wir aber einen falschen Zeitpunkt wählen und das Gespräch etwa falsch anfangen, so kann sich die Situation ins Gegenteil umwandeln und die ganze Angelegenheit verschlimmern.

Um unsere Nächste und auch unseren Nächsten wieder auf den richtigen Weg zu bringen, kann dies in Form eines brüderlichen Gespräches – und das gilt entsprechend für die Schwester – möglich sein. Denn unter vier Augen kann mein Gegenüber vielleicht sein Herz öffnen, aber auch nur dann, wenn wir uns nicht als Richter, oder als Besserwisser aufspielen.

Ein brüderliches Gespräch, liebe Gemeinde, verlangt von uns, dass wir uns auf unsere Nächste und Nächsten einstellen, dass wir ihre Eigenarten sehen und dass auch wir selbst unserer Fehler bewusst sind.

Ein solcher Mitmensch, der ein Mitleidender ist, kann zum Nächsten, zum Bruder, zur Schwester werden. Ein brüderliches Gespräch, liebe Gemeinde, verlangt von uns die Bereitschaft, nicht nur uns, sondern meine Schwester und meinen Bruder mit zu tragen.

Wie ein solches Gespräch ausgehen kann, dass weiß niemand von uns zu sagen. Es kann sein, dass sich mein Gegenüber verschließt und wir dann außen vor stehen.

Es kann aber auch sein, dass unsere Worte und ebenso unser Verhalten bei unseren Gesprächspartnern auf Resonanz stoßen und dass dann der eine oder die andere dann bereit sind sich von ihrem falschen Weg abzuwenden.

Vielleicht hat dann ein solches, brüderliches Gespräch die Wogen geglättet, dass Eltern und Kinder wieder zu einander finden, dass Nachbarn wieder die Türen öffnen und dass Ehepartner wieder eins sind.

Vielleicht hat dann ein solches, brüderliches Gespräch Wege geebnet, dass sich Hände zur Versöhnung gereicht werden. Denn wo sich Menschen wieder einander zuwenden, sich versöhnen und gegenseitig vergeben, das, liebe Gemeinde, hat auch Gültigkeit vor Gott.

Wenn wir Jesus als unseren Herrn anerkennen, da können wir Brüder und Schwestern werden. Und wenn wir uns in einem brüderlichem Gespräch begegnen – und das gilt entsprechend auch für die Schwester – und uns einander eine Hilfe sind wieder auf den rechten Weg zu kommen, indem wir uns gegenseitig vergeben, ja, liebe Gemeinde, wo wir tatsächlich Brüder und Schwestern sind, da ist auch Jesus Christus unser Herr.

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