Kein Pranger

Liebe Gemeinde,

wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen,

nur dieses kleine Stück aus dem Predigttext kennen Sie wohl alle. Damit trösten wir uns oft, wenn die Kirchenbänke besonders leer sind. Aber der Zusammenhang, in dem Jesus an diese Tatsache erinnert, ist ein ganz anderer. Es geht darum: Was machen wir, wenn jemand aus der Gemeinde sozusagen verhaltensauffällig wird, wenn er gegen die Regeln der Gemeinde verstößt. In einem Betrieb gäbe es eine Abmahnung, in der Schule einen Verweis. Im öffentlichen Zusammenhang gäbe es vielleicht eine Strafanzeige und einen Prozess und am Ende ein Urteil. Aus einem Verein kann man ausgeschlossen werden, wenn man die Satzung grob missachtet. Und wenn im Mittelalter jemand gegen die Gesetze oder auch nur gegen die guten Sitten verstoßen hat, wurde er an den Pranger gestellt.

Jesus erläutert hier für den Gebrauch in der Gemeinde einen ganz anderen Weg. Zuallererst steht ein Gespräch unter vier Augen. Nehmen wir einen praktischen Fall, der immer mal wieder vorkommt: jemand hat durch Klatsch und Tratsch ein anderes Gemeindeglied verletzt. Nun soll der "Geschädigte" also nicht etwa zuerst zum Pfarrer oder zum Gemeindekirchenrat laufen, sondern zu allererst denjenigen, der ihm weh getan hat, direkt ansprechen. Zwischen dir und ihm allein und nicht etwa vor dem ganzen Frauenkreis oder gar vor dem Gottesdienst in der Kirche. Zwischen dir und ihm allein, das erfordert Mut, weit mehr Mut als der Weg zur Nachbarin, bei der man sich Luft macht. Und es erfordert die Fähigkeit, die eigenen Verletzungen zuzugeben und die Angst vor neuen Verletzungen zu überwinden. "Hört er auf dich, so hast du einen Bruder gewonnen", sagt Jesus. Das kennen Sie vielleicht aus eigener Erfahrung, wie froh man sein kann, wenn jemand einem direkt und diskret sagt, worum es geht – und wie aus einem klärenden Gespräch dann eine Beziehung gereinigt und gestärkt hervorgehen kann. "Bei dem weiß ich, woran ich bin", das kann die Grundlage für eine stabile Freundschaft werden.

Es ist aber auch der andere Fall denkbar: Da geht jemand mutig und offen auf denjenigen zu, der ihn – bewusst oder unbewusst – verletzt hat, und das Vier-Augen-Gespräch nimmt eine unschöne Wendung: "Nee, so habe ich das nie gesagt" windet sich der Angesporchene wie ein Aal oder geht sogar in die Offensive: "Sie sind doch der, mit dem in der Gemeinde kein Mensch auskommen kann, und überhaupt reißen Sie doch hier ständig alles an sich". "Manchmal wird einem da das Wort im Mund herumgedreht", sagt jemand aus eigener leidvoller Kirchen-Erfahrung, "da halte ich mich dann lieber gleich an die vierte Variante im Text". Die vierte Variante, damit ist das Gebet gemeint, und zwar das gemeinsame Gebet um eine Lösung des Konfliktes. Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.

Ich verstehe die Vorschläge Jesu allerdings so, dass beides nötig ist: Gespräch und Gebet. Ein bisschen schwierig gestaltet sich das Gespräch allerdings schon ab dem Moment, wo man sich Zeugen mitnehmen muss. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Das bedeutet ja bereits, die Sache vor anderen zum Thema zu machen. Und da gibt es Dinge, die man ja eigentlich wirklich nicht an die große Glocke hängen möchte, weil man sich selbst gar nicht so sicher ist, ob der Schmerz, der einem zugefügt wurde, für die anderen so transparent ist. Wohlgemerkt, auch hier geht es nicht um Angelegenheiten, die einen selbst gar nicht betreffen. Ob man Frau X nun mit dem Mann von Frau Y abends im Restaurant gesehen hat und das für anrüchig hält, das ist kein Thema für eine solche Gemeinde-Aktion. Und ob die Kinder von Familie A den Konfirmandenunterricht geschwänzt haben, das geht mich als Nichtbetroffene eigentlich auch nichts an, allerdings kann ich beim nächsten solchen Fall die Kinder selbst mal ansprechen: "Geht Ihr heute nicht zum Konfi? Oder fällt der aus?" Ein Thema für eine Gemeindeversammlung ist es ganz bestimmt nicht. Neu ist an dem von Jesus vorgestellten Modell der Konfliktbewältigung, dass nicht der losgehen muss, der den anderen verletzt hat oder der sich über Regeln hinweggesetzt hat, sondern der, der sich geschädigt fühlt. Er soll nicht verbittert und verhärtet warten, bis dem anderen vielleicht klar wird, was er falsch gemacht hat, ja, dass er überhaupt etwas falsch gemacht wird, sondern die Gemeinde soll sanft und vergebungsbereit dem "verlorenen Schaf" nachgehen.

Leider gibt es in besonders frommen Gemeinden die Tendenz, weit über das Ziel hinauszuschießen. Da wird ein Ehepaar vor die Gemeindeversammlung geladen und damit konfrontiert, dass in der Ehe wohl etwas nicht stimmt. Unter dem Vorwand, doch nur helfen zu wollen, werden die Leute um Stellungnahme gebeten. Sie sagen, dass sie in der Tat die Absicht haben, sich zunächst mal für eine Weile zu trennen. Und dann kommt der Pferdefuß: Sollte das passieren, dann kann Frau J. leider nicht mehr ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit mithelfen. Wenn es aber das Ziel wäre, alles auszuschließen was sündig ist, wer dürfte denn dann zu dieser Kirche gehören? Die, die sich selbst erlösen, brauchen Gott bekanntlich nicht, und die Selbstgerechten, die sich für besser halten als die, deren Verfehlungen so genüsslich öffentlich gemacht werden, sind die größten Heuchler. So eine Kirche wollen wir doch nicht sein – oder?

Wovon Jesus spricht, das gab es damals wirklich: man nannte es den Synagogenbann. Er wurde für einen Monat verhängt und konnte um jeweils einen Monat verlängert werden. Verbunden war er auch damit, dass geschäftliche Beziehungen mit dem Gebannten ebenfalls vermieden werden sollten. Wie gefährlich ist aber so ein Instrument. Ich habe mir dieser Tage noch einmal den Luther-Film angeschaut, und die Szene, in der er die Bann-Bulle des Papstes verbrennt, ist mir in lebhafter Erinnerung. Da hat sich der an sich gute Gedanke einer "nachgehenden Konfliktregelung" verkehrt in die gnadenlose Starrheit einer Amtskirche. Da ist aus dem Guten Hirten ein Gefängniswärter geworden. Dagegen lehnt Luther sich auf. Es gibt also Grenzen, auch für Christen. Das sagt auch Jesus, der darauf hinweist, dass manchmal gar nichts mehr fruchtet. Entscheidend bleibt aber dennoch: Der Aufwand, um Brüder oder Schwestern zurückzugewinnen, ist sehr groß. Man scheut keine Mühe und gibt nicht gleich auf. Es ist nicht damit getan zu sagen: "Das ist dein Problem" und dann zur Tagesordnung überzugehen. Ich bin für den anderen mitverantwortlich – selbst dann, wenn er oder sie sich, zumindest aus meiner Sicht, ins Unrecht gesetzt hat.

Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner, dieser Vers im Matthäus-Text hat den Auslegern viele Schwierigkeiten bereitet. Schließlich wissen wir alle, dass Jesus die Zöllner und die Heiden eingeladen hat und mit ihnen gegessen hat. "Es gibt überhaupt kein Recht, irgendeinen Menschen auszugrenzen", diese Aussage steckt dahinter. Ich müsste also auf den, der auch auf die Gemeinde nicht hört, zugehen und mich in sein Umfeld begeben, mit ihm dort essen, ihn in seiner Ausgegrenztheit aufsuchen. Aber schon die frühen Christen haben darin eine andere Deutung gesucht und gefunden: Hört der Abtrünnige auf alle Vorhaltungen nicht, so können wir ihn ausgrenzen und ausschließen. Hier schon beginnt der unendliche Kanon der Vorschriften, Kirchengesetze und Dogmen, die uns bis heute das Miteinander erschweren. Warum ist das so? Warum tun wir uns so schwer mit dem Thema Vergebung? Wir sollen unserem Bruder nicht sieben Mal sondern siebenundsiebzigmal vergeben, hat Jesus gesagt. Aber meistens sind wir selbst nicht fest, nicht unserer eigenen Person sicher genug, um auf den anderen wirklich offen zuzugehen. Am schwersten ist es ja, zu lernen, sich selbst zu vergeben. Die Fähigkeit, mit dem anderen, der mich verletzt hat, etwas zu klären, besteht doch darin, erst einmal ein eigenes Ich zu bekommen, das fest genug ist, sich nicht immer neu als angegriffen, verletzt und gefährdet zu empfinden. Aus Angst, aus innerer Schwäche, aus Verletzbarkeit, wehren wir uns mit Vorschriften und Gesetzen, mit geradezu zwanghaften Kirchenordnungen. Da können auf einmal nicht mehr zwei Menschen, die in der Liebe Christi einig sind, für sich in Anspruch nehmen Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein. Da wird daraus ein Privileg von Befugten, von Ordinierten. Die "Vergebungsgewalt" liegt bei speziellen Kirchenbediensteten. Manchmal frage ich mich ernstliche, welche Angst, welche Hilflosigkeit einer ganzen Kirche dahinter steckt. Im Grunde macht uns die Botschaft Jesu klar, wie unmenschlich wir geworden sind. Er wollte uns einen Vater zeigen, der uns begleitet und uns vergibt, was immer es sei. Dafür war er an der Seite der Menschen, vor allem derer, die nicht mehr ein noch aus wussten. Und so sollte es auch bei uns sein, so sollten wir zueinander sein können. Ohne Angst vor eigenen Einbußen uns in die Lage der Ärmsten der Armen versetzen, einmal überlegen, wo wir selbst wären ohne Vergebung, dann verstehen wir, was Jesus getan hat. Und dann begreifen wir, dass wir alle abhängig sind von Gottes Güte und Vergebung, die Dogmen und Kirchenordnungen lächerlich klein macht und uns alle vereint.

drucken