Wer liebt, weckt ein Schwert!

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Was lösen folgende Worte in Euch aus: „Entzweien – Vater – Tochter -Mutter – Schwiegertochter – Schwiegermutter – Sohn“? [Stille] Was bewegt uns oder welche Gefühle steigen dabei in uns auf, wenn wir an unseren Vater denken? [Stille] Meine Konfirmanden müssen sich diesem „Thema“ mehrmals aussetzen, wenn wir über die 10 Gebote sprechen – „Ehre Vater und Mutter“, wenn wir über das Glaubensbekenntnis nachdenken – „Ich glaube an Gott, den Vater“, und vor allem, wenn das Vater-Unser Unterrichtsthema ist. Ich leite das Nachdenken über dieses wunderbare Gebet gern mit großen Pappkarten ein, auf denen nur ein Wort steht, und das erste Wort heißt: „Vater“.

Als Familienvater kenne ich die Vorbildwirkung des Vaters. Als Unterrichtender habe ich die Erfahrung gemacht, dass bei Kindern jeder Zugang zum biblischen Wort „Vater“ erschwert wird, wenn ihnen der Zugang zu ihrem leiblichen Vater durch üble Erfahrungen verstellt ist oder sie ihn gar nicht kennen. Und das Ende vom Lied heißt: „Vater – das ist für mich nichts mehr als nur ein Erzeuger!“

„Entzweien – Vater – Tochter -Mutter – Schwiegertochter – Schwiegermutter – Sohn“: Als Seelsorger habe ich junge und alte Menschen vor Augen, die bei einem oder mehreren dieser Worte traurig werden oder zu weinen anfangen, Menschen, die unter der Entzweiung oder dem Streit mit ihren Familienmitgliedern leiden und keine Lösung finden, Menschen, die sich fragen: „Warum kann es keinen Frieden in unserer Familie geben?“

Manchmal ist ein Erbe wichtiger als der Zusammenhalt in der Familie. Manchmal entsteht Streit wegen des Partners der Tochter oder des Sohnes. Manchmal lösen die Notwendigkeit der häuslichen Pflege und die damit verbundenen Belastungen Zwist aus, es gibt viele Gründe, aus denen Entzweiungen in einer Familie entstehen können. Für den Familienfrieden gilt: Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe!

Nur Menschen, denen ihre Familie am Herzen liegt, spüren das so, leiden darunter und können so fragen. Es ist die Kraft der Liebe, die unter der Entzweiung in einer Familie leidet. Doch nicht jeder empfindet diese Liebe zueinander und nicht jeder leidet – offensichtlich – an der Entzweiung in der Familie. Ich glaube, gerade weil es die Liebe ist, leidet auch der lebendige Christus an dieser Entzweiung! Gott ist die Liebe!

„Entzweien – Vater – Tochter -Mutter – Schwiegertochter – Schwiegermutter – Sohn“: Jeder Mensch hat einen Vater und eine Mutter, selbst die Eltern und Geschwister von Jesus sind uns bekannt. Selbst adoptierte Kinder behalten – unsichtbar – ihre genetische oder morphogenetische Verbindung zu ihren Eltern. Selbst die Priester, Mönche und Nonnen in den Klöstern bleiben ein Teil ihrer Familie. Die Bande familiärer Verbundenheit sind eine Schöpfungsordnung und wir Menschen können diese Ordnung der Liebe nicht einfach so wegwischen!

Das eine ist die Herkunft, das andere die Weitergabe des Lebens. Normalerweise geht das Leben wie ein Strom durch uns hindurch und wir haben wiederum eine Schwiegermutter und Söhne, Töchter und Schwiegertöchter. Wir alle bleiben mit unserer Familie verbunden. Familienbande sind sehr stark. Das gilt auch für die sogenannten Alleinstehenden. Denn auch die Menschen, die durch Konzentrationslager, Flucht oder Vertreibung, Gewalt oder Krankheit Familienmitglieder verloren haben, auch sie bleiben weiterhin als der sichtbar lebende Teil mit ihrer Familie verbunden. Familienbande sind sehr stark. Die Kraft der Liebe hält in den Familienbanden die einzelnen Familienmitglieder – ob sie es wollen oder nicht – zusammen.

Und nun, liebe Gemeinde, gab es vor knapp 2000 Jahren einen Störenfried des Familienfriedens, einen jüdischen Rabbi. Der rief einzelne Menschen aus ihren Familien, rief sie in seine religiöse Lehre, berief sie, ihm nachzufolgen. Er rief Petrus: „Komm, folge mir nach!“ Und er heilte seine Schwiegermutter. Er berief zu seinen Schülern Jakobus und Johannes, es waren die Söhne, die Erben des Zebedäus, die vielleicht den väterlichen Betrieb fortführen sollten.

Denn bei jedem Ruf zur Nachfolge musste ein Mensch die Entscheidung treffen: Ist mir dieser Jesus wichtiger als die Arbeit für meine Familie? Ist mir die Gemeinschaft mit diesem religiösen Lehrer wichtiger als die Gemeinschaft mit meiner Familie? Ist mir die Liebe und der Frieden, den er mir bringt, heilsamer als die Liebe und der Frieden in meiner Familie?

Wir hören den heutigen Predigttext, Worte Jesu aus seiner Berufungsrede an seine Jünger, wie sie aufgeschrieben stehen im Matthäus-Evangelium im 10. Kapitel, die Verse 34 – 39:

[TEXT]

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Predigttext ist ein schneidender Gegensatz zur weitverbreiteten Vorstellung, dass Religion, besonders die christliche, Frieden stiften soll. Für ein „wohltemperiertes“ Christentum, das keinen Menschen stört oder vom Hocker reißt, ist Jesus nicht gestorben. Nein, Jesus war ein Störenfried, nicht nur damals, als er mit einer Peitsche die Händler und Wechsler aus dem Tempel trieb, um der Anbetung wieder Raum zu schaffen. Jesus hat die Macht der Liebe offenbart, die Macht der Liebe, die stärker ist als der Tod, die Macht der Liebe, die sich hingeben kann bis zum Äußersten, bis zur Hingabe des Lebens. Und damit hat sich Jesus Feinde gemacht. Seine Liebe ist nicht auf Gegenliebe gestoßen, sondern hat Feindschaft und Hass geweckt. Seine Liebe zu den Menschen, zu Ausgestoßenen, Kranken und Schuldbeladenen hat Ärger und Zorn aufgeworfen. Gottes Liebe hat Hass erzeugt. Um in den Begriffen des Predigttextes zu bleiben: Wer liebt, weckt ein Schwert! Sonst hätte niemand Jesus aus der Welt schaffen wollen und gekreuzigt.

Ich denke, wir können uns das in der damaligen Welt gut vorstellen, in der die Gemeinschaft der Familie auch die Krankenversicherung und die Rentenversorgung gewesen ist. Wenn da einer wie Jesus kam und junge Männer aus ihren Familien und von ihrer Arbeit holte: Komm, folge mir nach! Wenn dann diese Männer ihre Familien wegen dieses Anderen verließen, dann galt dem Anderen natürlich der Ärger, der Zorn, der böse Wunsch: „Den soll der Teufel holen! Den bringe ich um!“

Doch was kann dieser Ruf Jesu heute bedeuten? Ich denke,

– überall dort, wo sich Menschen am Sonntagmorgen für den Gottesdienst entscheiden und manchmal dafür ein müdes Lächeln ernten, da wird der Ruf Christi gehört.

– überall dort, wo ein Mensch im Alltag die Stille sucht, um sich selbst und die Seinen und die Welt ins Gebet zu nehmen, da räumt wieder dieser eine Störenfried auf, in Disziplin, mit seiner Peitsche, für einen Raum der Anbetung.

– überall dort, wo es um die Wahrheit geht, oft genug um die schmerzliche Wahrheit, ruft uns Christus: Komm. folge mir nach und geh auf dem Weg der Wahrheit. Wer will, findet den Weg!

– überall dort, wo Menschen ausgegrenzt oder ausgestoßen werden, stellt sich Christus zu ihnen und ruft uns zu: Komm, folge mir nach. Stell Dich auf die Seite der Ausgestoßenen.

– überall dort, wo das Schwert einer nicht offenen Adoption die Kinder von ihren wahren Eltern trennt und manchmal sogar vom Wissen um eigene Geschwister, leidet Christus.

– überall da, wo Menschen auf die Kraft der Liebe vertrauen, in ihren Partnerschaften oder zu ihren Eltern, zu ihren Kindern oder Schwiegerkindern, ruft Christus wie ein Lichtstrahl in aller Liebe: Hier bin ich! Hier erfahrt ihr den Segen und das Geschenk der Liebe! Hier leide ich, wenn ihr einander wegen minderwertiger Dinge missachtet oder euch hasst.

– bei ihr, der Mutter, die damals voller Verzweiflung ihr erstes Kind zur Adoption frei geben musste, die sich nun voller Sehnsucht einen – stets gefühlten, innerlich gebliebenen – Kontakt zu ihm wünscht, die alles dafür tut und die immer wieder über ihre damalige Leichtfertigkeit trauert und weint, wenn diese Mutter zu ihrem Kind findet, ist ein Stück des Reiches Gottes angebrochen. Dann hat die Liebe gesiegt.

– und bei ihm, dem Sohn, der nach 45 Jahren zum ersten Mal die nichteheliche Tochter seines Vaters kennen lernt – immerhin seine Schwester; wenn dieser Sohn, – so will es der Vater -, keinen Kontakt zu ihr knüpfen darf, damit der Familienfrieden nicht gestört wird, wenn dieser Sohn dann zu seiner Schwester stehen will, dann bringt Christus, der sich wieder auf die Seite der Ausgestoßenen stellt, dann bringt Christus wieder die Entzweiung. Denn was für den Sohn die Liebe zu seiner ganzen Familie ist, was ihm die Liebe zur Schwester bedeutet, das bedeutet für den Vater Entzweiung, das ist für den Vater ein Schwert. Wer liebt, weckt ein Schwert!

Liebe Gemeinde, der, der die Liebe ist, ruft uns. Gott, der in Christus geliebt hat, ruft uns auch heute morgen: Komm, folge mir nach! Folge mir auf dem Weg der Wahrheit und des Lebens. Folge mir nach und lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch Liebe!

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