Petrus erzählt!

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden! Liebe Gemeinde!

Unsere stattliche Kirche in Westerstede, gegründet im Jahre 1123, ist benannt nach dem heiligen Apostel Petrus: St. Petri-Kirche. In unserer Bibel tragen zwei Briefe seinen Absender. Heute sind die ersten neun Verse des ersten Petrus-Briefes Predigttext. Durch diese Worte spricht ein Mensch zu uns, von dem die Bibel viele Einzelheiten bewahrt hat. Manche Begebenheiten aus dem Leben des Petrus sind in dieser Kirche in Kunstwerken festgehalten worden: Im Turmeingang hängt ein großes Kupferrelief, das den Fischzug des Petrus zeigt, 153 große Fische zieht er aus dem See, nachdem er der Empfehlung des Auferstandenen gefolgt war. Und in unserem Altarraum erstrahlen durch das hohe Südfenster in kräftigen Farben vier Stationen aus dem Leben des Jüngers Simon Petrus vor einem großen Netz.

Heute lasse ich Petrus selbst erzählen, lasse ihn die wichtigsten Begegnungen in seinem Leben erzählen und stelle damit den Predigttext in den Zusammenhang seines bewegten Lebens:

„Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, weiß ich eines ganz sicher: Bei meiner Geburt in Kapernaum am Nordufer des Sees von Tiberias ist es mir nicht in die Wiege gelegt worden, einmal als alter Mann in Rom zu leben, als Verfolgter unter Verfolgten, im Blick brüllender Löwen, die uns verschlingen wollen.

Wenn ER mich nicht angesehen hätte, gepriesen sei ER, säße ich jetzt vielleicht in einem gemütlichen Stuhl beim Karmelwein und mein Blick würde über das Wasser streichen. Mein Leben wäre in den Bahnen meiner Väter verlaufen. Als Fischer hätte ich meine Erfahrung an meine Söhne weitergegeben, aber ER, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, hat mir ein neues Leben geschenkt. Jetzt im Alter würde ich es ähnlich wie damals Nikodemos in Jerusalem sagen: ER hat mich wiedergeboren, mein wahrer Vater hat mich wiedergezeugt. Ich bin ein ganz anderer geworden!

Meine erste Begegnung mit Jesus geht mir immer wieder ganz nahe: als mein Bruder Andreas eines Tages aufgeregt zu uns kommt und sagt: „Wir haben den Messias gefunden, den Gesalbten!“

Dann brachte er mich zu ihm. Ich spüre jetzt noch seinen barmherzigen Blick auf mir. Er hat mich nicht gekannt, trotzdem schaut er mich an als ob wir uns schon seit Kindertagen kennen. Dann seine ersten Worte: „Du bist Simon ben Johannan, du wirst Kephas, der Fels heißen!“ – Kephas heißt auf lateinisch Petrus, der Fels. Er gibt mir einen neuen Namen, einen Namen, der jetzt ganz oben auf der Liste der gesuchten Christen in Rom steht.

Damals hat er das schon geahnt. Bei unserem letzten gemeinsamen Essen am See, Wochen nach seiner Auferstehung von den Toten, ich hatte eine Menge großer Fische gefangen, sieht er mich an und sagt: Simon ben Johannan, weide meine Schafe!“ – Dreimal sagt er das und wir wussten beide, warum dreimal! „Simon, als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst.“

Er hat mich gekannt. Er hat geahnt, dass ich IHM bis zum Äußersten, bis in den Tod folge, auch wenn ich ihn manchmal enttäuscht habe. Aber ich bin auch immer wieder mutig gewesen. Als wir in einer Nacht mit einem Boot auf dem See waren, Wind und Wellen ausgeliefert, geht ER auf dem Wasser. Zuerst halten wir das für eine gespenstige Täuschung. Aber es ist Jesus und ich rufe: „Wenn du das wirklich bist, Rabbi, dann befehle mir, dass ich zu dir komme – über das Wasser!“

Ich weiß zuerst nicht, wer oder was mich damals geritten hat, aber ich fasse all meinen Mut, all mein Vertrauen zusammen und steige über den Bootsrand. Dann sehe ich Jesus, deutlich, spüre sein Vertrauen in mich, stark, stärker als Wasser und Wellen, mein Fuß berührt das Wasser, meine Füße tasten weiter, ich spüre Jesu große Kraft. Und ich fühle etwas von seiner Leichtigkeit, mit der er über die Dinge des Lebens gesprochen hat. Diese Leichtigkeit durchströmt mich wie Wein. Ich gehe. Ich gehe und staune. ER ist es, der mir diese unendliche Leichtigkeit des Lebens verliehen hat.

Früher Simon, eine schwerfällige Raupe – jetzt Petrus, ein leichter Schmetterling durch die große Barmherzigkeit, jetzt eine unaussprechliche, herrliche Freude, ein Jauchzen … Doch ich starre auf die Wellen, das Wasser, die Dunkelheit … ich verliere meine Leichtigkeit, mir wird schwer ums Herz, ich sinke: „HERR, hilf mir!“ Ich reiße meine Arme hoch, IHM entgegen. Sogleich die Hand, wie die Hand meiner Mutter als ich laufen lernte, jetzt Jesu Hand, er packt meinen Arm: „Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Das ist es, immer wieder, mein fehlendes Vertrauen zu Jesus, mein Hang zum Schweren, statt der Leichtigkeit des Lebens, die uns Jesus gelehrt hat, zu vertrauen. Aus diesem Grunde habe ich IHN auch verleugnet in jener anderen Nacht. Jeder Hahnenschrei am Morgen erinnert mich an seine Ahnung für jene Nacht der Nächte. Sie, Maria Magdalena, spricht mit der Türhüterin und führt mich dann in den Palast des Hohenpriesters. Dreimal habe ich IHN verleugnet. Ich Kleingläubiger bin damals wieder in das Gefängnis meiner Furcht gesunken. Furcht vor den Folgen, Angst vor dem Tod ziehen mich runter. Nichts von der Leichtigkeit, mit der Jesus in den Palast geschritten ist.

Mir fehlt das Vertrauen zu Jesus, die Leichtigkeit des Lebens, die uns Jesus gelehrt hat, die Leichtigkeit der Lilien auf dem Felde und der Vögel unter dem Himmel. Ich sehe Jesus noch vor mir wie er bei uns zuhause meine Schwiegermutter heilt, ich staune immer wieder, wie er das Töchterchen des Jairus auferweckt von den Toten. Ich sehe ihn vor uns dreien, Johannes, Jakobus und mir, strahlend und erhaben, leicht und verklärt, auf dem Berge.

Ich sehne mich nach tieferem Vertrauen zu Jesus, nach der Leichtigkeit des Lebens, die uns Jesus gelehrt hat. Meine Predigt am ersten Pfingstfest ist davon erfüllt gewesen und Tausende sind zum Glauben gekommen und haben sich taufen lassen, meine Worte, die ich zu dem gelähmten Äneas sage, Worte, die ihn heilen, die ihm neues Leben schenken durch die große Barmherzigkeit unseres Gottes, mein Gebet für die tote Tabita, die wunderbar mit neuem Atem erfüllt wird, meine Begegnung mit dem lichtstrahlenden Engel, der zu mir in das Gefängnis gekommen ist, in das mich Herodes geworfen hat. Das ist es, was mir immer wieder gezeigt hat, dass ER der HERR ist, dass ER lebendig ist, das er auferstanden ist, aufgefahren in die unsichtbare Welt Gottes, in der es keine Mauern aus Angst gibt, keine Wellen von Dunkelheit und keine Macht des Todes.

Hier in Rom leidet Christus mit. Am Ende meines Lebens werden wir verlacht und verfolgt wie die Mächtigen IHN verfolgt haben. Manche werden den Löwen vorgeworfen, manche werden am Kreuz hingerichtet. Kaiser Nero fürchtet uns. Wir missachten seine Göttlichkeit, seinen hochmütigen Glauben an sich selbst, den göttlichen Kaiser.

Die Römer werden sich etwas besonderes ausdenken für ihren Anführer, für den Kopf, den Felsen, für mich, Petrus, für dessen Ergreifung sie nur den passenden Augenblick suchen. Und wieder müssen wir – wie Christus damals – als Sündenböcke herhalten für die Fehler der Mächtigen, für das Elend in den Randgebieten Roms, für die Krankheiten ihrer Zivilisation, für jeden verlorenen Feldzug ihrer Soldaten.

Ich werde dir folgen, mein HERR, lasse mich von einem Anderen gürten und führen, wohin ich nicht will. Vielleicht werden sie mich mit den Füßen nach oben hängend kreuzigen. Meine Füße, mit denen ich in Leichtigkeit über das Wassers des Sees meiner Heimat gewandelt bin, meine Füße werden auch am Himmel hängen können wie die Flügel eines Schmetterlings.

Dann werde ich mich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, werde jauchzen, weil ich mein Ziel erreicht habe. Denn ich bin meinem HERRN gefolgt, mutig und entschlossen, mit dem Blick auf IHN wie auf dem See mitten in der Nacht, mit dem Blick des Menschenfischers auf das wachsende Netz von Brüdern und Schwestern der Gemeinde Jesu Christi, mit dem Blick auf die Seligkeit.“

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