Erzählpredigt: Ich, der verlorene Sohn!

<i>[Die Luth. liturg. Konferenz hat den Text des 3. So.n.Trin. der Reihe 1 durch den der Reihe 3 ausgetauscht, ohne dies in der predigenden Öffentlichkeit genügend zu kommunizieren. Die hier vielleicht erwartete Predigt über das "verlorene Schaf" findet sich jetzt in der 3. Reihe unter dem 3. So.n.Trin.]</i>

Liebe Gemeinde!

Mit diesem Schlüsselbund, das ich hier in der Hand halte, öffnen sich für mich viele Türen. Dies ist der Schlüssel für die St.-Petri-Kirche, dies der Schlüssel für das Jaderberger Pfarrhaus und dies der Schlüssel für das Westersteder Pfarrhaus, (in das wir diese Woche einziehen werden). Nicht auszudenken, wenn ich dieses Schlüsselbund verlieren würde. Es würde mich Zeit und Geld und Nerven kosten, wenn ich das Bund mit diesen kleinen, aber wichtigen Schlüsseln irgendwo verloren hätte.

Ich vermute, wir alle haben das schon erlebt, wir alle könnten eine Geschichte erzählen von etwas Verlorenem, von dem verlorenen Schlüssel oder Portmonee oder sogar von dem verlorenen Kind in einer wartenden Menschenmenge, eine Geschichte vom Verlieren, vom Suchen und vom Finden.

Etwas zu verlieren gehört zum Leben dazu wie die Milchzähne unserer Kindheit. Wir mussten sie verlieren, weil wir gewachsen sind. Etwas zu verlieren gehört zum Erwachsenwerden dazu. Wir lernen aus jedem Verlust, die wesentlichen Dinge im Leben mehr zu achten. Etwas zu verlieren gehört zum Leben mit Gott dazu! Jesus erzählt in verschiedenen Gleichnissen vom Verlieren, vom Suchen und vom Finden. Und er lehrt uns, dass es eigentlich Gott genauso ergeht: er verliert Menschen und er sucht die Verlorenen, er findet sie und er freut sich, wenn er sie gefunden hat. Darin ist Gott ganz menschlich oder anders gesagt: Darin sind wir ganz Gottes Ebenbild, wenn wir etwas verloren haben und es suchen, wenn wir etwas wiedergefunden haben und uns darüber freuen.

Manche Menschen ärgern sich, wenn sie etwas Wichtiges nicht wiederfinden können oder wenn sie merken, dass sie ihr Portmonee verloren haben. Welche Macht haben diese kleinen, leblosen Dinge, wenn wir sie einmal verloren haben über unsere innere Verfassung! Wir lassen uns von ihnen sozusagen unsere Aufmerksamkeit aufzwingen, wir müssen sie unbedingt suchen und wiederfinden.

Um wie viel mehr werden wir suchen müssen, wenn wir etwas Lebendiges verloren haben: den Freund, der sich von einem abgewendet hat oder den Ehemann, der sich mit „einer Anderen“ trifft, die Frau, die vom Alkohol überwältigt wird oder das heranwachsende Kind, das in die Drogenszene abgerutscht ist. In ihnen allen spiegelt sich etwas von dem verlorenen Sohn, dessen wechselvollen Lebensweg Jesus mit wenigen, aber eindringlichen Worten schildert. Lassen wir ihn, den verlorenen Sohn heute selbst zu Wort kommen:

„Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen wie das ist, wenn man als Jüngster aufwächst. Nie hatte ich meine Eltern für mich allein, von Anfang an musste ich alles teilen! Und dann traf mich der Verlust meiner Mutter, hart und schmerzlich. Sie zu verlieren machte mir viel mehr zu schaffen als ich nach Außen zeigen mochte. Mir fehlte ihre liebevolle Stimme, ihre mütterliche Zärtlichkeit und ihr Verständnis gerade für mich, den Jüngsten. Mein Vater allein hat mir meine Mutter nicht ersetzen können. Und seine zweite Frau war zwar nett, aber eben nicht meine Mutter.

Irgendetwas zog mich immer wieder weg von Zuhause. Ich wollte das Leben in vollen Zügen genießen. Und eines Tages kam ich auf die Idee, dass mich mein Vater auszahlen sollte. Mein älterer Bruder würde sowieso eines Tages den Betrieb weiterführen, also, was sollte ich noch warten?

Ein wenig überrascht war ich schon als mein Vater meinem Wunsch nachgab, und alles möglich machte, damit ich die Hälfte meines Erbteiles ausgezahlt bekommen konnte. Ich war stolz, endlich unabhängig zu sein und endlich etwas für mich allein zu haben. Dass mein Vater sich für meinen Wunsch krumm legen musste, störte mich nicht. Ich wollte nur noch weg von Zuhause und frei sein.

Jetzt im Rückblick erscheint mir die Zeit, die ich dann erlebte wie ein kurzer, schöner Traum. Ich lernte viele Menschen kennen und erlebte viel. Ich probierte vieles aus, woran mein Vater oder mein Bruder nicht im Traum gedacht hätten. Doch im Nachhinein erscheint mir alles so oberflächlich, so ohne Tiefe. Aber tief abstürzen sollte ich. Ich landete sozusagen in der Gosse.

Schuld daran waren diese Schweinepriester von Menschen, die einen nur ausnutzen und einen nur für ihre Zwecke missbrauchen. Ich musste Sachen machen, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche. Ich stieg in die niedersten Tiefen menschlichen Lebens hinab. Ich musste in die leeren Gesichter von Verlorenen blicken, die mein eigenes Inneres wiederspiegelten: arm und leer, abhängig und süchtig, mutterseelenallein und verloren.

Trotzdem musste es so kommen. Ich musste in diese tiefsten Niederungen fallen, sonst hätte ich nicht den Weg zurück gefunden.

Es gab für mich nur zwei Wege: meinem Leben voller Verzweiflung ein Ende zu setzen und mich endgültig zu verlieren oder mich zu besinnen und in mich zu gehen.

Ich ging in mich, sah meine Mutter vor mir und konnte endlich über ihren Verlust weinen. Ich sah die Arbeit, die mein Vater für mich geleistet hatte, ja, ich erschütterte innerlich, als ich sah, wie er sich für mich krumm gemacht hatte. Ich spürte die Liebe meiner Eltern zu mir, eine ungeteilte Liebe. Und es kam mir vor wie eine Neugeburt, wie ein zweites Leben. Jetzt wollte ich ehrlich sein mit mir selbst. Ich wollte meine Schwächen annehmen und zu meinen Fehlern stehen genauso wie ich mir meiner Stärken bewusst war. Ich fühlte mich nicht mehr allein. Etwas Starkes umgab mich, das größer war als ich! Wie viel Gutes hatte ich von meinen Eltern mitbekommen und wie viel eigene Stärken hatte ich entwickelt und wie groß war die Macht, die sich mir zuwendete.

Ich ging in mich und lernte in dieser tiefsten Not das Beten: „Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser!“ (Psalm 69,4)

„Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden!“ Ich betete es wie ein uraltes Gebet der Verlorenen, der Süchtigen, deren Sehnsucht nach mehr ihr Leben bestimmt. Jetzt glaube ich, wen Gott liebt, den süchtigt er!

Und so wie ich in mich gegangen war, so ging ich jetzt nach Hause. Ich spürte plötzlich ganz deutlich, dass mein Vater immer zu mir gehalten hatte. Wie ein gutes Kraftfeld umgaben mich seine Gedanken um mich. Wie schützende Hände spürte ich seine Nähe, die mich auch in den tiefsten Niederungen unsichtbar, aber schützend und kraftvoll begleitet hatten – als hätte er seine gefalteten Hände im Spiel. Was hatte er für mich getan! Was hatte er alles für mich aushalten müssen: die Vorwürfe und den Ärger meines Bruders, das Gerede und den Neid der Nachbarn, die Gerüchte um mich. „Sie reden gern von dem Schmerz dessen, den du hart getroffen hast!“ (Psalm 69,27)

Als mein Vater mir um den Hals fiel und mich küsste, platzte es aus mir heraus: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich habe deine Ehre verletzt und mit Füßen getreten. Ich schäme mich und bin es nicht wert, dein Sohn zu sein!“

Meinem Vater war jetzt etwas ganz anderes wichtig. Er freute sich. Das wollte er feiern. Und ihm war es egal, was die Leute darüber dachten. Er war froh und stolz und dankbar. Ich spürte es ganz deutlich, wie sehr er mich vermisst hatte. Im Grunde seines Herzens galt mir dieselbe ungeteilte, väterliche Liebe wie meinem älteren Bruder. Diese Liebe hatte ich verloren wie einen Schlüssel. Jetzt schloss mir seine Liebe die Tür auf zu einem neuen Leben!“

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