Das Evangelium leben

Liebe Gemeinde!

Die Worte klingen so radikal als wären sie ein Aufruf zur Gewalt. Dafür steht das Schwert. Die Worte klingen so radikal als wären sie ein Aufruf zur Auflösung aller sozialen Bindungen. Dafür steht die Entzweiung, die durch die Familien geht. Diese Worte klingen so radikal als wären sie ein Aufruf einer Sekte. Dafür steht. Eltern oder Jesus. Beides geht nicht.

Was sagen Sie zu solchen Sätzen?

Als ich mit der Windesheimer Frauenhilfe in der vergangenen Woche über diesen Text sprach, war der einhellige Rat, einen anderen Text zu suchen; denn es gebe doch am Sonntag einen musikalisch ausgerichteten Gottesdienst, um die Freude am Singen zu fördern. Da möge auch die Predigt dieses Anliegen unterstützen.

Meine Guldentaler Konfirmandengruppe äußerte sich wie folgt:

· Das ist doch das genaue Gegenteil von dem, was Jesus sonst sagt oder tut.

· Das ist ja richtig verwirrend, mit dem Entzweien der Familie.

· Das mit dem Schwert gefällt mir, das hat was Klärendes an sich.

· Ja, so ist es, will man seinen eigenen Weg finden.

· Und was sagen Sie als Pfarrer zu solchen Sätzen?

Da muss ich zunächst einmal gestehen, dass ich als junger Prediger diesen Text stets übergangen habe, weil er so hart und missverständlich klingt, weil er mehr Bauchschmerzen als Freude bereitet. Ja, noch lieber hätte ich es, dieser Text würde nicht in der Bibel stehen.

Doch einen Zugang habe ich gewonnen, als ich diese Worte im Zusammenhang der Gesamtbotschaft Jesu zu lesen und zu verstehen versuchte. Jesu Botschaft ist geprägt vom Gedanken der Liebe und des Friedens, geprägt von einem guten mitmenschlichen Zusammenleben, das die Achtung vor dem Anderen in den Mittelpunkt stellt. Dem Sünder wird vergeben, der Ausgleich zwischen den Zerstrittenen wird gesucht, die Feindesliebe in den Mittelpunkt gestellt. Jesus hält diesen Gedanken sogar durch bis ans Kreuz: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 22,34)

Wenn also dies im Vordergrund der Botschaft und des Lebens Jesus steht, dann geht es in diesen Sätzen um die Auswirkungen seiner Botschaft, um die Auswirkungen der Nachfolge Jesu.

Das Schwert ist sicher nicht als Waffe zu verstehen, sondern als ein Zeichen für Trennungen, die das Leben als Christ zeitigt. Wer sich der Botschaft des Friedens, der Liebe, der Feindesliebe, der Überwindung von Hass und Streit hingibt, wer Versöhnung predigt und praktiziert, der steht auf einer Seite des Lebens, die Widerspruch hervorruft. So könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, dass die Eltern des Simon Petrus nicht erbaut waren, als der seine Fischernetze hingeschmissen hat, um diesem dahergelaufenen Jesus hinterher zugehen. Auch Matthäus, der Zöllner, der von Jesus aufgefordert wurde, wird seinen Arbeitgeber, den römischen Besatzern nicht erfreut haben, als er plötzlich seinen Arbeitsplatz verlassen hat. Die Gruppe um Jesus war den religiös Verantwortlichen ein Dorn im Auge. Von dieser Gruppe ging Kritik aus, religiöse Kritik, ethische Kritik, politische Kritik. Das war gefährlich, da musste man einschreiten, da muss man wieder Ordnung schaffen. Das Kreuz ist so eine Reaktion auf diese Gruppe, die etwas ganz anderes wollte, als die Tradition des Lebens vorgegeben hat.

Und so etwas erlebten nach der Auferstehung Jesu auch viele Christen, die sich aus dem Elternhaus entfernten, die die Tradition des jüdischen Glaubens über den Haufen warfen, die den heidnischen Gottheiten den Rücken kehrten. Da gab es große Trennungen in den Familien, in den sozialen Gemeinschaften. Da gab es Tränen, Enttäuschungen, Verletzungen, die einzig und allein darauf zurückzuführen waren, dass Menschen sich dazu entschlossen, Jesu Worten zu folgen, seinen Lebensweg auch für sich anzunehmen, um in seiner Nachfolge zu leben. Und das führte ja auch bald dazu, dass diese Christen Verfolgung zu erleiden hatten, dass Arenen für Massenmord an Christen gefüllt wurden. Das Schwert, das Jesus bringt, und nicht den Frieden, das Schwert wurde auf der anderen Seite angewandt. Jesus wusste dies, hat dies selber erlebt, aber er hat deutlich gemacht, dass nur so ein wahrhaftiges Leben vor Gott und für die Menschen zu führen ist.

Die Nachfolge Jesu Christi hat bis heute verschiedene Gestalt. Albert Schweitzer gab in der Nachfolge Jesu Christi seine wissenschaftliche Laufbahn auf und ging nach dem zusätzlichen Medizinstudium in ein Entwicklungsgebiet Afrikas, um die Nächstenliebe in die Tat umzusetzen und den kranken Menschen zu helfen.

Der Weg des Glaubens hat Dietrich Bonhoeffer im 3. Reich in den Widerstand geführt, an dessen Ende der gewaltsame Tod auf Beschluss eines Sondergerichts stand.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ führte Pfarrer Schneider aus Dickenschied ins KZ Buchenwald. Als man ihm die Freilassung aus Buchenwald unter der Bedingung anbot, dass er künftig zu Gewalt und Unrecht schweige, hat er sinngemäß geantwortet, dass nach der Freilassung der erste Bordstein von Weimar seine Kanzel werde. Die Antwort der KZ-Wärter war eine tödliche Strophantinspritze.

Der gewaltfrei handelnde brasilianische Bischof Dom Helder Camara hat im Blick auf seine arme Kirchenprovinz, in der Tausende von Kindern jährlich verhungern, einmal gesagt: „Man nennt mich einen Christen, wenn ich den Kindern Brot gebe, aber einen Kommunisten, wenn ich frage, warum Kinder verhungern.“ Durch die Verfolgung beider Aktivitäten gewann er neue Freunde und verlor alte.

So erkenne ich in dieser harten und missverständlichen Rede Jesu, dass die Angst vor dem Verlust von Beziehungen Menschen nicht abhalten sollte, nach Gottes Willen zu fragen und ihn zu tun versuchen. Denn dieses Tun steht unter der Verheißung: du wirst das Leben gewinnen inmitten der Auseinandersetzungen und Trennungen. Jesus spricht sie an, um deutlich zu machen, dass der Weg der Christen kein einfacher Weg ist. Und doch ist die Nachfolge Jesu ein verheißungsvoller, ein lebensvoller Weg, den zu gehen sich lohnt. Jesus ist ehrlich, wenn er sagt, ich fordere von dir etwas, auch etwas, das wehtut, aber ich schenke dir auch etwas: nämlich wahrhaft erfülltes Leben.

So lerne ich mit den Nachfolger/innen Jesu den Mut zu haben, auf das Wort Jesus zu hören und dabei nicht allzu oft und allzu ängstlich nach den Mächtigen in Wirtschaft, Medien, Politik oder Kirche um deren Wohlwollen zu schielen. Vielmehr gilt es das Evangelium zu leben, wie es der Wochenspruch "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Bösen mit Gutem." (Römer12,21)

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