Wer Konflikte scheut macht so manchen Brandstiftern und Tyrannen den Weg frei.

Liebe Gemeinde,

Fast jeder dritte Bundesbürger fühlt sich durch seinen Nachbarn belästigt. Jährlich landen mehrere 100.000 Fälle von Nachbarschaftsstreitigkeiten vor Gericht.

Ob es der Apfelbaum ist, der über den Gartenzaun ragt, der Rauch des Grillfestes, der in den anderen Garten zieht oder die spielenden Kinder im Innenhof der Wohnanlage.

Menschen streiten reichlich und oft miteinander. Manche Rechtsschutzversicherungen haben inzwischen die Notbremse gezogen und chronischen Streithähnen den Versicherungsschutz gekündigt.

„ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“

Die Worte Jesu klingen in unserer Zeit fremd, unpassend ja störend.

Es gibt doch schon genügend Streit und Konflikte zwischen den Menschen, vom einfachen Nachbarschaftsstreit angefangen bis hin zum Konflikt zwischen Ländern.

Die Religion soll doch dazu dienen Streit zu beenden und Frieden zu stiften und dann dieses Bibelwort: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext zeigt in deutlicher Schärfe eine Seite des Evangeliums auf, die man vielfach nicht so deutlich sehen will.

An Gott glauben bedeutet für viele Menschen Harmonie, Liebe und Vergebung. Doch das allein macht noch lange nicht die ganze Botschaft Jesu aus, wie wir sie in den Evangelien finden.

Da ist auch von Streitgesprächen mit Gegnern die Rede, da kommt es zu Unruhen unter dem Volk. Da streiten sich verschiedene Parteien darüber ob Jesu von Gott oder vom Teufel ist. Es kommt zum Konflikt mit den religiösen Führern des Landes und auch mit dem politischen Establishment.

Nein, Jesu Botschaft war keine Botschaft von Friede, Freude, Eierkuchen.

Seine Predigt war oft unbequem, und seine Predigt hat den Menschen immer wieder eine Entscheidung abgenötigt: „Für mich oder gegen mich“ Nachfolge oder Verharren im Alten.

Nicht zufällig steht das Bibelworte des heutigen Sonntags in Kapitel 10 bei Matthäus.

Dieses Kapitel erzählt von der Berufung und Aussendung der Jünger Jesu.

Der Ruf in die Nachfolge Jesu führt auch zu Konflikten, das sagt uns das heutige Bibelwort klar und deutlich. Vom Schwert ist die Rede, von Entzweiung und Kreuz.

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.

In diesen schwierigen Worten spiegelt sich die Erfahrung der Christen wieder, die zur Zeit des Matthäus gelebt haben.

Die Gemeinde Jesu, die im Herzen der jüdischen Gemeinde entstanden ist, musste sich abgrenzen, musste klar sagen wofür sie steht warum sie dieses und jenes ablehnt.

Das Bekenntnis zum Glauben an Jesus bedeutete vielfach einen Riss mitten durch viele jüdische Familien. An der Person Jesus schieden sich die Geister, es konnte nur ein dafür oder ein dagegen geben.

Da haben sich sicher viele Tragödien abgespielt, als sich ein Teil der Familie taufen ließ und der andere nicht.

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

So hart dieses Wort ist, so ernüchternd und heilsam kann es doch sein.

Um des Glaubens willen, kann es auch heute immer wieder notwendig sein, ein klares Bekenntnis abzulegen und sagen wofür man steht und was man nicht mitmacht.

Nur aus Angst vor Auseinandersetzungen geben viele Menschen nach, verleugnen sich und ihre Prinzipien. Um des lieben Friedens willen heißt es dann.

So geschieht es immer wieder, dass gerade der, der den Konflikt scheut, so manchen Brandstiftern und Tyrannen erst den Weg frei macht.

Aber Nachfolge Jesu bedeutet immer auch Entscheidung. Nicht immer nur „Entscheidung für“ manchmal kann es auch heißen: „Entscheidung gegen“.

Entscheidung gegen Personen, Entscheidung gegen Verhältnisse, Entscheidung gegen politische Systeme.

Gerade hatte der junge Mann seine Lehre abgeschlossen und die Eltern waren froh, dass jetzt endlich die finanzielle Situation entspannter werden würde, durch das eigene Gehalt des älteren Sohnes.

Schließlich mussten sie auch noch das Geld für die Wirtschaftsschule für die Tochter aufbringen. Doch der Sohn wollte nun eine mehrjährige Ausbildung zum Diakon machen und die Eltern mussten für den Unterhalt aufkommen. Der Sohn fühlte sich berufen in der Kirche zu arbeiten, die Eltern waren total dagegen. Es kam zum großen Bruch zwischen den Eltern und dem Sohn.

Seit Jahren schon brodelt es im Vorstadtverein, weil ganz wenige alles in der Hand haben und nicht bereit sind auch mal den neuen Mitgliedern Verantwortung zu übertragen. Bis sich dann doch jemand den Mut nimmt und auf der Mitgliederversammlung von Gleichberechtigung und Demokratie spricht. Viel hat sich seitdem verändert, verziehen aber hat man ihm dies nie: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert“.

Vor wenigen Wochen hat sich die sog. Ost-Denkschrift der EKD aus dem Jahre 1965 zum 40igsten Mal gejährt, in der sich die evangelische Kirche damals für eine Anerkennung der bestehenden Ostgrenzen des heutigen Deutschlands ausgesprochen hat. Welch ein Sturm von Entrüstung hat dieses mutige Wort ausgelöst. Proteste und Kirchenaustritte waren die Folge. „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Dank dieser mutigen Aussagen der Kirche damals wurde eine politische Versöhnung eingeleitet, die keiner für möglich gehalten hätte.

Liebe Gemeinde,

es geht nicht um Sturheit, verletzte Eitelkeiten und ständige Nörgeleien, die leider viel zu oft in unserem Leben Anlass für Streit und Konflikte sind. Es geht im Bibelwort heute um Nachfolge und Bekenntnis zum Evangelium das Jesus gepredigt hat.

Es kann im Glauben nicht ausschlaggebend sein ob das was ich sage zu Konflikten führt oder nicht. Natürlich ist es unsere Verantwortung in schwierigen Situationen immer genau zu prüfen, ob der Konflikt wirklich notwendig ist und ob er nicht vermieden werden kann.

Doch letztlich darf das nicht dazu führen, dass wir unterlassen Gutes zu tun und vielleicht so noch Unrecht zulassen. Es darf nicht dazu führen, dass wir schweigen, wo wir reden und anklagen sollen.

So wie es in dem bekannten Pfingstlied heißt: „Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit, ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit; trotz aller Feinde Toben, trotz allem Heidentum zu preisen und zu loben das Evangelium“.

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