Noah ging heraus aus der Arche …

Liebe Gemeinde!

Wenn ein öffentliches Gebäude errichtet oder ein Schiff oder ein Flugzeug gebaut wird, dann sind neben den eigentlichen Bau- und Konstruktionsplänen unendlich viele Sicherheits-vorschriften zu beachten. Zu ihnen gehört vor allem auch, dass die Ausgänge deutlich gekennzeichnet sind. Sie kennen alle diese weiß-grünen Schilder, auf denen ein Mann zu sehen ist, der in Richtung Pfeil läuft; häufig ist darüber das englisch Wort EXIT zu lesen, auf deutsch: Ausgang. Diese Schilder sind überall deutlich sichtbar anzubringen, und zwar so, dass sie auch bei Dunkelheit leuchten, so heißt es in den Vorschriften, für den Fall eines Feuers oder bei Schiffen auch für den Fall eines Kenterns oder beim Flugzeug für den Fall einer Notlandung. Dass Häuser, Schiffe und Flugzeuge sicher gebaut werden, setzen wir zwar im Allgemeinen voraus. Jedoch erinnern uns jene Schilder, die auf die Ausgänge bzw. die Notausgänge hinweisen, daran, dass nichts perfekt ist und dass es immer nötig sein kann, die Ausgänge schnell und sicher zu erreichen. Damit ist die Rettung noch nicht garantiert, aber durch die Schilder wird immerhin die richtige Richtung angezeigt.

Noah ging heraus aus der Arche. Damit beginnt unser Text. Soweit ich weiß bzw. es mir vorstellen kann, hatte die Arche keine Hinweisschilder auf Ausgänge und Notausgänge. Bei der Konstruktion war dem Noah lediglich der Auftrag gegeben worden, eine Tür mitten an die Seite zu setzen. Und oben ein Fenster. Als Notausgang vielleicht? Immerhin, durch dieses Fenster wurde bekanntlich gegen Ende der Sintflut der erste Kontakt zur Außenwelt wieder hergestellt. Wir kennen das Bild, wie Noah aus der Luke schaut, eine Hand ausstreckt und die Taube auf Erkundungsreise losschickt bzw. wieder erwartet. Zuletzt kommt sie mit einem Ölblatt im Schnabel. Ein Symbol des Friedens wurde daraus. Die Dachluke, der Notausgang der Arche gewissermaßen zum Symbol des Durchbruchs, hin zu einem neuen Anfang. Und dann die Tür: Sie erlaubte dem Noah, seiner Familie und den Tieren den Durchgang in eine neue Welt, die freilich alles andere als ein Paradies ist: Eine Schlammwüste vielmehr, wie wir sie aus den Bildern der jüngsten Vergangenheit nur zu genau kennen. Doch immerhin: Der Boden trug sie wieder, die Arche hat ausgedient. Noah ging heraus aus der Arche.

Die Geschichte von der Sintflut und der Arche ist immer wieder missverstanden und noch häufiger verharmlost worden. Manche tun sie als eine mythische Legende ab, über die man höchstens lächeln kann. Andere sehen in ihr ein historisches Ereignis und versuchen auf dem Berg Ararat womöglich noch Reste der Arche zu finden. Wieder andere sehen in ihr nur die Geschichte eines fürchterlichen Gerichts: Seht, so heißt es dann, so geht es den Menschen, die nicht an Gott glauben. Sie müssen alle elendig umkommen. Dann wieder wird die Geschichte von der Arche als Urbild der Geborgenheit dargestellt, in der Menschen und Tiere einträchtig und gemütlich beieinander sitzen, während des draußen fürchterlich regnet.

Alle diese Deutungsversuche enthalten Richtiges, aber sie greifen zu kurz. Denn dies ist zwar eine Geschichte von einer fürchterlichen Katastrophe, aber vor allem eine Geschichte von großem Vertrauen, und daraus folgend eine Geschichte von einem Ausweg. Die Geschichte von einem Ausweg aus einer Katastrophe also, von einem Notausgang gewissermaßen, der aber letztlich zur Rettung führt. Dieser Notausgang, dieser Rettungsweg ist deutlich markiert, nicht durch selbst reflektierende Schilder zwar, wohl aber durch Worte, die uns selbst reflektieren lassen, die uns zum Nachdenken und zur Besinnung rufen – so wie den Noah damals.

Noah ging heraus aus der Arche. Das setzt voraus, dass er zuvor in die Arche hineingegangen war. Damit fing das Vertrauen an. Erinnern wir uns: Noah hatte Gottes warnende Stimme gehört, er hatte die Zeichen der Zeit erkannt und hatte sich dabei zum Gespött aller gemacht, als er mitten auf trockenem Land ein Schiff baute. Damit wird er im Alten wie im Neuen Testament als Beispiel des Glaubens dargestellt, als ein Mensch, der sein Verhalten nicht von seinen eigenen Ideen, Vorstellungen und Fähigkeiten abhängig machte und schon gar nicht von der Meinung anderer, sondern der Gott vertraute. Und das war von vornherein der richtige Weg, längst bevor die Arche mit Fensterluke und Tür gebaut wurden. Noah musste es zwar miterleben, wie Menschen in eine fürchterliche Situation hineingerieten – und das müssen auch wir immer heutzutage wieder miterleben und mit ansehen. Doch die Arche trug ihn – wenn auch seine Zukunft zunächst ungewiss bleib. Ein guter Ausgang der ganzen Katastrophe war ja noch nicht in Sicht. Auch darin ähnelt Noahs Situation der unsrigen in vieler Hinsicht. Nur: Er hatte die Zeichen, die Wegweisungen Gottes beachtet, vorher und nachher. Und darauf sollten wir jetzt auch unser Augenmerk richten.

Vorher war dieses zu hören: Es ist aus, hatte Gott wie zu sich selbst gesprochen, ich ziehe einen Schlussstrich. So geht es nicht weiter. Das Ende war damit beschlossen. Die Umkehr der Schöpfung. Nicht mehr: Es werde Licht. Sondern: Es sieht finster aus. Grund zur Resignation, zum Aufgeben? Noah ist offenbar der einzige, der in diesem sich anbahnenden Chaos und aus diesem Gerichtsurteil Gottes noch mehr heraushört: Bau eine Arche. Nicht ein festes Haus, das doch keinen Bestand hätte, sondern eine bewegliche, wenn auch provisorische Unterkunft für dich, deine Familie und die Tiere.

Dass Noah diese Botschaft hörte und befolgte, wird als Gnade bezeichnet, als Geschenk Gottes. Und Gnade ist – bei allem Verderben und bei allen Rätseln und Fragen, die die Sintflutgeschichte nach wie vor ins uns zurücklässt – Gnade ist sozusagen die rote Linie der ganzen Geschichte – und das Vertrauen in diese Gnade. Wären uns von Noah aus der Zeit in der Arche irgendwelche Worte überliefert worden, dann könnten sie vielleicht ähnliche gewesen sein wie die von Dietrich Bonhoeffer aus der Gefängniszelle: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns, am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Ja, Vertrauen auf die Gnade Gottes bewährt sich ganz offenbar gerade nicht in solchen Zeiten, in denen es einem gut geht, in dem man sich seiner Sache und seiner Zukunft sicher sein kann, sondern umgekehrt gerade in solchen Zeiten großer Ungewissheit und Sorge. Die Arche, die den Noah und die Seinen einem ungewissen Ziel entgegen trieb, sie mag stellvertretend für viele Situationen und Bewegungen und Entwicklungen unseres Lebens stehen, von denen wir auch nie mit Bestimmtheit sagen können, wohin sie führen und wie sie ausgehen werden. Nur: Das Vertrauen auf Gottes Führung, auf seine Nähe und Liebe kann Menschen helfen, auf dem richtigen Kurs zu bleiben und dabei die Augen offen zu halten, sozusagen die Hinweisschilder nicht zu übersehen, die auf einen guten Ausgang hinweisen. Die Hinweisschilder auf den Notausgang also, aber weniger auf den Ausgang in der Not als vielmehr aus der Not heraus.

Noah ging heraus aus der Arche. Das bedeutet: Er ließ diese ganze unglückliche Geschichte hinter sich, diesen Fluch und dieses Verderben. Gott gab ihm eine Zukunft, und er erkannte es auch sofort, dass er diese Zukunft nicht sich selbst zu verdanken hatte, nicht seinen guten Manövrierkünsten als Kapitän der Arche, und auch nicht seinem Überlebens- und Fitnesstraining während der Zeit der Sintflut, nein weiß und glaubt: Gott hat mich bewahrt und mir die Chance zum Neuanfang gegeben. Und dieser Neuanfang begann nicht damit, dass Noah die Ärmel aufkrempelte, sondern damit, dass er die Hände faltete. Er opferte vom dem Besten, was er hat, er verzichtete auf manches von dem, was ihm den Start ins neue Leben vielleicht angenehmer gemacht hätte, und er legte damit auch seine Zukunft in Gottes Hand. Darin unterscheidet sich Noah sehr deutlich von vielen Menschen unserer Zeit, die angesichts von Herausforderungen und Katastrophen ganz anders reagieren. Entweder mit Erschrecken und Lähmung, oder aber mit großen Sprüchen und Phrasen. Bestenfalls wird es noch so ausgedrückt: Es gibt viel zu tun, packen wir’s an. Damit möchte man Mut machen. Mut kann man aber nur schlecht machen. Mut kann man aber bekommen und Mut kann man fassen. Für Noah begann der Mut mit Demut, mit der Besinnung auf Gott, mit Dankbarkeit und mit Opferbereitschaft. Und damit war die Sintflut zu Ende, und Noah war bereit für die Wegweisungen, die nun – nach der Katastrophe -folgen sollten.

Wie lauten diese Worte? Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen, und ich will nicht mehr schlagen alles, was da lebt, sondern: Solange die Erde lebt, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Bekannte, schöne Worte, die vielen von uns vertraut sind. Worte, die jedes Jahr unter anderem zum Erntedankfest verkündigt werden, Worte, die aber gerade in diesem Jahr vielen Menschen wie ein Hohn erscheinen könnten: Was ist denn mit den Überschwemmungskatastrophen des vergangenen und dieses Jahres, die so unendlich viel Leid mit sich gebracht haben? Was ist denn mit den vielen Menschen, vor allem den Armen und Benachteiligten, die keine Chance hatten, den Fluten zu entkommen? Warum haben sie keine Gnade vor Gottes Augen gefunden? Warum gab es für sie keine rettende Arche, keinen Notausgang aus der Katastrophe?

Wir werden auf solche Fragen keine Antworten finden können. Oder vielleicht nur diese: Solange es Menschen gibt, die auf dieser Erde leben, wird es Widersprüchlichkeiten und Leid geben, Katastrophen und Unglücke, Schicksalsschläge und Tiefpunkte. Die Erlösung, das Paradies steht noch aus. Aber mitten in den durchaus oft unparadiesischen Zuständen unserer Welt können wir Menschen Zeichen und Wege entdecken, Auswege und Möglichkeiten, die Gott uns schenkt. Seine Gnade besteht nicht vordergründig darin, dass es denen immer gut geht und das diejenigen unangefochten und unbeschadet leben können, die ihm vertrauen, wohl aber, dass ihnen immer wieder neue Kraft und neues Vertrauen erwächst, komme was wolle. Die bevorstehende Sintflut, von der uns das Alte Testament erzählt, hat einst den Noah nicht verzweifeln und nicht untergehen lassen. Das Kreuz Jesu, das im Neuen Testament als äußerste Bedrohung erscheint, hat die Kraft des von Gott geschenkten und gewollten Lebens nicht endgültig zerstören können. Somit zieht sich eine Linie von alttestamentlichen Zeugen wie Noah bis hin zu Jesus Christus, und von ihm bis in unsere Gegenwart hinein. Überall da, wo Menschen wirklich ihr ganzes Vertrauen auf Gott gesetzt haben, oft genug gegen den Augenschein, da hat es Wege und Auswege gegeben, manchmal nur so etwas wie Notausgänge, aber immer begleitet von dem, der selbst für uns Menschen Weg, Wahrheit und Leben ist.

Denn darum geht es auch in der alten Sintflutgeschichte: Um Weg, Wahrheit und Leben. Um einen Weg, der gegenüber der oft schlimmen Wahrheit und Wirklichkeit der Welt die Augen nicht verschließt, aber über allem und hinter allem Gottes Wahrheit, Gottes Ziel mit uns erkennen lässt: Und dieses Ziel ist das Leben. Allen Bedrohungen zum Trotz. Noah ging hinaus aus der Arche. Er blieb nicht in der vermeintlichen Sicherheit, die das Boot ihm für einige Zeit gab. Er wagte den entscheiden Schritt und konnte darum diese Botschaft hören und im Vertrauen auf sie das Leben neu beginnen: Solange die Erd steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

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