Gottes Schöpfung mit Ehrfurcht behandeln

Jahrzehnte lang habe ich an einem Fluss gewohnt, der im Frühjahr über die Ufer trat, wenn in den Bergen die Schneeschmelze einsetzte. Und von Jahr zu Jahr wurden die Hochwasser schlimmer, der Schaden höher. Die Ursache: Die Stadt, in der ich lebte, weitete sich aus. Immer mehr Industrie und Einkaufszentren entstanden auf den früheren Brachflächen in der Flußaue, das Regenwasser konnte nicht mehr versickern, der angeschwollene Fluss sich nicht mehr, wie jahrhundertelang zuvor, ausbreiten. Und manchmal, wenn es tagelang regnete und unser Keller mal wieder vollgelaufen war, schaute ich an den grauen Himmel und dachte an die Sintflut. Der Regen hat immer wieder aufgehört, die Sonne kam heraus, und mir wurde leichter.

Hören wir eine uralte Geschichte von Menschen, die ein ungleich größeres Hochwasser überstanden haben:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, es gibt kaum eine Geschichte in der Bibel, die Grundschüler so sehr fasziniert wie die mit der Arche Noah. Begeistert malen sie die Tiere aus, und begeistert malen sie sich selbst aus, wie das wäre in so einer Arche. Und am allerliebsten malen sie den Regenbogen, der über dem Schluss der Geschichte steht. Wir Erwachsenen hören die Sintflut-Geschichte mit unterschiedlichen Gefühlen. Diejenigen, die das Hochwasser vor zwei Jahren miterlebt haben, werden daran denken, was für eine Umgebung Noah da vorfindet, als er die Arche verlässt. Und manche werden sich vielleicht wundern, dass er noch zum Danken fähig ist. Schließlich hat er außer den jeweils zwei Tieren alles verloren, und er weiß nicht mal, wo er gelandet ist. Auch diejenigen hier in der Umgebung, die vor ein paar Wochen die Schlammlawinen hier in nächster Umgebung erfahren haben, sehen vielleicht wenig Grund, auch noch zu danken – wenngleich alles hätte viel schlimmer kommen können.

Immer wieder verschweige ich im Religionsunterricht den einen Satz, der hier so merkwürdig mitten im Text steht: denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Es ist so ein Satz, der mir schwer fällt, den ich selbst einfach nie so recht glauben wollte und manchmal immer noch nicht glauben will. Ich komme nicht wirklich gut damit zurecht. "Was Gott tut, das ist wohlgetan", singen wir gerne in einem Kirchenlied. Und auch der Mensch ist ja Gottes Schöpfung. Und dann soll er böse von Jugend auf sein? Klar belehren mich jeden Tag Bilder aus aller Welt eines anderen: Da scheint es, als seien Menschen in der Lage, so ziemlich aus allem etwas Böses zu machen. Radioaktivität an sich ist ja nichts Schlechtes, aber muss man damit Atomwaffen bauen? Auch ein Hammer ist gut, um Nägel damit einzuschlagen. Muss damit aber ein Nachbar niedergehauen werden?

"Was habe ich da bloß geschaffen?", hatte Gott sich möglicherweise gedacht, als schon die ersten Menschen gegeneinander losgingen. Aber so richtig trennen von seinem Geschöpf mag er sich dann doch nicht. Immerhin gibt er ja Noah den Tipp mit der Arche. Noah ist dankbar, er verhält sich ja in keiner Weise unangemessen, als er da Gott Dankopfer bringt. Was soll also dieser Einwurf denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf? Und wenn ihn das so stört, warum ändert Gott das nicht? Warum handelt er so unglaublich kompliziert? Ist er, wie ein Bekannter einmal zu mir sagte, ein Zyniker? Ist er eine Spielernatur? Ich glaube, der Fehler, den ich mache, ist typisch menschlich: Ich versuche, Gottes Perspektive einzunehmen und mir seine Gedanken zu machen. Obwohl ja Gott in dieser Geschichte ausgesprochen menschlich dargestellt wird.

»Und Jahwe roch den Beruhigungsgeruch« (Westermann, z.St.) heißt es wörtlich aus dem Hebärischen und damit wird in der speziellen Opersprache ausgedrückt, daß Jahwe das Opfer des Noah mit Wohlwollen annimmt. Und so ändert er sein Vorhaben: Jahwe will die Erde zukünftig nicht mehr geringschätzen (in diesem Sinne ist KALLAL gebraucht) und der Vernichtung aussetzen. Der 3,17 ausgesprochene Fluch,wird in Segen gewandelt.

Gottes Befehl ruft gleichsam eine Neuschöpfung hervor. (Zitat: die fast gleiche Formulierung in v17 und Gen 1,22) Der Mensch lebt nicht auf einer von Gott verfluchten, sondern auf einer von diesem bejahten Welt.

Die »Bestrafung« der Erde um des Gott-los-seins des Menschen – darauf läuft die Bosheit des Menschen nach Gen 11,1ff (J) ja hinaus – hat ein Ende. Und damit ist das Böse im Menschen nicht mehr das alles Bestimmende, obwohl es nicht verschwindet.

"Der Mensch ist böse von Jugend auf", was bedeutet das denn eigentlich? Es heißt, dass er von seinen Eltern und Erziehern in der Zeit seines Erwachsenwerdens auch die negativen Vorbilder übernimmt. Sie alle kennen vielleicht das Wort "Erbsünde" und wissen wenig damit anzufangen. Das Stichwort "Erbsünde" zieht sich als Streitpunkt durch die Kirchengeschichte, seit der Römerbrief interpretiert wurde, von Augustinus über Thomas von Aquin, die Reformatoren, den Aufklärer und Individualisten Immanuel Kant bis zu der für Dogmatiker provozierenden Auffassung etwa eines Eugen Drewermann. Die klassische theologische Definition des Wortes Sünde ist: "Alles, was sich zwischen mich und Gott stellt. Alles, was mich von Gott trennt."

Der Apostel Paulus spricht als Erbsünde von der Schuld, die durch Adam ausgelöst und von Jesus Christus durch Kreuz und Auferstehung aufgehoben wurde. Aber ist das nicht ein bisschen einseitig?

"Sünde erschöpft sich nicht in individueller Schuld, sie hat auch eine kollektive Dimension, der Sünder ist nicht nur ein Ich, sondern auch ein Wir" sagt der katholische Erfurter Theologe Georg Hentschel, darum gehe es, dies werde schon am Mythos des ersten Menschenpaares klar. Beteiligt war nicht nur Adam, nicht nur Eva, nicht nur die Schlange – eines kam zum anderen. Und auf den ersten Sündenfall folgte bald der Brudermord bei Kain und Abel. Auch Noahs Sohn macht sich schon bald nach der Rettung wieder schuldig, indem er seinen berauschten Vater vor seinen Brüdern bloßstellt. Und bald nach der Sintflut-Geschichte folgt der Turmbau zu Babel, ein frühes Beispiel für Kollektivschuld. Dass sich ganze Familien, ganze Völker schuldig machen, ist ein Phänomen, mit welchem wir es bis in die gegenwart dauernd zu tun haben. Ich kann mich als Einzelperson völlig unschuldig fühlen am Hunger in weiten teilen der Welt – aber trage ich nicht doch Mitverantwortung dafür, einfach durch meine Lebensweise hier auf dem satten teil der Erde? Und wie ist es mit der Zerstörung der Natur? Ich komme gar nicht umhin, mich jeden Tag schuldig zu machen, indem ich mein Auto benutze.

Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf – mit dieser göttlichen Feststellung müssen wir leben. Aber wir können auch damit leben – und auch dafür sorgt wiederum Gott.

Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Gott gibt uns mit dieser Zusage einen Rahmen, auf den wir uns verlassen können, jedenfalls für die Zeit, so lange er diesen Planeten erhalten will: Nach Kälte kommt wieder Wärme, nach Dunkel wieder Licht, auf jede Nacht folgt ein Morgen. Und wir müssen keine Tiere mehr opfern und ängstlich abwarten, ob der Rauch auch wirklich hochsteigt und der "Beruhigungsgeruch" Gottes Nase erreicht. Das letzte und größte Opfer hat Gott selbst für uns gebracht. Die Sühne Christi am Kreuz ist unüberbietbar.

"So lange die Erde steht", mit diesem Satz sind wir aber weiterhin in die Verantwortung genommen, auch unseren Teil des Bundes zu erfüllen. "Nehmt euer Kreuz auf und folgt mir nach", hat Jesus gesagt. Das heißt, Christus ist stellvertretend für uns den Kreuzweg gegangen, aber es heißt auch, dass uns Tod und Sterben nicht erspart bleiben. Wir sind also in Heil und Unheil miteinander verbunden.

Es geht in der Welt heute um die gleichen Probleme wie in der Bibel. Und gerade in einer Zeit, in der sich jeder nur selbst verwirklichen möchte und sich selbst der Nächste ist, sind wir aufgerufen, auch an unsere Verantwortung für die Gemeinschaft aller Menschen zu denken. Das fängt damit an, darauf zu verzichten, zurückzuschlagen, wenn mich jemand schlägt. Und es geht da weiter, wo es darum geht, Böses mit Gutem zu vergelten und stellvertretend Fürsprache zu halten. Das gilt für den ganz privaten, zwischenmenschlichen Bereich, aber es gilt auch für die ganze Schöpfung.

Wir sollten viel öfter bewusst dafür danken, dass wir in einer von Gott gesegneten Welt leben, einer Welt, die es wert ist, mit Ehrfurcht behandelt zu werden. "Christ(in) sein – was bedeutet das für mich? (wie äußert sich christlicher Lebenswandel?)", diese Frage beschäftigt seit Monaten einen Themenchat im Internet. Interessant dabei ist, dass kein einziges Mal der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung genannt wurde.

Schließlich ist es auch unser Teil, nicht selbst die Katastrophe herbeizuwirtschaften, die Gott damals ausgesetzt hat. Wenn wir seine Regeln durchbrechen und zum Beispiel da ernten, wo wir nicht gesät haben, wenn wir nur angenehme Wärme statt Frost und Hitze wollen und künstlich die Nacht zum Tag machen und den Winter zum Sommer, dann sind wir kräftig dabei, eine Sintflut zu schaffen, vor der uns wirklich nur Gottes Gnade und Liebe bewahren kann.

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