Durchatmen und neu anfangen

Von Sintflut war im letzten Monat manchmal die Rede – die Hurrikan-Gefahr auf unserem Planeten wird immer größer. Dazu die Warnungen vor einer Klimakatastrophe, die das Eis schmelzen lassen kann und den Meeresspiegel erheblich anheben kann. Schon früher haben Menschen ihre Ängste angesichts von großen Fluten erlebt und in Geschichten verarbeitet. Den Schriftstellern der Bibel ist dabei Großes gelungen. Sie haben aus der Geschichte einer Sintflut, die es in vielen Kulturen gab, ein großartiges Glaubensbekenntnis gemacht, in dem sie ein Bild von Gott zeigen, dass einzigartig ist:

Die Bibel, die war immer schon ein Buch voll Erfahrungen. Sie wurde früher benutzt als Lehrbuch zum Lesen und Schreiben Lernen, zum auswendig lernen – aber hoffentlich nicht nur. Sie ist ein Buch, das mir Geschichten erzählt, wie Menschen mit dem, was sie erlebt haben, umgegangen sind, mit ihrer Geschichte auch ihren Zerstörungen und mit ihren Ängsten – vor allem aber wie sie als Einzelne und als Glaubensgemeinschaft zusammen mit ihrem Gott, unserem Gott, dem Gott der christlichen und jüdischen Glaubensgemeinschaften mit ihren Erfahrungen umgegangen sind. Davon erzählt auch unser heutiger Predigttext als Abschluss der berühmten Sintflutgeschichte:

[TEXT]

Aus dem schief auf der Erde liegenden Kasten Arche, den die Flut dort einfach abgelegt hat, bewegt sich ein lebendiger Zug. Die Tiere suchen sich ein neues zuhause, ihre Notgemeinschaft bei Noah ist beendet. Von der Arche her belebt sich die ertrunkene Natur von Neuem. Nur der Mensch bleibt, er verweilt dankbar. Noch einmal davongekommen ist er, unverdient, wie er ahnt. Er schichtet Steine auf, ein Feuer, er opfert von dem, was er zuviel hat. Der Versuch, die Beziehung zu Gott neu zu ordnen, gelingt. Ein schönes Bild: Die Schöpfung kann neu angefangen werden, so scheint es. Noah ein neuer Adam, dem alle Möglichkeiten offen stehen und Gott, der sie ihm öffnet. Aber die Geschichte kann nicht einfach gelöscht werden. Noah und seine Nachkommen müssen mit ihrer Geschichte leben, mit der Tatsache, dass alles was sie sind, nur geschenkt ist, Geschenk dieses Gottes, der seine eigenen Härte nicht durchhält, wie Eltern manchmal auch ihre eigene Härte nicht durchhalten. Dieser Satz: „denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“, dieser Satz kann uns nicht einfach entschuldigen, kann uns nicht einfach verbittern lassen: So sind die Menschen halt. Er kann in uns Dankbarkeit wecken: Das ist meine Wirklichkeit – und trotzdem spricht Gott über mich und meine Zukunft diesen Satz: „Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Ich darf durchatmen und wieder neu anfangen.

Das Ende der Sintflutgeschichte fasziniert mich, weil hier etwas ausgesagt wird über Gott, das schlichtweg sensationell ist: Gott ist kein Fels in der Brandung: Gott ist eher ein Schüler: Er kann dazu lernen.

Die Geschichte stellt uns Gott als den Wandelbaren vor. Die Flut hat nicht den Menschen verwandelt, sondern Gott, der sich etwas gereuen lassen kann. Er ist nicht der hoheitliche unfehlbare Gott, er ist der liebevolle Vater- und Muttergott, der jeder neuen Vernichtung eine klare Absage erteilt. Der gleiche Satz, der die Ablehnung und das Gericht am Anfang der Sintflut begründet hat: ‚das Trachten der Menschen ist böse’ -, begründet nun die Vergebung.

Die Sintflut hat den Menschen nicht verändert, aber Gott – Er wendet sich den Menschen zu. Er will nicht Vernichtung, sondern Leben. Gott selber erkennt, dass kein Sinn darin liegen kann, Leben auszulöschen, auch wenn es noch so falsches Leben ist. Ein deutliches Signal der Bibel gegen Todesstrafe und Kriege: Hätte George W. Bush das nur vor dem Irakkrieg bedacht. Am Ende der Erzählung von der Sintflut steht die Einsicht Gottes: Es ist nicht gut, die Schöpfung, von der es ja heißt, dass er sie für gut befunden hätte nachhaltig zu stören. Gewalt lässt sich nicht durch Gewalt besiegen. Leider wird nicht gesagt, wie dann. Aber vielleicht wird doch wenigstens ein Hinweis gegeben: Der Dank von Menschen kann Gott bewegen, sein Denken zu verändern. Noah kniet dankbar nieder und Gott lässt sich erweichen.

Die Botschaft kann ich nur hören und hoffen, dass ich diese Erfahrungen nicht ganz vergesse, diese Erfahrungen von Untergang und Neuanfang, die manche auch persönlich machen, in einer schweren Krankheit, oder in der Scheidung einer Ehe, beim Konkurs der Firma oder beim Zerbrechen der Familie oder dem Tod des Ehegatten. Sintfluten gibt es viele und nicht alle sind von Wasser. Sie bringen Menschen an den Rand des Abgrundes – und lassen sie manchmal Menschen begegnen, die sagen: ‚Dass kommt davon!’. Gott sagt: Das will ich nicht! Gott will das Leben in Liebe und Dankbarkeit. Alles was ist, hat er geschaffen um den Menschen herum, dass es ihm gut geht.

Die Kirche soll nach dem Willen Ihres Herrn Jesus Christus solch eine Arche sein. Hier bin ich sein Geschöpf. Hier darf ich leben in der Gemeinschaft der Schwester und Brüder, die einander annehmen in seinem Namen. In aller Verschiedenheit. In allem, was uns trennt und auseinanderbringt, kann uns doch nichts wesentliches auseinanderbringen, weil wir sind sein Leib, Mitfahrende in seiner Arche. Wir müssen nicht gedrückten Hauptes leben. Wir können selbstbewusst in die Welt schauen: Wir sind Geliebte, Versöhnte, wir sind es ihm wert, dass er sich uns mitteilt!

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