Gott ist kein gefühlloser Vernichtungsgott, sondern ein Gott des Lebens!

in der Urgeschichte der Bibel gibt es einen großen Bruch, und das ist nicht der sogenannte Sündenfall, sondern die Katastrophe der Sintflut. Da von Anfang an in der Schöpfung Gott als der Handelnde beschrieben wird, ist er auch hierin tätig. Es reut ihn schlicht, überhaupt jemals Menschen gemacht zu haben, sodass er meint, die Schöpfung rückgängig machen zu müssen.

Er beschließt die Vernichtung der Menschheit durch eine große Flut.

Doch konsequent ist Gott nicht, denn Noah hat bekanntlich schon damals Gnade gefunden vor seinen Augen. Noah baut eine Arche, einen großen Kasten, der auf dem Meer schwimmen kann und entgeht so der Flut. In diesen Kasten hinein werden die Tiere jeweils paarweise mit hineingenommen, so dass wenigstens die Arten vor der Flut gerettet werden.

Die Flutgeschichte versucht also eine Erfahrung zu bewältigen, die wir immer wieder mit der Natur machen. Wir Menschen kommen ohne die Natur nicht aus, ja wir sind selbst Teil der Natur und stehen am Ende der Nahrungskette. Doch andererseits muss die Menschheit genau wie andere Arten von Lebewesen ihren Lebensraum im Kampf gegen die Natur sicherstellen. Dieser Kampf geht bisweilen verloren, vor allem dann, wenn die Kräfte der Natur eruptiv hervorbrechen. In antiker Zeit begrub der Vulkanausbruch des Vesuv die ganze Stadt Pompeji unter sich. Im Mittelalter sind viele Städte Opfer einer Feuersbrunst geworden. Die Geschichte der Erde ist auch eine Geschichte von Erdbeben, von Wirbelstürmen, von Überschwemmungen und Sturmfluten, von unkontrollierbaren Bränden und Austrocknungen durch Ausbleiben des Regens. Je mehr Menschen auf der Erde leben, um so mehr kommen bei solchen Katastrophen auch ums Leben. Die Geschichte von der Sintflut ist also auch insofern eine Urgeschichte, als sie beispielhaft ist für Zerstörung und Errettung durch unkontrollierbare Naturgewalten und Katastrophen.

Als ich den Predigttext nahm und mehrfach las konnte ich zunächst einfach nicht anfangen zu schreiben, weil ich es mir einfach nicht erklären konnte, wieso Gott am Ende der ganzen Flutgeschichte sagt: „Ich will hinfort die Erde nicht mehr verfluchen um der Menschen willen, denn das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf.“ Denn genau dieses Argument steht ja auch am Anfang der Flut, wie ich bereits andeutete: Genau mit den gleichen Worte: Das Dichten und Trachten der Menschen war böse, Gott gereute die Schöpfung und beschließt diese daher von der Erde zu vertilgen. Am Ende der Flut macht dieser Satz doch gar keinen Sinn, weil damit die ganze Sintflut als absurder Fehlschlag erscheint, auf den von dieser Begründung her Gott hätte verzichten können.

Sicherlich wissen wir nun nach der Flut auch etwas vom Regenbogen und von einem erneuten Bund Gottes mit dem Leben der Menschen auf der Erde. Doch dem gegenüber steht auch immer wieder die Erfahrung der Vernichtung. Die Sintflut ist keine einmalige Katastrophe gewesen. Ja im Gegenteil, wir geraten in der Gegenwart erneut wieder in eine solche Sintflut- Zeit. Eine Meldung aus dem Radio des vergangenen Mittwochs: „Der Präsident des Deutschen Rotes Kreuzes Rudolf Seiters teilt mit: 2004 war ein verheerendes Jahr: 179 Katastrophen mit 255000 Toten.“ Davon geht allein die knappe Hälfte der Todesfälle aufs Konto des Tsunami am zweiten Weihnachtstag, der grausem Flutwelle in Südmittelasien.

So wie immer wieder ein Regenbogen am Himmel erscheint und uns an den Bund Gottes mit dem Leben auf der Erde erinnert, genauso erinnern uns die Erfahrungen der Katastrophen an die Gegenwart der Flut.

Trotzdem ist die Arche Noah ein gutes Symbol der Bewahrung des Lebens sowie ein Symbol der Gemeinschaft aller lebendigen Geschöpfe auf diesem blauen Planeten Erde. Vielleicht ist ja auch etwas daran, dass die Bosheit der Menschen zu manch einer Katastrophe beiträgt, oder wenigstens dazu, die Warnungen zu missachten oder eben wie in New Orleans geschehen, überhaupt keine richtigen Rettungspläne vorzuhalten. Die Frage, ob Gott nun hinter jeder Flut steckt, ist ja nach dem Text, den wir heute gehört haben, sowieso zweitrangig. Gott ist ein Gott des Lebens. Trotz der drohenden Vernichtung, bewahrt er die Zukunft des Lebens durch die Arche, durch den Schutzraum.

Gott ist ein Gott des Lebens, diese Aussage lese ich in jedem Vers unseres Textes:

Noah und seine Familie, sowie alle Tiere und Lebewesen verlassen die Arche nach dem Ende der Flut. Jetzt kommt die zeit nach der Katastrophe, die Zeit des Neuaufbaus. Ich erinnere mich an die Worte des Predigers, der sagt: Alles hat seine Zeit: Prediger 3: „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.“

Das Leben ist immer wieder neu, und gibt uns immer wieder neue Zeit. Die Arche ist an land gekommen und hat sich geöffnet. Diese geöffnete Arche ist ein Zeichen, dass trotz und in aller Not und Katastrophe auch das Geschenk des Neuanfangs steckt. Das macht das Sterben der vielen nicht ungeschehen. Wir wissen doch selber in Deutschland, wie lange noch von den vielen Millionen Toten der 2. Weltkriegs und der Naziherrschaft geredet worden ist. Die Folgen der Katastrophen wirken noch lange nach, dennoch geht das Leben schon sofort nach dem Ende der Flut weiter und der wiederaufbau fordert alle Kräfte heraus.

Noah baut ebenfalls als erstes Haus einen Tempel und der geht der Wiederaufbau sicherlich weiter. Der Opferaltar aber soll der Grundstein des Neuaufbaus sein. Die neue Gesellschaft soll auf der Grundlage, auf dem Grundgesetz der Religion beruhen, die man nun als das Gesetz der Arche bezeichnen muss. Das Grundgesetz folgt, es ist das Wort über die Zukunft und den Vorrang des Leben der Erde. Die Zukunft der _Erde ist seit der Sintflut der höchste Wert. Darum opfert Noah nun einige Tiere, was eben zum religiösen Ritus gehört. Das Opfern von Fleisch und der Verzehr des Fleisches gehörten damals eng zusammen, es ist also auch ein Ritus des Festes gewesen. Nur zu Opferfesten wurde überhaupt Fleisch gegessen. So sehe ich das Opfer als Symbol des Festes an, als Dankopfer für die Errettung des Lebens.

Nun wird Gott selbst mit diesem menschlichen Fest in Verbindung gebracht, der das Opfer annimmt und bestätigt. Gott spricht in seinem Herzen. Gott nimmt sich also die Katastrophe zu Herzen. Wir spüren, dass Gott tatsächlich kein gefühlloser Vernichtungsgott mehr sein kann, sondern dass er sich nun für immer mit der Zukunft des Lebens verbindet.

Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen. Dieser Satz ist ja wirklich einmalig deutlich. Die Zukunft der Menschen hängt von der Zukunft der Erde ab. Gott garantiert die Zukunft der Erde. Die Erde soll und wird durch Gott nicht zerstört werden, auch nicht um der Menschen willen. Dass sie böse sind von Jugend auf, das gleiche Argument wie vorher für die Vernichtung, heißt hier: An den Menschen kann man nichts ändern. Die Menschen sind tatsächlich zum Bösen fähig, was nun für uns keine Neuigkeit ist. Gott wird nun vom Träumer zum Realisten, der aber deutlich sagt, dass die Zukunft des Lebens an erster Stelle steht. Alles was kommt, baut nun darauf auf.

Um es zu bekräftigen heißt es noch einmal: Ich will hinfort nicht mehr schlagen, alles was lebt, wie ich getan habe. Dieser Satz ist nun natürlich ein Problem für alles Katastrophen nach der Sintflut. Nach dem Satz müsste man der Natur einfach ein Eigenleben zugestehen und sagen: was geschieht, geschieht. Gott ist nicht der Drahtzieher für alle Unfälle und Katastrophen. Gott ist das Wort, dass den Grund und die Zukunft des Lebens vermittelt. Gott ist der Geist des Lebens in allem auf und ab der Geschichte. Der Schlusssatz des Segens erinnert ja auch völlig an das Bild der Welle, da in sprachlicher Form ein viermaliges auf und ab beschrieben wird: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

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