Die Kurve kriegen

Liebe Gemeinde,

dass der liebe Gott uns bestraft, damit sind viele aufgewachsen. Dass der liebe Gott alles sieht, lässt manche Menschen noch heute erschauern. Warum er manchmal straft, wird für viele zur Qual, die ungerecht leiden müssen. Die Abfolge schlechte Tat – Strafe Gottes ist tief in vielen Menschen verwurzelt, mancher spürt ganz tief in sich auch die Angst, Gott könnte ihn strafen, wenn er falsch handelt.

Umgekehrt erstaunen wir manchmal, wie ungerecht doch Gott ist, da können manche sich alles leisten und es passiert nichts, wer heute jemanden tot fährt, kommt meist vor Gericht mit einem blauen Auge davon. Müsste da nicht Gott mal …?

Da bin ich richtig froh, dass wir heute über diesen Schlusstext der Sintflutgeschichte nachdenken sollen. Da hatte ja Gott genau das gemacht, was wir denken, was er machen müsste: er hatte die Menschheit vernichtet. So schlecht, wie die sind, keine Chance. Wir wissen es, den guten Noah und die Familie hatte er verschont (in Klammer frage ich da schon, gibts da jemanden, der Gottes Zorn entgehen könnte, war Familie Noah wirklich so toll?). Und dann kommt Gott zu einer Einsicht, die alles ändert. Es bringt sowieso nichts, sagt Gott, ich werde mich wohl abfinden müssen, dass ich da zweibeinige Lebewesen in die Welt gesetzt habe, die ich strafen und vernichten kann, die werden dennoch nicht besser. Ist schon ein toller Gott. Er hätte auch sagen können: ich gebs mit den Menschen auf, ich mach was ganz andres. Nein, er macht weiter und legt noch einen nach: an der Erde, also an den Rahmenbedingungen solls nicht liegen. Und die Menschen, diese Menschen sollen leben. Obwohl ihr Herz ist von Jugend an böse ist. Das macht mir bissel Mühe. Das heißt nämlich auch: Wolfgang Oehmichen, dein Herz ist von Jugend an böse.

Und Euers auch. Aber ich vernichte euch nicht, sagt Gott. Auch wenn euer Denken und Planen immer wieder Böses hervorbringt. So lange die Erde besteht, wird sich der Kreislauf des Lebens drehen.

Klingt gut. Aber sind wir damit zufrieden? Gott tut mir also nichts, egal wie ich lebe. Ist doch ein richtig lieber Gott. Aber er tut den anderen auch nichts, egal, wie sie leben. Irgendwo gerate ich da in Widerspruch. So ein bissel Gerechtigkeit, wenigstens bei den ganz schlimmen Dingen, hätte ich schon ganz gerne.

Wahrscheinlich ist Gott damals gar nicht so nachgiebig gewesen. Weil sie böse sind, strafe ich sie nicht, hat sowieso keinen Sinn. Denn Gott hat im Menschen nicht bloß das Böse gelassen, er hat auch ein paar gute Punkte eingebaut. Punkte, die uns Menschen retten können. Solche Punkte heißen Verantwortung, Liebe, Glaube. Und das soll reichen.

Und damit entscheiden wir selber, ob wir überleben oder nicht. In unserem Wesen steckt die Anlage für Strafe, besser gesagt, für Folgen, wie auch die Anlage dafür, dass es uns gut geht. Vielleicht sagt Gott manchmal, tja, ihr Menschen, was jammert ihr, so, wie ihr lebt, so werdet ihr es erleben. Salopp gesagt, ihr seht doch, was ihr davon habt.

Das gefällt mir schon an Gott. Er ist nicht der drohende und strafende Gott, mit dem man schon Kinder versucht, in Schuß zu halten. Er ist der Gott der Freiheit, der schon auch sieht, wohin unser Weg geht. Und er ist ein Gott, der uns schon ganz schön viel zumutet. Es ist dir ja gesagt, Mensch, was gut ist, so heißt es an anderer Stelle. Und da ist er wieder ein ganz lieber Gott. Er läßt uns mit unserem bösen Trachten nicht allein. Er stellt überall ein paar Wegweiser auf. Aber es ist unsere Sache, ob wir die Umwelt zerstören, ob wir seelisch misshandelte Kinder und damit Gewalttäter heranziehen, ob wir aus lauter Geldgier Armut produzieren und mit unserer Freßlust Tieren das Leben zur Hölle machen, ob wir andere kaputt fahren, weil wir rasen oder betrunken fahren müssen, über all das wird Gott weinen. Aber er wird mit den Engeln zusammen Halleluja singen, wo wir die Kurve kriegen und Schaden verhindern.

Und dass er das uns auch zutraut und nicht alles kurz und klein hackt wie bei der Sintflut, darüber kann man nur staunen. Und aus diesem Staunen heraus könnten wir doch anfangen, es einander leichter zu machen. Auch die Welt mit zu erhalten und der Welt zu sagen, dass da ein guter Gott ist, der uns keine Angst macht und der einfach will, dass wir uns und der Welt nichts Böses zufügen. Dafür hat er damals einen neuen Anfang gemacht und im Laufe der Geschichte immer wieder einmal den Menschen eine neue Chance gegeben. Denn oft genug kam eine Katastrophe und oft genug kommen immer noch Katastrophen. Weil wir Menschen geblieben sind, wie es Gott gesagt hat. Aber bis auf den heutigen Tag haben wir die Möglichkeit, im Großen wie im Kleinen die Kurve zu kriegen. Fast wie bei einem Stehaufmännchen bringt Gott die Welt immer wieder zum Laufen und das macht mir auch Mut, aufzupassen, dass ich nicht dagegen drücke und Schaden anrichte. Wenn wir das gemeinsam tun, werden auch wir wenigen viel erreichen.

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