Vom Ernten zum Danken …

Liebe Gemeinde!

<i>Erntedank</i>

Erntedankfest wollen wir heute miteinander feiern! Dankbar sein für das, was wir erarbeitet haben in diesem Jahr und dankbar sein für das, was wir geschenkt bekommen haben. Dankbar sein für das, was die Kinder am Anfang dieses Gottesdienstes auf unseren Altar gelegt haben, dankbar für das, was wir alle Tage dieses Jahres auf unsere Tischen daheim stellen konnten und was uns satt und froh gemacht hat.

Um so nötiger ist ein solches Fest unserer Dankbarkeit, als wir wissen, wie wenig noch zu spüren, zu erfahren ist von der Herkunft unserer Nahrungsmittel: Kaum noch ahnen wir, wenn wir ein Brot aufschneiden, dass die Körner einmal mit den Halmen eines Weizen- oder Roggenfeldes wuchsen, die in der untergehenden Sonne glänzten und sich im Wind bogen; kaum noch ahnen wir, dass unser Kotelett von einem lebenden Tier stammt, dass auf irgendeinem Bauernhof umherlief, gefüttert wurde, bis es dann zum Schlachthof ging; uns völlig unsichtbar geworden ist die Herkunft der Zutaten einer Tütensuppe oder einer tiefgefrorenen Fertig-Sahnetorte …

Ja, wir sind reich beschenkt, und wenige von uns haben allein mit ihrer Hände Arbeit sich ernähren können; Vieles sehen wir als Geschenk Gottes und sind dankbar dafür, und so mancher betet täglich und mit Recht: “Alles, was wir haben, alle gute Gabe, kommt o Gott von dir, wir danken dir dafür.”

<i>Haben und teilen</i>

Aber wie äußert sich unser Dank? Es kann nicht nur um ein Gefühl gehen – wie handeln wir, was tun wir? Wir beten und singen unsere Lieder, und in die Freude an der Musik und an unseren Stimmen mischt sich die Dankbarkeit für den Segen Gottes. Aber das ist nicht genug.

Unser Predigttext bringt unerwartete Klänge in das Konzert dieses Sonntags, aber schon das Evangelium und die Epistellesung waren auf denselben Ton gestimmt: Hänge Dich nicht an das was Du hast, sei bereit, zu teilen und zu geben, denn nicht dafür hat Gott es Dir gegeben, dass Du´s allein verzehrst, verbrauchst, verschleuderst – sondern dass Du es nutzt zum Wohl aller. Nimm wahr die Armen und Bedürftigen in deiner Nähe, vergiss nicht die, die in Not sind, brich dem Hungrigen dein Brot finden und sättige den Elenden.

Es ist immer ein schwieriges Kapitel, wenn es in einer Predigt um Geld geht. Ganz schnell sind uns jene Sektenprediger im Gedächtnis, die mit verführerischen Reden und verheißungsvollen Versprechen die Leichtgläubigen prellen und um ihr schwer Erarbeitetes bringen wollen und sich und ihre Organisation nur selbst bereichern.

Aber hier redet der Prophet Gottes vom Geld, und Christus redet von irdischem Reichtum und seiner trügerischen Sicherheit, und darum müssen wir heute darüber nachdenken.

<i>Eigentum verpflichtet</i>

Was ist denn Geld anderes als die Möglichkeit, etwas damit zu tun? Geld ist eine Art Zahl gewordener Energie, ein papiernes Symbol für gesammelte Arbeitskraft. Man kann etwas damit kaufen, man kann es verschenken, man kann es einsetzen, dass es wirkt – zum Guten oder zum Bösen. Geld ist Macht. Und wer Macht hat, den kann und sollte damit Gutes machen.

Wenn man die Bibel ungenau liest, könnte man denken, Geld sei etwas Schlechtes, etwas, wovon Christen besser nicht zu Viel haben sollten – aber das steht so nicht in der Bibel. Im Gegenteil: Manchmal wird der Reichtum eines Menschen als eine Art sichtbarer Segen Gottes gedeutet: Abraham war wohlhabend und mächtig in dem Land, wo Milch und Honig fließt, Hiob bekommt nach seiner Leidenszeit Ziegen, Schafe und Rinder, so dass er reicher war als alle anderen im Land.

Zum Problem wird Reichtum erst da, wo er in einem Leben die Stelle Gottes einnimmt, wo Menschen sich in falscher Sicherheit darauf verlassen, wo sie sich abhängig machen von den Schätzen in ihrer Truhe oder dem Korn in ihrer Scheune, und wo sie eifersüchtig wie ein Drachen auf ihrem Gold sitzen und den Armen draußen vor der Tür vergessen oder nicht mehr sehen wollen, der doch ein Mensch ist, Gottes Geschöpf, Fleisch und Blut wie sie selbst auch.

“Eigentum verpflichtet” heißt es im Grundgesetz: Eigentum soll zugleich auch dem Allgemeinwohl dienen. Ich glaube, dass dies nicht nur für Milliardäre und Multinationale Konzerne gilt, sondern schon für unseren eigenen Umgang mit unserem Geldbeutel wichtig ist.

Denn wie wir einkaufen, wie wir sparen, wie wir zahlen, wie wir also mit unserem Geld umgehen, das entscheidet mit über die Strukturen unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft. Sie glauben das nicht? Noch vor wenigen Jahren gab es Initiativen, die bei einer Art Abstimmung mit dem Geldbeutel internationale Konzerne gezwungen haben, ihr Handeln zu überdenken. Nestlé hat die Produktion von Schokolade mit genmanipuliertem Soja eingestellt, weil niemand mehr sie gekauft hat, und der Erdölmulti Shell hat große Umweltschutzprojekte finanziert, weil nach einem Skandal mit einer verschrotteten Ölplattform viele tausend Autofahrer diese Marke boykottiert haben. (Berichte von Greenpeace)

Wir können mit unserer Entscheidung etwas bewirken: Wenn wir immer und überall nur das Billigste kaufen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es irgendwann nur noch Billiges gibt. Und wenn wir nicht bereit sind, für Qualität zu bezahlen, dann wird es keine Qualitätsware mehr in den Läden geben. Wer soll unsere Löhne und Gehälter bezahlen, wenn wir nur Waren kaufen, die in Billiglohnländern hergestellt sind?

<i>Haben und Sein</i>

Hinter dem Slogan “Geiz ist geil” steckt meiner Ansicht nach ein Spiel mit der Angst. Weil viele sich vor Armut fürchten und darum nicht bereit sind, viel Geld für vernünftige Qualität auszugeben, verkauft man Billigware und macht den Leuten dabei ein gutes Gewissen in der Werbung. Wir sollten uns von dieser Angst und von dieser Verführung nicht anstecken lassen, sondern uns dagegen wehren, wo wir können.

Etwas Gutes tun mit dem Geld, mit dem Reichtum, den wir uns erarbeitet, aber auch und letztlich geschenkt bekommen haben, das wäre die rechte Dankbarkeit. Wo nicht mehr jeder nur noch für sich selber denkt und jeder nicht nur für sich selber sorgt, da werden Veränderungen beginnen.

Jesaja schreibt einen Aufruf zum Fasten, zur Mäßigung gegenüber dem, was man angeblich braucht und haben muss. Wo sich der Mensch Gottes etwas entgehen lässt, um des Nächsten willen auf etwas verzichtet, da ändern sich gesellschaftliche, soziale Verhältnisse. Gut ist es, auf die Ehrennamen zu hören, die dem gegeben werden, der so Gottes Willen folgt: Es sind Namen, die davon reden, dass er anderen zum Segen geworden ist: Du sollst heißen: “Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne …”

<i>Diese Welt ist nur geliehen</i>

Dass unsere Stadt, unser Land, unsere Welt ein Ort bleibt, an dem man wohnen kann, das bleibt nicht nur unser Gebet. Das bleibt auch unsere Aufgabe. Und wo wir dankbar sind, dass wir in unserer Stadt und in unserem Land gesegnet sind, weil wir ernten konnten und jeden Tag genug zu essen auf dem Tisch haben, da ist das unser bestes Lob, dass wir es teilen mit denen, die weniger haben oder zu wenig.

<i>Was ist eigentlich Segen?</i>

Gesegnet sein heißt also nicht: Viel haben. Gesegnet sein heißt nicht, sich keine Sorgen machen zu müssen, weil man die Scheune voll hat und einen sechsstelligem Betrag auf dem Konto. Gesegnet ist der, der sich voll Vertrauen in die Hand Gottes geben kann und darum ohne Angst teilen, helfen und geben kann. Gesegnet ist der, der etwas von der Gegenwart, von der Nähe Gottes weiß und sich von ihr zum Leben gestärkt und ermutigt sieht. Gesegnet ist der, der sich als Teil der Gemeinde Gottes, als Teil der Gemeinschaft aller Menschen sehen kann und der durch sein Tun anderen zum Segen, zur Ermutigung, zur Lebenskraft wird. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

<i>Mach Dir Freunde mit dem Mammon</i>

In der Rubensstraße gibt es seit einigen Wochen auch in unserem Kirchenkreis die Initiative Laib und Seele. Laib, mit AI geschrieben, denn es geht um Brot für die Armen. Die “Berliner Tafel” sammelt in Restaurants und Hotels das Essen ein, was bei Kongressen und Festen übrig geblieben ist, damit es nicht verkommt. Laib und Seele bringt das unter die Leute. Für einen Euro können sich Familien, die am Existenzminimum leben, dort das Essen für zwei, drei Tage kaufen. Und kostenlos können sie Beratung, Trost und Hilfe bekommen, denn der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein.

Aber Laib und Seele braucht Hilfe. Hilfe von Ehrenamtlichen, die dort helfen, die Lebensmittel zu teilen, zu verpacken, mit freundlichen Worten weiter zu geben. Hilfe von Spendern, die Lebensmittel und Geld zur Verfügung stellen. Hilfe von Fachleuten, die ihre Kompetenz einsetzen als Berater, Juristen, Psychologen … Das wäre ein Dank, wenn sich Gemeindeglieder, die Zeit dafür haben, dort engagieren, und es wäre ein Segen auch für unsere Gemeinde, wenn sie dann von Erfahrungen, von Not und Sorge, aber auch von erfahrenem Segen hier berichten.

<i>Vom Ernten zum Danken …</i>

So kämen wir letztlich vom Ernten zum Danken. Und wir würden erkennen, woher der Segen eigentlich kommt.

“Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er´s uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot”, schreibt Martin Luther im kleinen Katechismus zur Bitte des Vaterunsers, und er sagt weiter: “er gibt uns alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.”

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