Nur in einem bewässerten Garten können Früchte gedeihen

Liebe Gemeinde,

so ganz direkt scheint der Predigt-Text ja mit Erntedank nichts zu tun zu haben. Das, was hier angeregt wird, das können wir doch das ganze Jahr über tun oder auch lassen. Der Sinn des Erntedankfestes ist es, dankbar die Fülle wahrzunehmen! Aber das schärft ja auch den Blick dafür, was wir haben und was andere nicht haben. Deshalb ist immer ein Teil der Erntedank-Kollekte für "Brot für die Welt" bestimmt, und deshalb werden auch hier in Alterode die Erntegaben für ein Projekt in einem armen Land versteigert. Und deshalb haben wir eben auch das Anspiel der Kinder gesehen. Dieser Text aus dem Alten Testament aber wendet sich nicht dem Thema "Mangel anderswo" zu, sondern zeigt uns auch, was wir direkt hier vor Ort tun können.

[TEXT]

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, wird deine Heilung schnell voranschreiten – wenn ich daraus den Umkehrschluss ziehe, müssen wir alle auf unsere Heilung noch eine ganze Weile warten. Aber was hat denn Mobbing am Arbeitsplatz, Klatsch und Tratsch, üble Nachrede mit der Aufforderung zu tun: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!

Zuerst ist mir das in diesem wunderschönen Text ein bisschen zusammenhanglos vorgekommen. Die Worte klingen ja herrlich im Ohr: "Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte" – und wer möchte das nicht erleben dürfen? "Bei uns hat doch kein Mensch mehr Hunger – und für "Brot für die Welt" spende ich genug", mögen Sie sich sagen. "Mir geht es ja selbst nicht gerade rosig, und was ich tun kann, tue ich bereits." Keiner von uns hier wird sich mit diesem reichen Kornbauern vergleichen wollen, von dem wir im Evangelium gehört haben, davon sind wir, allein schon mangels Möglichkeiten, weit weg. Oder?

Wie ist das, wenn nun wirklich abends ein Fremder klingelt und fragt, ob ich ein Bett für die Nacht habe? Im Pfarrhaus ist mir das vor einiger Zeit passiert, ich habe dem Mann eine Liege angeboten im Gemeinderaum, wir haben auch morgens zusammen gefrühstückt. Und einige Wochen später bekam ich eine nette Ansichtskarte, die mich gefreut hat. Aber ob ich dasselbe auch gemacht hätte, wenn ich NICHT ausgerechnet in einem Pfarrhaus gewohnt hätte? Da bin ich mir gar nicht so sicher.

Ich habe Verständnis für Leute, die mir erzählt haben, dass sie erst mal sehr vorsichtig waren, als ein Mann im Schlafsack auf dem alten Friedhof neben ihrer Kirche lag, und dass sie ihm erst nach einigem Zögern ihre Frühstücksbrote gegeben haben. Manchmal gehört ein Stück Mut dazu, die Angst zu überwinden vor einem Menschen, der so ganz anders lebt als man selbst. Der soll mein Fleisch und Blut sein, dieser lausige Penner? Mein Standpunkt hat sich ein wenig verschoben, seit ich selbst ein paar Mal etwas abgerissen unterwegs war, auf der Pilgertour nach Santiago di Compostela zum Beispiel nach 14 Tagen Radtour und Übernachten im Schlafsack. Da haben auf dem Rückflug auch ein paar Leute einen Bogen um mich herumgemacht auf dem Flugplatz in Madrid, wo ich mich auf Bänken zum Schlafen langgelegt hatte. Oder beim Umsteigen in Moskau auf dem Rückflug aus Armenien: ich war so müde, dass ich auf den Fließen geschlafen habe, den Rucksack unter dem Kopf. Beide Male rochen wir, meine Reisebegleiter und ich, auch nicht gerade lecker. Und wenn man in solcher Situation auch noch Behördenkontakt aufnehmen muss, weil ein Fahrrad abhanden gekommen ist oder wenn man kein Geld mehr hat, weil Reiseschecks nicht getauscht werden – dann kann man es erleben, wie es ist, wenn Leute mit den Fingern auf einen zeigen, und man kommt sich total nackt vor. Ich habe auf solchen Reisen aber auch das andere erfahren: Menschen, die ihr Haus geöffnet haben, Menschen, die mich unvoreingenommen mit dem Auto mitgenommen haben und die mir in diesem Momenten wie Lichtgestalten vorkamen, selbst wenn sie mir Kaffee mit Ziegenmilch aus einer nicht ganz sauberen Tasse angeboten haben.

"Den Hungrigen dein Herz finden lassen", davon spricht der Prophet im Alten Testament. Das Herz galt damals als Sitz der Gefühle. Heute würden wir von Seele sprechen oder auch von bestimmten Gehirnzentren. Und "Brot brechen", das bedeutet ja nicht nur, jemanden körperlich satt machen. Manchmal hat jemand Hunger nach ganz anderen Dingen. Hunger nach Gerechtigkeit, der ist schon in der Bergpredigt belegt. Hunger nach Worten, nach Wärme, nach einem Lächeln, nach Aufmerksamkeit zum Beispiel. Und ich muss wissen, was mein Brot, mein ganz spezielles Brot ist, das ich mit dem Hungrigen brechen kann und wovon er satt wird. Er hätte ja nichts davon, wenn ich für ihn einen Brotladen ausraube, ins Gefängnis komme und nicht mehr für ihn da bin. Oder wenn ich ihm mein Haus öffne, in dem er sich nicht wohl fühlt, weil es eine unaufgeräumte Bruchbude ist. Konkret: ich kann niemandem etwas geben, was ich selbst nur unzureichend oder gar nicht habe. Das gilt auch für Herzenswärme. Wenn ich selbst nicht stabil bin, kann ich schlecht andere beraten. Wenn ich pleite bin, kann ich kein Geld verschenken. Wenn ich mit den Nerven fertig bin, kann ich nicht noch die Verantwortung für psychisch Labile übernehmen.

Oft denken gerade wir Kirchenleute nicht so weit. Wir glauben, uns sei es aufgetragen, alles auf einmal zu bewältigen und wir müssten Gott die Arbeit abnehmen. Dann sind wir bald nicht mehr ein Licht, das im Findern aufgeht, sondern ein Schatten unserer selbst, ausgebrannt. Es geht aber direkt um uns selbst, um unsere Gottesnähe. Du selbst hast den Vorteil: du wirst nicht verdorren wie eine Pflanze ohne Wasser, im Gegenteil: du wirst sein wie ein bewässerter Garten!

Dann, wenn du mit deinen Gaben richtig umgehst. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne«. Das ist gerade hierzulande ein Riesen-Anspruch, ein Anspruch, bei dem man sich zum Beispiel als Pastor selbst verlieren könnte. Wenn ich diese Worte isoliert betrachte, könnte ich mich kaputtmachen für Baumaßnahmen an Kirchen, ich müsste Tag und Nacht im Einsatz sein, um Lücken zu füllen, nämlich die Lücken an Wissen über unseren Glauben, die in mehr als 40 Jahren aufgebrochen sind und die eine ganze Generation von der Kirche trennen. Und Kommunalpolitikern könnte es ebenso gehen, sie müssten ununterbrochen bemüht sein, Lücken zu füllen: in Straßen, in den Kassen und in der Infrastruktur, damit die Menschen hier wieder wohnen wollen und der Exodus der jungen Generation aufhören kann.

Aber es steht nirgends, dass ich mich aufreiben soll, es ist nur vom Teilen die Rede, nicht von Selbstaufgabe. Nur in einem bewässerten Garten können Früchte gedeihen, nur ein stabiler Mensch kann andere mittragen. Dazu, dass wir ein bewässerter Garten bleiben können, gibt uns Gott immer wieder die Kraft durch seinen Geist. Dafür sllten wir ihm heute ganz besonders danken. Für alle Gaben, auch die geistigen und geistlichen, die wir von ihm empfangen haben. Und für die Gemeinschaft, die uns stark macht, aus der wir Kraft schöpfen. "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen", hat Jesus gesagt. Und daran wollen wir denken, wenn wir anschließend gemeinsam das Abendmahl feiern.

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