Gottes Versprechen

Liebe Gemeinde,

unabhängig von der Geschichte, die uns im ersten Buch Mose von Noah und der Sintflut erzählt wird, finden wir hier etwas, was ein bleibendes Licht werfen kann auf unser Verhältnis zu Gott. Denn zwei Dinge sind bis auf die heutige Zeit so geblieben und bestimmen unser tägliches Leben und unser Sein überhaupt. Es ist zum einen unser menschliches Verhalten. Die Heilige Schrift kennt recht deutliche Worte für das Wesen des Menschen: "Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." Der Begriff Herz steht im Hebräischen allerdings für mehr als wir heute darunter verstehen mögen. Herz ist das Wesen des Menschen, es ist seine Eigenart, es ist das, was den Menschen ausmacht. Gleich zu Beginn der Schrift wird also davon berichtet, dass ein Wesenszug des Menschen darin besteht, dass er böse ist und böse Dinge tut. Mit anderen Worten: der Mensch kann gar nicht anders, er kommt nicht aus seiner Haut. (Auch das, liebe Gemeinde ist übrigens ein biblisches Bild: man kann seine Haut nicht abstreifen oder seine Hautfarbe ändern – die Schuld ist nicht abwaschbar wie eine Farbe auf einem Gegenstand.)

Nun könnte man sagen, und das haben viele getan, die dem Christentum eine falsche Einstellung vorgeworfen haben und behauptet haben, ohne Christentum würden wir endlich aufhören zu jammern und stark werden, weil wir anfangen könnten, an uns selber zu glauben. Man könnte also sagen: "Na ja, wenn ich doch eh böse bin und daran nichts ändern kann, wieso soll ich mich dann noch überhaupt an irgendetwas halten, warum soll ich überhaupt noch eine Ordnung befolgen?" Liebe Gemeinde, dieser Schluss kann tatsächlich gezogen werden und es gibt einige, die behaupten, erst in der Verkehrung des Christentums läge die wahre Freiheit. Wenn ich erst weiß, dass allein der Stärkere sich durchsetzen wird, dann kann ich – wenn ich denn stärker bin – auch gewissenlos alles Schwächere an die Wand drücken. In seiner Zuspitzung findet eine Richtung des Satanismus darin ihren Ausdruck: "Ich bin frei, weil ich alles ausleben darf, was ich in mir vorfinde!"

Jesus, der Jude, der uns zum Christus geworden ist, geht einen anderen Weg. Er weist darauf hin, dass wir alle schuldig werden, ja, dass wir echte Schuld auf uns laden in unserem Leben – übrigens in der Tat von Jugend an. Als er die Ehebrecherin zum Steinigen frei gibt, indem er diejenigen ohne Schuld auffordert, doch den ersten Stein zu werfen, rettet er damit die sündige Frau. Denn er weiß: keiner kann ohne Schuld sein. Aber Jesus bleibt darin nicht stehen. Das Christentum soll keine verhärmte Angelegenheit bleiben und wir uns nicht in ständiger Bußleistung befinden müssen. Jesus sagt: das Bekenntnis zur eigenen Schuld macht den Menschen erst frei, weil er die Schuld bejahen und damit dann auch ablegen kann. Er gibt sie – wenn Sie so wollen – in größere Hände, legt sie auf breitere Schultern. Wo Schuld bekannt und bejaht wird, dort ist der einzige Weg zur Vergebung. Deswegen, liebe Gemeinde, redet die Kirche oft von der Schuld und sie tauft die Kinder in jungen Jahren als ein Zeichen, dass gegen diese Schuld angegangen wird.

Was die Schuld im Konkreten ist, das wird jeder für sich finden müssen, wenn er sein Gewissen erforscht. Grundsätzlich ist die Schuld in Beziehungen die erste Schuld: Schuld gegen Gott und damit gegen den Mitmenschen. Lug und Betrug, falsches Zeugnis und Verleumdung, Mord und Diebstahl, Neid und Missgunst sind Beispiele, die wegen ihrer drastischen Art diese Beziehungsschuld gut erklären können. Forschen aber und befragen wird sich jeder selbst müssen, denn nur in seinem Innersten spürt er die Wunden, die ihm seine eigene Schuld geschlagen hat. Im Gottesdienst haben wir gleich zu Anfang unser Schuldbekenntnis, damit wir nicht vergessen, auf wessen Vergebung wir trauen dürfen: "und vor Gott bekennen, dass wir gesündigt haben, mit Gedanken, Worten und Werken. Auch aus eigener Kraft uns von unserem sündigen Wesen nicht erlösen können …".

Aber liebe Gemeinde, dabei bleibt unser Predigtwort für heute nicht stehen – Gott-sei-Dank nicht. Denn Christentum soll gelebter Glaube sein und gelebter Glaube ist ein fröhlicher Glaube. Ein Glaube, der sich freuen darf an den Gaben der Schöpfung, an der Natur, an den Mitmenschen. Ein Glaube, der froh sein darf, weil er eine Hoffnung hat, die ihm niemand – kein Mensch auf Erden – jemals nehmen kann. Und diese Hoffnung liegt in der Zusage Gottes, so wie wir sie heute gelesen und gehört haben: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen." Gott will die Erde segnen, um unserer willen. "Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt."

Gott gibt uns ein Versprechen, er schließt einen Bund mit den Menschen. Und das, obwohl er weiß, dass die Menschen auf Erden diesem Bund niemals werden ganz entsprechen können. Aber es ist wie mit der Vergebung. Gott kommt zuerst auf uns zu und reicht uns die Hand und ist bereit, uns zu führen. Dann werden wir sehen, wo auch wir unsere Hände weiter reichen können, nicht weil uns jemand zwingt oder uns dazu verordnet, sondern weil wir fröhlich etwas von dem weitergeben können, was uns selbst geschenkt worden ist.

Letzte Woche haben wir Erntedank gefeiert und Danke gesagt für all die guten Gaben, die uns Gott immer wieder zukommen lässt an Dingen, die wir sehen und schmecken können. Und viel lag ja auf den Stufen des Altars: vom Honig über Eier bis Getreide und Obst. Aber für das, was wir täglich unser Leben lang geschenkt bekommen, könnten wir eigentlich auch unser Leben lang dankbar sein. Gottes Versprechen bindet ihn selber: ohne erwartete Gegenleistung, ohne Bedingung sagt er uns seinen Segen zu. Durch ihn allein werden wir erhalten und getragen. Dank sei dir dafür, oh Gott. Wer diese zwei einfachen Dinge erfassen kann: unsere Schuld und Gottes Versprechen, der hat bereits das Wesentliche des christlichen Glaubens erfasst und kann von dort aus jederzeit einsteigen in das große Erfahren, dass ein erfüllter Glaube für jeden Menschen bereit hält.

Wenn wir im Blick auf unsere Präparanden, die heute der Gemeinde vorgestellt werden dies bedenken, so hoffen wir, dass wir ihnen davon einen Geschmack vermitteln können. Von dieser großen Güte Gottes sprechen zu lernen und sich gleichzeitig aber nicht gehen zu lassen, weil ja eh "der liebe Gott alles richtet". Dass Gottes Versprechen allen Menschen gilt, steht außer Frage. Dennoch wartet aber Gott auf eine Antwort der Menschen, die etwas zurück spiegelt von dem, was der Mensch geschenkt bekommen hat. Wer in der Taufe die eine Zusage erfahren hat, wird eingeladen, in der Konfirmation diese Zusage aus freien Stücken zu bestätigen. Die christliche Gemeinde vor Ort übernimmt die Aufgabe zusammen mit den Eltern und den Paten, diese jungen Menschen, die wir heute alle im Gottesdienst begrüßt haben, zu unterrichten und ihnen zu erzählen von den Wundertaten Gottes an den Menschen. Ganz so, wie die Geschichte von Noah weitergeben wurde, nicht weil es so interessant wäre, wie viel Wasser wohl damals geflossen ist oder welche Tiere gerettet wurden, sondern weil es eine Geschichte ist zwischen Gott und den Menschen und weil diese Geschichte ein Ende hat, das uns allen Menschen als Verheißung und als Segen dient.

Geschichten von Gott zu erzählen, sie untereinander zu bezeugen, das ist eine wesentliche Aufgabe der christlichen Gemeinde. Als Licht dient darin die Gemeinde, damit in der Welt, die vom Bösen weiterhin durchdrungen wird, nicht die Hoffnungslosigkeit und die Eigensucht das letzte Wort behält, sondern der Mensch hingewiesen wird auf das, was wahres Leben erst ermöglicht, nämlich die reichlich schenkenden Hände Gottes.

Heute, liebe Gemeinde, haben Sie unsere neuen Präparanden gesehen, die zur Konfirmation 2007 geführt werden sollen. Ich bitte Sie, seien Sie da für diese jungen Menschen, erzählen Sie von Ihrem Glauben, berichten Sie von den Wundern Gottes, die Sie in Ihrem Leben bekennen können, damit der Faden der Geschichte nicht abreißt und diese jungen Männer und Frauen einst selbst bekennen können: "Ich glaube an den lebendigen Gott, der mein Leben schuf und es erhält." So können sie in der Gemeinde lebendigen Glauben sehen, erfahren und merken, wie diejenigen, die Gottes Wort erreicht hat ihr Leben gestalten, zwischen den beiden Polen der Erkenntnis der eigenen Schuld und der befreienden Hoffnung durch Gottes vergebende und zuvorkommende Liebe.

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