Dankbar anders leben

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

moralische Appelle haben es meist schwer, sich Gehör zu verschaffen. Sie stehen im Generalverdacht, an das schlechte Gewissen zu appellieren, um etwas erreichen. Nicht freiwillig, nicht aus Einsicht oder aus Freude, sondern wegen ausgeübten Drucks, geschieht etwas.

Jedes „du sollst“ klingt in den Ohren zunächst wie ein Peitschenhieb.

Wie hören sie heute zum Erntedankfest die Worte Jesajas: „brich mit dem Hungrigen dein Brot und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus. Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch.

Die Kirche ist festlich geschmückt, wir haben uns frohgelaunt nach einem sonntäglichen Frühstück zum Gottesdienst aufgemacht , weil wir mit allen Sinnen Erntedank erleben und feiern wollen.

Brot, ein sicheres Dach über dem Kopf, ein gut gefüllter Kleiderschrank gehören ganz selbstverständlich zu unserem Leben. Aber muss ich mich jetzt dafür schämen?

Muss mir der Bissen im Hals stecken bleiben, weil ich natürlich darum weiß, dass „Brot für die Welt“ mehr denn je notwendig ist und die Armut sich längst in unserer Nachbarschaft angesiedelt hat ?

Es könnte fast so scheinen – und Resignation die Oberhand gewinnen, denn sofort wird mir bewusst, dass ich die bestehenden Verhältnisse nicht ändern kann und alles, was ich tue, doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Globale Zusammenhänge und Probleme brauchen doch globale Lösungen. Jesaja 58 als Antiarmutprogramm scheint jedenfalls nur bedingt erfolgreich gewesen zu sein.

Aber schauen wir noch einmal genauer hin und schauen wir uns um in unserem Land. Die Stimmung ist schlecht, viele Klagen werden laut. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, das immer größer werdende Risiko, dass auch ich davon betroffen sein könnte, die Angst im Alter nicht ausreichend materiell versorgt zu sein und sich Gesundheit nicht leisten zu können sind mit die Ursache dafür. Viele streiten um die richtigen Konzepte für den Weg aus der Krise, aber keiner traut wirklich einem der angebotenen Wege. So ging es den Menschen gestern und so wird es den Menschen morgen gehen. Niedergedrückt, pessimistisch, immer nur ein halbleeres, statt halbvolles Glas im Blick.

Aber heute feiern wir Erntedank. Heute wagen wir für einen Augenblick einen Perspektivwechsel. Wir beklagen nicht , was uns an Chancen und Möglichkeiten am Leben teilzuhaben zu Recht oder Unrecht vorenthalten wird, sondern danken für die Gaben zum Leben, mit denen wir beschenkt sind. Wir haben Brot auf dem Tisch, ein Dach über dem Kopf, einen gut gefüllten Kleiderschrank, Menschen um uns herum, mit denen wir feiern können.

Heute geht uns diese Selbstverständlichkeit als etwas Besonderes auf, wir dürfen uns darüber freuen und Gott danken. Es ist seine Güte und seine Barmherzigkeit, dass er es uns gut gehen lässt.

Aber damit ist noch nicht alles gut, weil es noch nicht allen gut geht.

Womöglich geht es auch uns trotz allem nicht gut, weil wir uns an unserem Reichtum, der sich nicht allein materiell beziffern lässt, nicht mehr dankbar freuen können.

Erinnern wir uns an den Jungen und die alten Frau, von denen ich den Kindern erzählt habe. Beide erleben einen der schönsten Tage ihres Lebens. Beide haben Brot auf dem Tisch oder im Rucksack, auch wenn es wie Schokoriegel und Limonade schmeckt, beide haben ein zu Hause, Menschen, die Anteil an ihrem Leben nehmen. Als sie einander entdecken, auf der Bank beim Betrachten der Tauben, verschenken sie sich aneinander ohne Worte. Der Junge mit Schokoriegel und Limonade und die alte Frau mit ihrem schönsten Lächeln. Und beiden begegnet Gott in diesem Augenblick. Sie nehmen einander wahr und teilen miteinander, was sie haben – ohne Ermahnung, ohne Appell, ohne Moral, einfach nur weil sie sich nahe kommen. Sie versuchen nicht festzuhalten, was sie besitzen. Sie kreisen nicht nur um die eigene Person, die eigenen Wünsche und Ziele. Sie leben wie selbstverständlich, was der Prophet Jesaja anmahnt und werden reich beschenkt und belohnt.

Vielleicht liegt hier auch genau der Schlüssel zu mehr Zufriedenheit unter den Menschen gegen das resignative Gefühl immer zu kurz zu kommen.

Mir scheint Jesaja 58 weniger ein Antiarmutsprogramm als viel mehr ein Stimmungsumschwungprogramm zu sein.

Menschen, die einander wahrnehmen und die Gaben ihres Lebens teilen, mit einem Lächeln ihre Geschenke/ ihren Reichtum nicht festkrallen, werden verwandelt – wie Licht in der Finsternis, wie ein bewässerter Garten oder wie eine Wasserquelle.

Was sind das für kräftige Bilder, die Jesaja benutzt.

Ohne die Probleme, die viele unter uns tragen, die in unserem Land zu recht beklagt werden, zu leugnen, stelle ich mir vor, was geschehen würde, wenn Menschen wiederentdecken würde, was ihnen zum Leben alles geschenkt wird: nicht nur an Früchten des Feldes oder der Werkhallen, sondern auch mit der Familie, mit Freunden, mit der Landschaft, in der sie zu Hause sind, mit der Ruhe und der Sicherheit, in der meine Generation aufgewachsen ist und leben darf.

Mit diesem wiederentdeckten Gefühl, dass etwas ganz besonderes ist, wofür Gott Dank gebührt, hätte die zerfressende Angst, ich könnte Mangel leiden, keine Chance.

Aber die Menschen rechts und links von mir würde ich mit anderen Augen sehen.

Dankbarkeit ist das beste Mittel gegen Kälte und Neid und Besitzstandswahrung.

Dankbarkeit Gott gegenüber ist wohl das Programm, dass uns am ehesten weiterhelfen würde auf dem Weg zu wirklich blühenden Landschaften mit Menschen, die zum Licht in der Dunkelheit und zu frischen Wasserquellen für diese Landschaften werden. Morgen muss es nicht wieder wie gestern werden.

Jesaja will uns nicht mit Moral die gute Laune verderben , sondern eine große Chance eröffnen und ein großes Versprechen machen:

„Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Wagen wir miteinander dankbaren Gemeinsinn statt kalten Egoismus, denn darauf liegt eine große Verheißung.

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