enttäuschte Erwartungen wahrnehmen

mit diesem Abschnitt schließt das erste Kapitel des Markusevangeliums mit einem Paukenschlag. Was an einem fernem Ort am Jordan mit der Taufe durch Johannes begann, hat nun in ganz Galiläa zu einem großen Bekanntheitsgrad geführt. Dies zeigt sich schon am Anfang dieser kleinen Zusammenfassung des ersten Wirkens Jesu. Jesus war im Haus des Petrus aufgenommen worden. Dort hatte er die Schwiegermutter des Simon geheilt. Seine Vollmacht hat sich in Kapernaum in Windeseile herumgesprochen. Das Reich Gottes war nicht nur nahe herbei gekommen, es war in der Person des Messias Jesus Christus Wirklichkeit. Der Geist Gottes hat von Jesus Besitz ergriffen. Er predigte in aller Vollmacht und heilte viele Menschen allein durch seine Worte. Als die Heilung im Hause des Petrus bekannt wurde versammelten sich nach Sonnenuntergang viele Menschen, ja die ganze Stadt vor dessen Haus. Die Kranken und wurden hereingelassen und die Menschen, die von bösen Geistern befallen waren, wurden geheilt. Alle Menschen waren auf den Beinen. Jesus hatte noch mehrere Stunden zu tun, bis er sich schlafen legte. Am frühen Morgen noch mitten in der Nacht stand er dann aber auf und ging hinaus. Simon und die andren Jünger suchten ihn und kamen hinter ihm her. Als sie ihn antrafen, sahen sie, dass er an einer einsamen Stelle vor der Stadt betete. Wir hören das immer wieder in den Evangelien, dass Jesus es vorzieht, sich zurückzuziehen und zu beten. Die Jüngern berichten Jesus, dass er von vielen Menschen in Kapernaum gesucht wird. Doch er wollte nun nicht dorthin zurückgehen. Er wollte aufbrechen und weiterziehen in die nächsten Städte, um dort zu predigen. Zu letzte heißt es, dass er in den Synagogen predigte in ganz Galiäa und dort die bösen Geister austrieb.

Ich möchte heute versuchen, diese Episode des Wirkens Jesu ein wenig aufzuschlüsseln und dann auch für unsere heutige Realität zu erschließen. Wir dürfen nicht dabei stehen bleiben, die Worte, wie eine Geschichte aus alter Zeit zu hören, erstaunlich, bemerkenswert und wunderhaft wie ein Märchen, sondern wir können uns und unsere Lebensbedingungen hier wiederfinden. Dabei möchte ich damit ernst machen, dass Jesus heute in seinem Wort in der Kirche gegenwärtig ist. Wenn wir heute die Gestalt Jesu suchen, dann müssen wir nach der Kirche fragen. Sicherlich ist sie nicht mit Jesus identisch, aber in der Kirche wirkt dieser Geist weiter. Die Christinnen und Christen stehen an der Stelle der Jüngerinnen und Jünger. Jesus ist der Geist der Kirche in Wort und Sakrament, aber auch in all ihren Tätigkeiten und Erscheinungsformen. Die Widersprüche, die zwischen Jesus und der Kirche heute erscheinen, sind auch eine Frage danach, wie und ob wir Jesus heute unter uns wirken lassen, oder ob wir als Kirche im Grunde völlig anderen Regeln folgen.

Die erste Situation ist überwältigend: Das Haus, in dem Jesus ist gleich einem Belagerungszustand. Die Menschen der Stadt Kapernaum stehen vor der Tür. So möchte in Jesu Nähe kommen. Wenn Jesus die Kranken segnet, dann können sie gesund werden. Die bösen Geister trieb Jesus aus.

Wenn ich an die Veranstaltungen der Kirche denken, dann sehe ich oft nicht, dass die Menschen der ganzen Stadt vor der Tür stehen. Doch darum geht es ja hier vielleicht gar nicht. Vielleicht geht es eher darum, dass die Menschen der ganzen Stadt erwarten, dass sie durch die Hilfe des Geistes Gottes ganz und gesund werden. Wir fragen uns natürlich, wie das geschehen soll. Hier wird die Grenze zur Medizin überschritten. Die Form der Geistheilung, wie sie noch in den Völkern Afrikas üblich ist, sehen wir nicht als verantwortbare Form von Heilkunst an. Die Mittel der Kirche, Wort und Gebet, reichen zur Heilung von Menschen nicht aus. Wir therapieren nicht, wir operieren nicht. Das einzige, was wir können ist Zuhören, Beraten und den Menschen das Heil und den Segen Gottes zusprechen. Natürlich sind die vielen Kranken unserer Gesellschaft oft von der Medizin und den Ärzten enttäuscht. Wenn sie sich in die Hand der Mediziner begeben, merken sie bald, dass die Medizin die Krankheiten nur behandeln, aber nicht heilen kann. Heilung ist ein ganzheitlicher körperlicher und seelischer Prozess, der auch das eigene Bewusstsein einschließt. Doch natürlich können die Eingriffe und Verordnungen greifen und die Heilung vorantreiben. Wichtig ist nun, dass die Kranken nicht krank bleiben wollen, sondern selbst zu ihrer Gesundheit beitragen möchten. Des gilt natürlich auch für die Behandlung der Psyche. Ich gebe zu, dass ich immer dann, wenn in der Bibel von bösen Geistern und von Besessenheit die Rede ist, an psychische Krankheiten oder Erscheinungen glaube. Wer fremde Stimmen hört oder meint, in der Hand einer fremden Macht zu sein, ist von dieser Macht besetzt. Jesus greift hier ein.

Die Menschen der ganzen Stadt stehen also vor dem Haus des Petrus. Bei kirchlichen Veranstaltungen und Gottesdiensten bildet sich gar nicht so oft eine Schlage von Wartenden. Bei meinen Besuchen im Krankenhaus merke ich aber bei den meisten, die sich auf eine Gespräch einlassen, aber auch bei den Enttäuschten, dass im Grunde sehr hohe Erwartungen an die Kirche gerichtet werden. Jesus ist doch in unserer Mitte, weil er durch die Worte der Bibel, aber auch durch Gedichte und Gesangbuchlieder zu uns spricht. Auch die Feier eines Abendmahls ist eine Form, in der er gegenwärtig ist. Wir Christinnen und Christen tragen also Jesu Gegenwart mit uns und können nun damit den Erartungen der Menschen begegnen. Viele Menschen haben Probleme, die ihnen über den Kopf wachsen. Wir brauchen uns gar nicht zu wundern, dass sie nicht oder nicht oft in die Kirche kommen, denn sie denken daran gar nicht. Sie sind wie besetzt von ihren eigenen Gedanken. Aber sie erwarten immer noch etwas von Gott. Sie hoffen auf Heilung. Sie hoffen von den Stimmen und Mächten in ihrem Kopf los zu werden und frei zu sein. Das ist heute wie damals sicherlich immer ein langer Prozess, dass geht nicht von jetzt auf gleich. Aber wenn sie Menschen finden, die sich einlassen auf diese Probleme, dann merken sie, dass die bösen Geister sie auch verlassen können, und dass sie wieder zu sich selbst kommen können.

Wir müssen uns ja auch fragen, was es denn eigentlich bedeutet, geheilt zu sein. Ich denke, es geht gar nicht darum, ohne Schmerzen und ohne wunden zu leben, denn das Leben fügt uns doch immer wieder solche Wunden zu. Es geht darum, einen Weg aus der eigenen Besetztheit durch diese Krankheit zu finden, zu sich selbst zu kommen und wieder neu Mensch zu werden, heil und damit gesund und zufrieden zu sein. Die äußeren Bedingungen, in denen wir leben, können wir oft nicht ändern. Aber wir können so leben, dass sie uns nicht erdrücken, dass wir in ihnen noch den Geist der Freiheit spüren, dass wir spüren, lebendig zu sein und durch den Lebensgeist Gottes getragen zu werden. Heilung ist immer subjektiv.

In der Geschichte scheint dies alles nun Jesus auch zu viel zu werden. Er kann nicht allen Menschen einer Stadt gerecht werden. Er hört die Worte Simons, der zu ihm sagt: „Jedermann sucht dich.“ Deshalb ist er ja auch gegangen. Ich denke, Jesus hat in seinen Predigten ja immer auf Gott selbst und auf Gottes Geist verwiesen. Und nun zeigt er durch sein eigenes Verhalten, dass das eigene Gebet genauso wichtig ist, wie das Hören der Worte Jesu. Ich höre ja von vielen Menschen, dass sie auch ohne die Kirche beten können. Manchen reicht der Fernsehgottesdienst, den sie mit dem eigenen Gesangbuch verfolgen. Und das ist ein ganz schwieriger Punkt für die Kirche, denn es ist absolut wahr. Jeder muss mit seinem eigenen Leben vor Gott leben. Dann ist auch das persönliche Gebet und das Finden eigenen Worte vor Gott durch keinen Gottesdienst zu ersetzen. Für Jesus selbst sind die Momente der Einsamkeit die fruchtbarsten. Sicherlich hat er viel in der Bibel gelesen und sich in den Synagogen aufgehalten. Dort hat er ja auch gepredigt. Aber um zu beten, wollte er immer ganz allein seinem Gott gegenüber stehen.

Man kann in dieser Geschichte das Gebet als die Schaltstelle ansehen, denn was geschieht:

Jesus findet am See Genezareth die ersten Jünger, dann predigte er in der Synagoge, wo er einen Menschen heilte, der von einem bösen Geist besessen war. Danach ging er ins Haus des Simon, wo er dessen Schwiegermutter heilte. Dann stand auf einmal die ganze Stadt vor der Tür. Jesus heilte viele Kranke und trieb böse Geister aus. Was hier geschildert wird geschieht aus der Sicht des Evangelisten an einem einzigen Tag. Das, was Jesus hier ganz bewusst angefangen hat, zu predigen und zu heilen, wird ihm nun selbst zu viel. Er weiß aber nicht, was er nun machen soll, denn eigentlich hat er ja den Erfolg, den er wollte. Da geht er raus aus dem haus und aus der Stadt. Er distanziert sich und sucht die Ruhe. Nur aus der Ruhe und aus der Distanz heraus, gelingt es ihm, nun eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Es ist eine Entscheidung, die erstaunlicherweise aus dem Gebet heraus folgt: Jesus entscheidet sich, seine Tätigkeit auf ganz Galiläa auszuweiten und nun nacheinander alle Städte Galiläa zu Fuß zu besuchen. Zuerst musste die Menschen zu ihm kommen. Das war gut und erregte auch Aufmerksamkeit. Zuletzt wurde es ihm aber zu viel. Jetzt entschließt er sich dazu, zu wandern und die Städte nacheinander zu besuchen. Der Messias kann also unmöglich nur in Kapernaum bleiben. Die Botschaft Jesu will verbreitet werden. Jesus findet im Gebet zu seinem Auftrag zurück. Die getroffene Entscheidung wurzelt in der Gegenwart der Worte Gottes, die er in der Stille hat auf sich wirken lassen. Die Reihenfolge, hören, bedenken, sich entscheiden kann für jeden von uns wirksam sein. Und wir sehen, dass Jesus für sich und die Jünger die passende Entscheidung getroffen hat. Dadurch hat der die Erwartungen der Stadt Kapernaum ja keinesfalls enttäuscht. Er ist seiner Rolle, der Rolle des Messias treu geblieben und hat einen neuen Weg gefunden, diese Rolle zu entsprechen.

Ich spüre aus dieser Geschichte eine ungeheure Bewegung, die wir gerade heute in der Erstarrung unserer Gemeinden brauchen. Es geht ja nicht darum, den ganzen gehen wie Jesus. Aber es geht darum, ie Erwartungen der Menschen wahrzunehmen, im Hören und Beten eine Entscheidung vorzubereiten und dann auch danach zu handeln und etwas zu tun, was dem Auftrag der Kirche wieder eher entspricht.

Die Menschen warten darauf, dass ihnen die Gegenwart und der Segen Gottes zugesprochen wird. Sie wollen vo0n den bösen Geistern, von den Mächten und Sorgen des Alltags befreit werden, sie möchten lernen, mit ihren Wunden und Schmerzen zu leben und sie möchten frei werden und zu sich selbst finden. Wir sind die Gemeinde Jesu und wir tragen seine Gegenwart. Wir verkünden ihnen, dass sie Heilung und Heil zu recht von Gott erwarten können: Heile du mich, dann werde ich heil; hilf du mir, dann ist mir geholfen.

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