Seelsorge, Gemeinschaft und Diakonie

Erntedank ist für mich mit vielen Erinnerungen und Gefühlen behaftet. Ich war nie in der Landwirtschaft tätig, aber ich erinnere mich an Spätsommer, in denen Tage damit zugebracht wurden Obstbäume abzuernten, Kirschen und Pflaumen zu entkernen, Äpfel durchzudrehen und alles einzukochen. Ich erinnere mich an Erntedankaltäre, auf denen dankbare Menschen ihre Früchte darstellten, die hinterher an Bedürftige verteilt wurden. Alten- und Kinderheime waren dankbare Abnehmer, aber auch Familien mit vielen Kindern.

Unsere Erntedankaltäre sind bescheidener. Das hat viele Gründe. Wir haben nicht mehr so sichtbar die dankbaren Abnehmer unter uns. Armut gilt eher als peinlich – und die, die wir kennen, wüssten vielleicht mit Tiefkühlgemüse und Dosenfrüchten mehr anzufangen als mit frischer Ware, die auch nicht immer so schön aussieht, wie unsere EG-genormten Äpfel und Blumenkohle. Vielleicht müssten wir ja heute andere Gaben aufschichten: Es sieht so aus, als wäre die Menschheit heute mehr bedroht durch einen Anstieg der Energiepreise als durch eine Missernte. Aber ob wir dankbarer wären, nur weil hier Öl oder ein Auto, ein Fernseher oder eine Playstation aufgebaut wären, wage ich zu bezweifeln.

Was ist Dankbarkeit – sicher nicht einfach ein wohliges Gefühl, eher ein Bewusstsein, das uns hilft, unser Leben zu gestalten. Wer Dankbarkeit wirklich empfindet, wird sie leben, wird Verpflichtungen spüren gegenüber Eltern oder FreundInnen, MitarbeiterInnen oder Weggefährten – auch gegenüber Gott. Von einem solchen Erntedank erzählt der Prophet Jesaja in unserem heutigen Predigttext. Damals gehörte zum Erntedank das Fasten, das heute aus der Mode gekommen ist, aber es ist ein guter alter biblischer Brauch. Er macht seinen Schwestern und Brüdern klar, was Gott mit Fasten meint:

[TEXT]

Es ist eine Mahnrede an eine Gemeinde, bei der alles, was Kult und Recht angeht, ganz korrekt zu laufen scheint. Alles ist in bester Ordnung – so sieht es aus. Aber wie so oft ist auch hier vieles Fassade. Die Regeln werden eingehalten, aber das, was hinter den Regeln steht stimmt nicht. Gottes Gebote haben einen klaren Sinn. Dieser Sinn ist der Mensch!

Dessen Bedürfnisse, dessen Ansprüche werden mit Füßen getreten. Die Menschen beklagen sich bei Gott, dass er ihre religiösen Anstrengungen nicht honoriert: »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« (Vers 3). In unserem Text erläutert der Prophet Tritojesaja, was Fasten für ihn bedeutet. Er erläutert seinen ZeitgenossInnen und macht uns gleichzeitig damit die Gebote Gottes klar: Nicht Fasten ist schlecht. Fasten kann Menschen helfen, sich selbst besser kennen zu lernen und Freiheit zu gewinnen, anderen zu helfen. Fasten allein aber tut Gott ebenso wenig Gutes, wie unsere Gottesdienste, die auch nur dadurch gut werden, dass wir uns in ihnen bewegen lassen, von Gott anrühren lassen. Auch das Abendmahl wird nicht dadurch für uns wertvoll, dass wir es feiern, sondern dadurch, dass wir es zulassen, dass in ihm der Herr sich uns schenkt. Wir müssen offen werden für das Tun Gottes an uns und offen werden für die Schwestern und Brüder, in deren Gemeinschaft wir stehen und an die der Herr des Mahles uns weist.

Es geht um den tätigen Erntedank, um die Erkenntnis, dass Alles, was wir ernten, Geschenk ist. Mein Arbeitsplatz ist genauso wenig selbstverständlich, wie mein Erfolg dort oder meine Gesundheit (Krebs oder Schlaganfall gibt es immer häufiger auch in jungen Jahren). Die lieben Menschen, die mich begleiten sind Gabe – Gabe von Menschen und Gabe Gottes.

Wir finden das Heil im gemeinsamen Mahl, nicht nur, weil der Herr sich selber uns schenkt, sondern auch weil wir uns anschauen dürfen als Schwestern und Brüder, weil wir Gemeinschaft feiern dürfen.

Es geht nicht um Fasten in erster Linie, sondern um den Segen Gottes, der auf segensreichem Tun liegt, auf verantwortungsvollem Umgang mit den Gaben, die mir geschenkt sind. Wenn Gott mich und mein Tun segnet, dann entsteht Leben, so wie er es gemeint hat: du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. Was das bedeuten kann, wird uns im Tsunami-Gebiet, in Afghanistan, im Irak oder in New Orleans plastisch vor Augen geführt. Unsere Welt braucht Menschen, die Lücken schließen und Wege bereiten, damit Friede entsteht. Unsere Welt braucht eine christliche Kirsche, die sie ermahnt und die selber Hand anlegt. Und das kann sie nur, wenn jede Einzelne sich als Botin dieses Gottes versteht, der will, dass allen Menschen geholfen wird.

Christliches Tun hat zwei Zielrichtungen: Gott und den Menschen, der Zuwendung braucht: Seelsorge, Gemeinschaft und Diakonie. Darum sind gute Gottesdienste nur die, die auch dem Menschen dienen, in denen Gemeinschaft erfahrbar wird, in denen für Menschen gebetet und gedacht wird. Unsere Ernte ist ein Geschenk – und aus Dankbarkeit dafür dürfen wir Andere beschenken für Andere da sein mit unserer Gemeinschaft und unserer Zuwendung.

Es geht um ein Verhalten, dass dem Wesen des Erntedanktages entspricht. Ein sich nicht Entziehen dem, der mich braucht.

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