Gott wird uns neu erfinden

Liebe Gemeinde,

„Welche Zukunft haben wir?“ Diese Frage liegt seit Jahren wie ein graues Tuch über unserem Land; gelegentlich dramatisiert mit dem kleinen Wörtchen „noch“. „Welche Zukunft haben wir – noch?“ Umfragen ergeben, dass kaum die Hälfte von uns zuversichtlich dem Morgen entgegen schauen kann.

„Welche Zukunft haben wir“? Was klingt alles in dieser Frage mit? Welche Sorgen, welche Hoffnungen und Ängste verleihen ihr emotionale Kraft? Sind es nicht Themen, wie diese: Noch habe ich Arbeit, noch erhalte ich Rente, noch geht es leidlich gut – was aber wird in den nächsten Jahren sein? Noch bin ich gesund – was aber blüht mir mit zunehmenden Alter? Noch ist unsere Umwelt intakt, aber mit welchen gravierenden Veränderungen müssen wir rechnen? Noch ist Öl vorhanden, aber womit betreiben wir unsere Autos in 3o Jahren? Noch leben wir gut in Oberfranken, aber wie wird es in zehn Jahren bei uns ausschauen?

Welche Zukunft haben wir? In dieser Fragestellung schwingt ein hohes Maß an Verlustangst mit. „Noch“ ist es gut „aber bald“ wird es anders sein. Weil wir Verlust und Veränderung befürchten, ist unser Verhältnis zur Zukunft so Angst beladen.

In diesen Tagen ringen unsere Mandatsträger/innen auch um das Thema „Zukunft“, konkret um die Zukunft unsers Landes. Aber ehe wir in die politische Ecke schauen, lassen wir doch den jungen Mann hervortreten, von dem unser Bibeltext handelt.

„Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ so fragt er in seiner heute fremd und altertümlich klingenden Sprache und meint doch nichts anderes als das, was wahrscheinlich auch heute noch (junge) Menschen bewegt:

– Was führt mich zu einem erfüllten Leben?

– Wo ist eine Aufgabe in dieser Welt, die mich erfordert?

– Wo ist mein Platz? Und wird es mir vergönnt sein, ihn mit Stolz zu erfüllen?

– Werde ich glücklich sein in meinem Leben oder ist es nur ein Kreuzweg hin zum Grab?

– Werde ich einmal sagen können: Du hast nicht umsonst gelebt?

– Gibt es Liebe für mich und Menschen, in deren Herzen ich bleiben werde?

– Werde ich Kraft haben, mit schlimmen Dingen fertig zu werden?

Zu viele dieser Fragen bleiben heute ohne Antwort. „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Ich denke, dass dies eine Frage nach Sinn und Erfüllung ist und keine nach der Ermöglichung postmortaler Existenz. Leben gründet in der „Ewigkeit“, wenn es Berührung hat mit dem, was die klassische Bildung einst das „Wahre, Gute und Schöne“ nannte.

Die erste Antwort, die dieser junge Mann in unserer Geschichte erhält, ist recht nüchtern. Jesus verwehrt ihm jeden Personenkult, für den Jugend so anfällig ist. So jedenfalls verstehe ich die kleine Zurechtweisung, ihn nicht mit „Guter Meister“ anzureden.

„Halte die Gebote“, folgt dann als Wegweisung. Würde ihnen, liebe Gemeinde, das genügen als Antwort auf die eben vorgetragene Sehnsucht nach erfülltem Leben? „Sei fleißig“; „Halte die Regeln ein“ und „Streng dich an.“ Damit sagen wir doch auch: „Es liegt nur an dir, was aus deinem Leben wird.“ Würde Ihnen das genügen als Antwort auf die Frage nach gelingendem Leben?

Die zweite Antwort Jesu ist wesentlich interessanter, schärfer, härter. Sie führt zum Kern des Problems: „Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!“

Unserer vorhin erwähnten Verlustangst begegnet Jesus nicht mit milden, besänftigenden Worten. Im Gegenteil: „Gib hin, was du hast“, lautet seine Weisung.

In diesen Tagen der politischen Suche nach Neuorientierung und Bildung bislang ungewohnter Koalitionen heißt es bisweilen: „Ehe wir mit denen zusammen gehen, müssten die (die Grünen bzw. die Liberalen) sich neu erfinden.“

Diese Formulierung finde ich sehr interessant, weil sie auf die Notwendigkeit hinweist, neu zu werden, d.h. alte Feindschaften, bisherige Positionen, überkommende Einschätzungen und alles in allem Lieblingsideen aufzugeben. „Gib hin, was du hast. Trenne dich von dem, was du für unentbehrlich hältst und dann erst wirst du frei werden von Angst. Dann erst wirst du frei werden für die Zukunft, das ewige Leben“ So lautet für mich die Pointe dieser Geschichte. Ich verstehe sie als Ermutigung dazu, loszulassen. Und gerade in diesen Tagen merken wir doch alle, wie wichtig es ist, dass man loslassen kann von all den alten Feindbildern, dass man sich trennen sollte von den bislang scharf bewachten Abgrenzungen., dass man loslassen muss vom bisherigen Vorteil und auch von der Macht.

Sie merken, liebe Gemeinde, im Bild des „Reichen Jünglings“ sehe ich uns alle gespiegelt. Wollten wir diese Geschichte nur auf Menschen mit hohem Kontostand begrenzen, würden wir vollkommen daneben liegen.. Es geht hier nicht um eine eventuell vom Neid beflügelte Herabsetzung materiell reicher Menschen.

Es geht um uns alle. Es geht um zwei Fragen hinsichtlich unserer Zukunft:

– Können wir loslassen von unseren Meinungen, Besitztümern, Vorrechten, Vorteilen, Einflüssen und Beziehungen?

– Sind wir fähig, das Leben so zu gestalten, dass für arme und hilfsbedürftige Menschen Raum und Hoffnung zum Leben bleiben?

– Sind wir noch willens, den Staat so zu gestalten, dass Raum in ihm bleibt für Schwache und Hilfsbedürftige.

Und dann kommt als dritte, wesentlich Frage hinzu: Sind wir bereit, uns im Geist Jesu Christi neu erfinden zu lassen, d.h. sind wir bereit für die Zukunft?

Unsere Geschichte endet offen. Der „reiche Jüngling“ geht davon, da er von sich aus nicht die Kraft hat, loszulassen, loszulassen vom Besitz, von seiner Meinung, seinem Materialismus, seinem Blick nur auf sich. Und ich denke, dass wir ihm darin gleich sind.

Jesus unterstreicht die Schwierigkeit: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen“. Dreimal betont er es, zuletzt mit dem berühmten Bild vom Kamel, dass nicht durch´s Nadelöhr passt. Darin kommt der Realismus unserer Welt zum Ausdruck. Darin sehe ich wie einem Brennspiegel die Lage unseres Landes: Es ist keine Kraft und kein Mut, sich wirklich der Zukunft zu stellen. Die Jugend, die nach Idealen fragt, speisen wir weiterhin ab mit dem Hinweis, „fleißig zu sein.“

Wir wollen aber auch die Hoffnung wahrnehmen, die zwischendrin aufblitzt und dem hoffnungslosen Realismus eine andere Dimension entgegensetzt: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“, heißt es und was heißt das für uns? „Wer kann selig werden“ fragen die Jünger und sie fragen danach, wie Menschen überhaupt ins Reich Gottes, in die Zukunft kommen können. Und Jesus antwortet: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Sind wir bereit, uns im Geist Jesu Christi neu erfinden zu lassen, d.h. sind wir bereit für die Zukunft? Von uns aus, mit dem Blick auf unsere Verzagtheit, unsere Verlustangst und unseren schwachen Mut müssen wir wohl mit „Nein“ antworten.

Gott aber wird „Ja“ zu uns sagen. Darauf wollen wir taruen und darauf wollen wir unsere Hoffnung setzen. Gott wird das möglich machen, was von uns aus nicht möglich ist.

Die Geschichte vom „Reichen Jüngling“ endet offen. Sie bleibt hart und herausfordernd. Sie hat kein „Happy end“ und steht doch unter dem Horizont der Liebe Gottes, die uns neu erfinden wird.

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