Ein süßes Geheminis

Liebe Gemeinde,

ich habe ein süßes Geheimnis. Nicht, was Sie denken! Keine heimliche Liebschaft oder eine andere sinnliche Obsession. Nichts, was für die Bildzeitung ein gefundenes Fressen wäre oder meinen Bischof zur Verzweiflung brächte. Es ist nicht einmal etwas großartiges, ganz besonderes. Es ist nur halt geheim und es macht mich froh, wenn ich daran denke. Es liegt zu Hause gut versteckt und ist ein Geburtstagsgeschenk für meinen Sohn. Ich bin ganz sicher, dass er sich darüber freuen wird. Am liebsten würde ich es ja wenigstens Ihnen verraten, aber kann ich mich darauf verlassen, dass Sie dichthalten können? Leider hat er erst im November Geburtstag. Ich kann es kaum abwarten. Sollte er es nicht doch schon vorher bekommen? Ich stelle mir vor, wie er es auspackt, und was er dann für große Augen macht. Ich freue mich auf seine Freude.

Mein süßes Geheimnis. Ich hoffe, sie finden es nicht lächerlich. Denn es gibt ja auch dunkle Geheimnisse, verborgene Ängste, abgründige Sehnsüchte, Geheimnisse, die gut gehütet werden, weil sie, sollten sie gelüftet werden, zerstörerisch sind. Die dunklen Geheimnisse sind in der Regel viel interessanter für die, die es nichts angeht. Die Presse reißt sich um solche Geschichten, so manche Karriere wurde dadurch ruiniert, viele Ehen zerbrechen daran. Dunkle Geheimnisse sind gefährlich und bedrohlich, ihr Ort ist der Giftschrank der Seele und wehe dem, der daran rührt.

Süße Geheimnisse aber sind Geheimnisse der Liebe. Es sind Geheimnisse, die darum verborgen werden, weil sie kostbar sind, sie sollen geschützt werden vor zudringlichen Gedanken und vor den Meinungen vieler. Süße Geheimnisse sind solche, die dem Augenblick entgegengieren, wo sie gelüftet werden dürfen.

Ich lese den Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 1. Da lüftet jemand das süße Geheimnis Gottes vor der Zeit.

[TEXT]

Haben Sie das Geheimnis entdecken können? Vom so genannten Messiasgeheimnis ist hier die Rede. Jesus möchte nicht, dass von seinen Wundern erzählt wird, aber je mehr er es verbietet desto mehr verbreitet sich die Botschaft. Von den 4 Evangelien, die die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu überliefern, kennt nur Markus diese Sorge Jesu, dass sein Geheimnis vor der Zeit offenbart werde. Nur Markus erzählt immer wieder von der Bitte Jesu: Sagt nicht weiter, was ihr gesehen habt, meine Zeit ist noch nicht gekommen!

Ob sie ihm nicht zuhören, die vielen, denen er geholfen hat? Ob sie meinen, er solle man nicht so bescheiden sein? Oder ob ihnen einfach Herz und Mund übergeht vor Freude und Dankbarkeit?

Ein Aussätziger kommt zu Jesus. Lepra ist eine Krankheit, die nicht im Verborgenen bleiben kann: Sie beginnt mit den Schleimhäuten, greift dann aber bald die Haut an und zersetzt den Menschen regelrecht. Man kann sagen: Er verwest bei lebendigem Leibe. Eine im schlimmsten Sinne hässliche Krankheit: Furchtbare Entstellungen an allen Gliedmaßen, auch im Gesicht, sind die Folge. Die Krankheit ist weniger ansteckend als früher geglaubt wurde, viel schlimmer war wohl das Entsetzen der Mitbürger. Aussätzige wurden darum von der Gesellschaft isoliert. Sie mussten außerhalb der Stadt leben und durften mit Gesunden nicht in Berührung kommen. Wer Lepra hatte, wartete auf den Tod ohne jede Hoffnung. Sie können sich vorstellen, dass so jemand nach jedem Strohhalm greift. Willst du, so kannst du mich wohl reinigen! Der Aussätzige bittet Jesus und dem geht das Herz über vor Mitleid. Er sprach: Ich will. Und rührte ihn an. Und der Kranke wurde gesund im selben Moment.

Eine gute Geschichte würde an diesem Punkt aufhören. Die Geschichte Jesu erzählt sich, wie so oft, aber anders. Als ob es ihm im selben Moment schon leid getan hätte, treibt Jesus den Geheilten von sich und befiehlt ihm Stillschweigen, als ob er geahnt hätte, dass er von diesem Augenblick ein Prominenter und damit ein Gejagter sein würde. Das Markusevangelium erzählt, dass Jesus nun nicht mehr einfach in eine Stadt hineingehen konnte. Er hielt sich draußen an einsamen Orten auf. Und doch kamen sie zu ihm von überall her.

Es geht hier nicht um eine heimliche Heilung, sondern es geht um ein Geheimnis. Aber nicht um ein dunkles Geheimnis, wie man später sagen wird, sondern um ein Geheimnis der Liebe. Jesus selbst ist das süße Geheimnis Gottes. Gott sagt: Das ist mein Sohn. Er wird euch retten. Ihr sollt mehr als gesund werden: Er wird euch heilen. Er wird euch Frieden bringen. Aber nicht gleich. Nicht so. Ganz anders wird es sein. Ganz anders.

Aber so sind Menschen. Viele kennen keinen Respekt vor den Geheimnissen anderer. Sie können nicht warten, bis die Zeit kommt. Sie zerstören Geheimnisse. Sie zerren sie ans Licht, sie reden sie tot, sie diskutieren sie bis zur Banalität und am Ende verkehren sie noch das süßeste Geheimnis zur bösen Obsession.

Das zumindest hat Jesus erleben müssen. Jeder wollte gesund werden, aber längst nicht jeder hatte Respekt vor seiner göttlichen Herkunft. Viele wollten ihn hören, aber nur wenige wollten ihm folgen. Pharisäer und Schriftgelehrte wollten ihn sprechen, aber in Wirklichkeit wollten sie nur diskutieren. Jesus war das süße Geheimnis Gottes – am Ende warfen sie ihm vor, er sei mit der dunklen Macht des Bösen im Bunde. Am Ende haben sie das Geheimnis Gottes öffentlich ans Kreuz geschlagen. Das sollte es dann wohl hoffentlich gewesen sein.

Das hätten sie sich so gedacht. Aber Gott ließ sich seinen Sohn nicht nehmen und er dachte nicht daran, die Menschheit dieses süßen Geheimnisses zu berauben. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist die Offenbarung des Geheimnisses durch Gott. So zeigt Gott, wie sehr er uns liebt. Darin zeigt Gott, was er für uns tun will. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist viel mehr für uns als Gesundheit, sie bedeutet für uns Leben in Ewigkeit. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist mehr als ein bisschen Frieden, sie bedeutet für uns himmlischen Frieden in Ewigkeit. Das Geheimnis Gottes geht über Zeit und Welt weit hinaus und öffnet uns die Türen zu einer Welt jenseits aller Welt. Und Gott hält uns sein süßes Geheimnis entgegen und strahlt und freut sich und erwartet den Tag, wo wir es ergreifen und fassen können.

Der Aussätzige ist wie ein Kind, das nicht warten kann. Er greift nach dem Geheimnis vor der Zeit, er entreißt es der Verpackung und läuft damit laut prahlend durch die Gegend. Er ist gesund geworden, aber das Geheimnis hat er verloren. Es ist, als wenn mein Sohn heute die Schublade öffnet, sich nimmt, was ihm bestimmt ist und es laut allen verkündet: Guck mal, das hat meine Mutter mir zum Geburtstag gekauft. Ich soll es erst in zwei Monaten bekommen, aber ich nehme es mir jetzt schon, weil es ja sowieso mein ist. Die Freude wäre für uns beide verloren. So geht es vielen Konfirmanden, die vor Weihnachten wissen, was sie bekommen werden – ich habe mich immer dagegen gesträubt, die Freude, meine und die des Kindes wäre weg.

Jesus ist das süße Geheimnis Gottes, das Geheimnis seiner Liebe zu uns. Wir sind Gottes Kinder und warten auf den Tag, an dem wir es in den Händen halten können. Manchmal sind wir wie dumme Kinder: Wir fordern von Gott die Herausgabe seiner Gabe, wir wollen den Glauben in den Händen halten und die Zuversicht zu unserem Besitz machen. Wir erwarten von Gott, dass er uns Gesundheit und Frieden gibt und zwar sofort, nämlich jetzt, wo wir es brauchen – das Warten und das Hoffen haben wir vollständig verlernt. Erinnern Sie sich an den Zauber ihrer Kindheit – das Süße, das Wunderbare, war oft nicht so sehr die Gabe die selbst, als die bezaubernde, hoffnungsfrohe Zeit des Wartens. Der Aussätzige wird gesund. Ich weiß, dass für viele Gesundheit das höchste Gut ist. Gerade da, wo sie fehlt, wird das schmerzhaft bewusst.

Aber diese Geschichte lehrt mich auch in aller Deutlichkeit noch etwas anderes: Der Aussätzige wird nur gesund. Dass es mehr als gesund werden gibt, das stelle ich fest bei Menschen, die mit Krankheit und schwerem Schicksal leben lernen müssen: Sie gewinnen oft inneren Frieden und tiefe Dankbarkeit, herzliches Erbarmen und Mitgefühl mit anderen, die Liebe ihrer Nächsten und die Erfahrung, dass nicht nur ein starkes, gesundes Leben lebenswert ist, sondern dass in der Schwäche eine ganz besondere Kraft liegt.

Der Aussätzige wird nur gesund. Sein Verhalten zeigt mir, dass sich sonst nichts für ihn verändert hat. Die, die Jesus nachfolgen, die im Leiden bei ihm bleiben und an seiner Auferstehung teilhaben, die werden auch glücklich. Selig sind sie, sagt Jesus, das ist sogar noch etwas mehr als glücklich. Wer selig ist, der braucht nichts mehr. Der ist angekommen, dessen Suche hat ein Ende, der ist zufrieden, der stirbt ohne Angst.

Jesus ist Gottes süßes Geheimnis. Wir bleiben diesem Geheimnis ein Leben lang auf der Spur. In Händen halten werden wir es erst nach der Zeit. Unsere dunklen Geheimnisse, unsere Ängste, unsere Trauer und unsere Schmerzen – im Geheimnis der Liebe Gottes bleiben sie geborgen.

Wir können leben und wir können sterben in der Gewissheit der Kinder, die auf Weihnachten noch warten können: Da ist noch was, da kommt noch was und was da kommt, wird schön sein. Das ist Gottes Versprechen, das ist das Geheimnis seiner Liebe, das ist, was Jesus für uns erwirkt hat.

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