Das Unmögliche von Gott erhoffen

Sprachlosigkeit – Hilflosigkeit – Zorn

Selten ist mir solch ein Ausmaß an Emotionalität begegnet wie in dieser Heilungsgeschichte. Dabei kommen noch gar nicht alle Gefühlsregungen und Erfahrungen zur Sprache.

Wir hören, wie der Junge verstummt, erleben die Jünger hilflos und Jesus zornig. Wir hören aber nicht, was wohl in Vater und Sohn vor sich geht in diesem jahrelangen Kampf zwischen Hoffen und Bangen. Da ist ein Vater, dessen Hoffnungen immer wieder enttäuscht wurden, der aber nicht aufgeben will, da ist ein Sohn, der miterleben muss, dass er als kranker Sohn seinen Vater mit jedem Anfall nur enttäuschen und sein Leid nur vergrößern kann. Da sind Jünger, Freunde Jesu, die ihrem Auftrag zu heilen nicht gerecht werden können, die von der Situation als überfordert entlarvt werden und ihre Ohnmacht, ihre Grenzen erkennen müssen. Da ist viel mehr heilungsbedürftig als nur die Anfallskrankheit des Sohnes. Da sind verletzte Beziehungen und Gefühle, enttäuschte Hoffnungen.

Vielleicht fällt es deshalb nicht schwer, diesen Menschen innerlich nahe zu kommen.

Der Sohn leidet seit seiner frühesten Kindheit an epileptischen Anfällen verbunden wohl mit Taubstummheit. Alle die erleben, wie von einem Augenblick zum anderen ein Krampfanfall über ihn hereinbricht und zu Boden wirft, können sich dies nur so erklären, dass ein böser, zerstörerischer Geist in ihn gefahren ist.

Was ist denn in ihn gefahren fragen oft ganz ähnlich, auch wenn wir zerstörerische Kräfte nicht personalisieren. Aber es gibt zum Beispiel einen Geist der Gewalt in vielen Familien, auf den Straßen, auf den Schulhöfen, er ist präsent in den Medien getarnt als Nachricht oder als Unterhaltung im Abendprogramm. Und wer einmal in den Bann der Gewalt geraten ist, wer Opfer von Gewalt geworden ist, hat vielleicht erlebt, wie stumm und ohnmächtig dieser Geist jeden machen kann.

Was ist das für ein Geist, der jemanden zuschlagen lässt, was passiert mit dem, den diese Schläge treffen und was ist mit uns, die wir womöglich Zeugen in nächster Nähe sind? Gewalt ist eine zerstörerische Kraft, ein dunkler Geist.

Nicht viel anders ist es mit der Angst vor dem sozialen Abstieg oder Zukunft. „Angst ist ein schlechter Ratgeber“ sagt der Volksmund und da ist etwas dran. Angst lähmt, Angst isoliert und vereinsamt. Reale Angst lässt sich nicht wegreden, wegträumen oder gar heute wegwählen, sondern bleibt schnell ein dauerhafter Begleiter, solange die Ausgangsituation sich nicht ändert. Und so kann der Geist der Angst Menschen eben nicht nur Menschen vor Gefahren bewahren, sondern ebenso krank machen und zerstören. Da sind dann schon ganz besondere Heilungskräfte gefragt.

Die Jünger versuchen, was sie können. Schließlich Hatte Jesus sie ausgesandt nicht nur zu predigen, sondern auch zu heilen, sich den Geistern in den Weg zu stellen, die mundtot machen.

Hier aber werden wir Zeugen ihres Versagens. Sie haben kein Mittel gegen diesen Geist, sind hilflos dem verzweifelten Vater und Sohn gegenüber. Eine erschreckende Erfahrung: Was Jesus gelingt, muss seinen Jüngern und Nachfolgern deshalb noch lange nicht gelingen. Sie können nicht heilen, nicht hier, nicht in diesem Fall. Der sprachlose Geist führt sie an die Grenze ihrer Macht. Solche Ohnmachtserfahrungen sind stete Begleiter der Jünger und Jüngerinnen bis in unsere Tage geblieben. An den Brennpunkten gelingt es selten zu heilen, oft nur zu lindern.

Es gibt viele Projekte zur Gewaltvermeidung und Gewaltüberwindung. Es gibt ein starkes Engagement in der Auseinandersetzung mit rechtsextremer Gewalt, viele Christen sind in Aktionsbündnissen aktiv, aber das gesellschaftliche Problem ist damit noch nicht behoben und geheilt. Es gibt viele Projekte, die die Folgen der Armut in unserem reichen Land bekämpfen. Schuldnerberatung, Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige ausgeben, aber die Ursachen können so nicht behoben werden und ein überzeugendes Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept für mehr Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich haben die Kirchen ehrlicherweise auch nicht. Sie können nur mahnen und die Not lindern. Und die an Körper und Seele erkrankten suchen Heilung oft an anderen Orten.

Wir, Jünger und Jüngerinnen Jesu, bieten statt Krankenheilung Krankenhausseelsorge, Pflegestation und Diakonie. Ich möchte nicht missverstanden werden: das ist ungemein wichtig und segensreich und gehört zu den Kernkompetenzen der Kirche. Der Sonntag der Diakonie vor zwei Wochen hat deutlich gemacht wie wichtig Diakonie mit ihren vielen Einrichtungen gerade in der Uckermark ist, aber wir wagen viel zu selten zu hoffen, dass Menschen unter uns heil werden.

Der Vater hat sich an die Jünger gewandt mit der konkreten Erwartung, dass sein Sohn dort Genesung findet. Er ist davon überzeugt dort an der richtigen Stelle zu sein. Und Gemeinden wussten lange Zeit, dass sie genauso ohne in Konkurrenz zu sein wie die Medizin gefragt sind, wenn Menschen (nicht nur aus ihrer Mitte) erkrankten. Sie beteten, salbten, legten Hände auf und wurden zu Orten der Heilung. Ein Pfarrer berichtet:

Ich werde an ein Sterbebett gerufen. Eine hochbetagte, schwer kranke Frau möchte im Kreise ihrer Familie noch einmal Abendmahl feiern, bevor sie stirbt. Wir feiern in großem Ernst das Mahl, wir beten gemeinsam, ich lege zum Segen die Hand auf. „Sie rufen mich an, wenn etwas ist“, sage ich zur Tochter. Wenige Wochen später steht die alte Frau vor meiner Pfarramtstür, klingelt, bedankt sich, drückt mir Sprachlosem einen Geldschein in die Hand. „Das Abendmahl hat mir geholfen, und ihr Segen“, sagt sie und lässt mich in größter Verunsicherung zurück. Er folgert für sich: Menschen in unserem Gemeinden haben einen viel ungebrocheneren Zugang zu Wundern, eine erheblich geringere, religiöse Scham. Sie bringen zusammen, „was zusammengehört“: Gott und Leben, Kirche und Heilung, Segen und Rettung, Gebet und aufrechter Gang.“

Und dennoch beschreibt Markus die Ohnmacht der Jünger und den Ärger Jesu. Wir haben im Bibelarbeitskreis eine ganze Weile darüber nachgedacht, was ihn wohl so erzürnt hat. Der fehlende Glaube war eine Antwort. An den Grenzen erleben wir, was für uns machbar ist und was nicht. Aber Machbarkeit ist keine Kategorie/Qualität des Glaubens. Nur zu tun, was machbar ist, verändert nicht wirklich und reicht eben oft nicht zur Heilung.

Glaube darf mehr als dass Machbare erwarten. Der Glaube darf erwarten, dass der Junge heil wird, auch wenn es letztlich Gottes Willen überlassen bleibt. Der Glaube darf erwarten, dass Gewalt überwunden und eine gerechte Welt geschaffen wird, auch wenn wir nur unvollkommen daran mitarbeiten können und Gott mit seinem Reich diese Welt bringen muss. Der Glaube darf erwarten dass die Lähmung und das Gefängnis der Angst überwunden wird, weil Gott wie Vater und Mutter, wie ein guter Hirte, wie ein Fels und ein Schutz ist.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Ich sehe nur das Machbare, erbitte aber von dir das Unmögliche, das Wunder. Es ist unser Amt und unser Auftrag, das Unmögliche, das Wunder von Gott zu erhoffen und zu erwarten.

Wer glaubt, kann alles , sagt Jesus und heilt den Jungen, als keiner mehr daran glauben wollte. Ergeben wir uns nicht den Geister, die uns stumm machen und zu Boden drücken wollen, egal wo sie uns begegnen in Gestalt von Resignation oder Verzweiflung, Krankheit oder Tod.

Erwarten wir von Gott das Unmögliche und geben uns nicht mit dem Machbaren zufrieden.

Beten wir viel häufiger und lauter – wie der Vater : ich glaube, hilf meinem Unglauben.

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