Vertrauen zu Gott

Liebe Gemeinde,

"Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." Unter diesen Spruch beginnen wir die neue Woche! Der Glaube als Sieg, als Macht und Kraft, die etwas überwindet. Im Wochenspruch ist es die Welt, die überwunden wird. Freilich steht "die Welt" bei Johannes, der dieses Bibelwort überliefert für eine ganz spezielle Macht, die er in Gegnerschaft zum Wirken und zur Verkündigung Jesu sieht. Dennoch bleibt es bis heute gültig: die Christen haben etwas, was in der Lage ist, böse Mächte zu überwinden. Aber auch das ist noch nicht konkret genug. Denn die bösen Mächte, die Welt, wie es Johannes nennt, sind nicht etwa Mächte, die uns gegenüberstehen, so wie wir es aus Filmen oder Büchern kennen. Nein, da kämpft nicht ein strahlender, lichter Held gegen finstere Monsterwesen, die aus der Dunkelheit kriechen. Es ist kein Kampf von guten Menschen gegen böse Menschen. Es ist kein Kampf der Engelheere gegen die Dämonenschar. Es gibt Gruppen, die sich christlich nennen und z.B. in Nürnberg sich vor dem Ehe-Brunnen versammeln und dort gegen lokale Dämonen anbeten. Warum tun sie das? Ich denke, weil der Brunnen z.T. recht freizügige Darstellungen des Ehelebens bereithält und die Dagegen-Beter meinen, solches widerspräche einem christlichen Leben. Also wären dort vermehrt böse Kräfte zu finden, die man nur wegbeten müsste, um den Menschen zu helfen. Sie merken, liebe Gemeinde, an der Art, wie ich darüber erzähle, dass ich dass nicht nur für absurd halte, sondern sogar noch mehr: ich halte es für der christlichen Botschaft widersprechend. Freibeten von lokalen Dämonen, noch dazu begründet auf solch einer moralinsauren Einstellung schadet dem Licht, das die Christen in die Welt bringen sollen mehr, als es nutzt.

Wenn ich aber recht behielte und die bösen Mächte, gegen die wir zweifelsohne anzukämpfen haben, sind gar nicht außerhalb von mir und deswegen so schön sichtbar wie in den Gruselfilmen von Hollywood, dann bleibt nur noch eine andere Erklärung. Das Böse, liebe Gemeinde, muss ich in mir und an mir selber finden! Der Kampf, den ich zu kämpfen haben, und der mit Hilfe des Glaubens allein gewonnen werden kann, ist ein Kampf gegen die Anteile in mir, die mir das Leben verdunkeln und aus mir einen Menschen machen, der ich gar nicht sein will.

Wenn Sie es für sich selber überlegen wollen und in Gedanken zurückgehen, dann werden Sie sie finden, die Situationen, wo Sie nicht ganz der Mensch waren, der Sie sein wollten, sondern ganz anders. Vielleicht jähzornig, vielleicht bösartig, vielleicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht, vielleicht neidisch, vielleicht sogar ungerecht gegenüber den Menschen, die Ihnen anvertraut sind: der Ehemann, die Ehefrau, Ihre Kinder, Ihre Eltern! Das, liebe Gemeinde, ist der Kern des Bösen. Nicht eine eine fremde Macht, die gegen meinen Willen mich ergreift und mich – somit unschuldig – zu einem fremden Menschen macht. Nein, es ist die innere Zwiespältigkeit des Menschen, seine Anfälligkeit zu bösen Taten hin. Weil das so ist, spricht die ganze kirchliche Tradition von einer Ursünde oder von einer Erbsünde: weil kein Mensch aus dieser Haut fahren kann, weil ausnahmslos jeder angegriffen wird aus sich selbst heraus und somit, weil es aus ihm selber kommt, auch jeder selber die Schuld trägt. Leider, liebe Gemeinde, leben wir zunehmend in einer Welt, in der diese Schuldfrage gar nicht mehr gestellt wird, sondern Schuld immer nur extern, beim anderen oder bei den Umständen gesucht wird. Wenn die Schuldsuche so verläuft, ist echte Vergebung und Versöhnung kaum möglich.

Der Glaube aber, so gilt es als Leitspruch für diese Woche, kann dieses Böse, diese Schuld überwinden. Wie soll das gehen? Hören wir dazu das Predigtwort für den heutigen Sonntag. Es steht geschrieben im Evangelium nach Markus im neunten Kapitel, die Verse 17 bis 27.:

[TEXT]

Eine Geschichte, liebe Gemeinde, wie wir sie uns heute kaum mehr vorstellen können. Zum Einen, weil die Medizin und die Diagnostik – Gott-sei-Dank – schon weiter ist, als in jenen Tagen. Hier wird wohl das Krankheitsbild der Epilepsie beschrieben. Wer heute diese Krankheit mit Dämonenaustreibung zu kurieren versucht, ist m.E. selber schon gefährlich für den ohnehin Kranken. Jesus freilich geht auf die Sprache seiner Zeit ein und benutzt diese Deutungsbilder, ohne ihnen allerdings Gültigkeit zu verschaffen. So spricht er den vermeintlichen Geist an mit: "du sprachloser und tauber Geist". Viel weniger Wertschätzung kann man einem Geist gar nicht angedeihen lassen. Es ist die gleiche Sprache, wie wenn das Volk Israel über die toten Götzen Baals-Anbeter lästert. Sie sind stumm und taub, das heißt: sie haben keine Macht.

Denn das entscheidende in dieser Geschichte geschieht an ganz anderer Stelle. Jesus spricht: "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!" Was für eine grandiose Aussage, liebe Gemeinde! Alles soll mir offen stehen, wenn ich nur glaube! Allerdings auch hier meint Jesus nicht das Erfüllungsdenken, das uns heute so stark im Griff hat. So nach dem Motto: "wenn ich nur stark genug glaube, dann werde ich sicher den Lotto-Jackpot nächstes Mal knacken."

Glauben, liebe Gemeinde, hat kein solches Ziel. Ich glaube nicht, um etwas zu erreichen. Da müsste ich ein ganz anderes Wort einsetzen. Da müsste ich sagen, um im Bild des Lotto-Spielens zu bleiben: ich tue etwas, um dieses Ziel zu erreichen, etwa in der Art, dass man mit einem bestimmten Geldeinsatz versucht, eine möglichst hohe Trefferquote zu erreichen, so unsinnig das vielleicht auch sein mag. Glauben aber heißt dieses nicht. Dort investiere ich nicht, um etwas anderes oder gar einen höheren Wert wiederzubekommen. Glauben heißt also nicht Gewinnsparen oder einen himmlischen Fond anlegen, es heißt auch nicht mit Mühe einen Acker zu bearbeiten, damit dann bei der nächsten Ernte viel eingefahren werden kann. Glauben, liebe Gemeinde, heißt in seinem tiefsten Sinne: Vertrauen. Jesus sagt also zu diesem Vater, der sich um sein Kind sorgt. "Warum vertraust du Gott nicht?" Und der Vater? Der sagt: "Ja, du hast Recht – ich bin ein Ungläubiger, weil ich nicht genug Vertrauen habe: hilf du meinem Unglauben, so will ich versuchen, zu vertrauen!"

Das, liebe Gemeinde, ist der Kern unseres Predigtwortes, das zu uns direkt in die heutige Zeit sprechen will. Denn dieses Wort vom Glauben benennt nochmals auf andere Art und Weise unser großes Problem. Wir haben nicht – wir können nicht und jederzeit dieses vollständige Vertrauen aufbringen. Es ist das Gleiche, von dem ich eben sprach: wir sind darin immer noch in der Ursünde gefangen, oder wie es Martin Luther ausdrückt: wir sind immer zugleich Gerechte und Sünder. Keiner von uns kann es je schaffen ganz und gar für sein Leben auf Gott zu vertrauen. Jeder von uns kennt die Situationen, in denen er zweifelt, Situationen, in denen er für die sogenannten "praktischen Dinge" des Lebens ganz und gar ohne Gott auszukommen scheint. Jesus aber, den wir als den Christus, den Sohn Gottes glauben, legt den Finger in diese Wunde und sagt zu uns: "Vergesst nicht, dass alles Ziel des Lebens darin besteht, Vertrauen zu eurem himmlischen Vater zu haben."

Euer Leben ganz und gar in seine Hände zu legen und zu sprechen: "dein Wille geschehe". Jesus weiß um unsere Unzulänglichkeit – er weiß, dass wir es nie ganz und gar und auf Dauer schaffen können. Deswegen reicht er uns die Hand. In unserem Predigtwort nimmt er dem Jungen seine Krankheit ab, als ein Zeichen, dass in Christus Jesus die Heilszeit begonnen hat und zur Unterstützung, damit die Menschen seine Worte besser verstehen können. Aber, liebe Gemeinde, die Erlösung von der Krankheit ist nicht das Ziel der Geschichte. Auch dieser junge Mensch musste später den Weg gehen, den wir alle gehen müssen: durch Leid und Tod hindurch und dann hinüber in ein neues, befreites und geheiltes Leben vor Gott, ohne all die Welt, d.h. ohne all die Unzulänglichkeit, die uns hier zu schaffen macht.

Jesus reicht uns also die Hand, er will uns helfen, dieses Vertrauen zu erlangen, den Glauben an Gott zu stärken und zu festigen.

Wir feiern heute Abendmahl, ein starkes Zeichen dieser Verbundenheit Gottes mit uns. Jesus reicht uns dort die Hand, dass wir schmecken können, wie nahe uns Gott sein möchte. Wer nach vorne geht, um sich Leib und Blut Christi zu holen, der muss keine Vorleistung erbracht haben. Er kann kommen mit seinen Zweifeln und mit seinem Unglauben, so wie es der Vater des kranken Jungen gemacht hat: "Herr ich glaube – hilf meinem Unglauben." Wer nach vorne kommt zum Tisch des Herrn, der darf ganz gewiss sein: Gott will für ihn persönlich da sein, er will ihm die Hand zur Vergebung und zur Versöhnung reichen. Darin und dadurch wird unser Glaube gestärkt, unser Vertrauen bekräftigt. Und dann, liebe Gemeinde, ist auch der nächste Schritt möglich. Zu erkennen, wo man selber gefehlt und geirrt hat und Versöhnung anstreben sollte. Wer dieses Vertrauen zu Gott finden kann, der wird in seinem Glauben die Welt überwinden können mit all ihren Fehlern und Makeln, die in uns selber liegen. Der wird Licht sein können, weil er die Welt ein Stückchen verwandeln kann mit der Kraft die Gottes Glaube ihn ihm wirkt.

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