Klage muss sein, aber auch Anklage muss sein!

Klagelieder:, 22-26 und 31-32

Liebe Gemeinde,

verwesende Leichen liegen in den Straßen, die Häuser zerstört, Plünderungen, Frauen und selbst Kinder vergewaltigt, die Felder verwüstet. Hat diese Stadt eine Zukunft? Kann sie wieder aufgebaut werden?

Nein, ich spreche nicht New Orleans, nicht von den Opfern der Flutkatastrophe im Süden der USA.

Ich spreche von Jerusalem im Jahre 586 vor Christus. So und wahrscheinlich noch viel schlimmer war die Situation in der Stadt nach der Zerstörung durch die babylonischen Truppen unter Nebukadnezar.

Verwesende Leichen liegen in den Straßen, die Häuser zerstört, Plünderungen, Frauen und selbst Kinder vergewaltigt, die Felder verwüstet

Wie sich die Erfahrungen der Menschen doch immer wieder gleichen, seit Jahrhunderten.

Herzzerreißende Geschichten von Not und Elend.

Das Buch der Klagelieder, aus dem der Bibeltext für den heutigen Sonntag stammt, beginnt denn auch mit den Worten: „Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war!“

Es folgt eine lange Klage, in der das Elend der Menschen damals deutlich beschrieben wird und vieles wird für uns zum konkreten Bild, wenn wir die Bilder der letzten Tage von der Flutkatastrophe im Fernsehen gesehen haben oder wenn wir an andere Schreckensbilder denken, die täglich auf uns einströmen.

Und dann in Kapitel drei lesen wir folgende Worte, das Bibelwort für den heutigen Sonntag:

22 Die Guttaten des Herrn sind noch nicht aus, ja, sie sind noch nicht zu Ende,

23 Jeden Morgen neu ist sein Erbarmen, und groß ist seine Treue.

24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.

25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.

31 Denn der HERR wird nicht auf ewig verstoßen;

32 wenn er betrübt hat, erbarmt er sich wieder nach der Fülle seiner Gnade.

Von der Verzweiflung zur Hoffnung! Wie schafft der Mensch es immer wieder neuen Mut zum Leben zu bekommen, trotz allem Elend und allem Leid, das er erfahren und erlitten hat, das ist die Frage am heutigen Sonntag.

Einige Überlegungen möchte ich dazu mit Ihnen teilen:

Klage darf und muss ihren Platz haben!

Das Buch Klagelieder zeigt wie es geht, indem der Schreiber, den die Bibel Jeremia nennt, über Seiten hinweg erst einmal sein Elend in Form einer Klage vorbringt.

Liebe Gemeinde,

der Mensch muss auch einmal seinen Schmerz und seine Enttäuschung aussprechen, ja auch mal seine Wut herausschreien.

Es ist notwendig, das, was uns betrübt, was uns auf der Seele liegt herauszulassen.

„Man muss doch auch man klagen können!“

Klagen ist nicht zu verwechseln mit jammern, wo Menschen denen es eigentlich gut geht so tun, als wären sie besonders schlecht dran.

Das Klagen ist die Form, in der wir den Lasten, die uns auf der Seele liegen, einen Weg nach draußen zeigen.

Über das, was schwer ist zu klagen, tut uns allen gut und Grund zur echten Klagen habe ja viele Menschen, nicht nur die Opfer von Kriegen und Naturkatastrophen, wie wir sie im Fernsehen sehen oder in der Zeitung lesen.

Die meiste Not und großes Elend spielt sich oftmals im Innersten des Menschen ab, vielfach ohne dass ein anderer etwas weiß und vielleicht auch nicht wissen soll.

Da ist eine Ehe zerbrochen und mit ihr eine ganze Familie. Was man über Jahre aufgebaut hat, zerrinnt wie Wasser in den Händen. Die Wunde will einfach nicht verheilen.

Krebs mit 49, das Ergebnis der Untersuchung war wie ein Stich ins Herz, wie wenn man einem Menschen den Boden unter den Füßen wegzieht. Alles ist ins Wanken geraten.

Die dritte Chemo scheint nicht anzusprechen.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Klage muss sein und für viele Menschen ist Gott der erste, dem sie ihr Leid klagen.

Da ist wenigstens jemand, zu dem wir reden können, immer wenn wir es wollen oder brauchen, im Stillen oder auch verzweifelt auf den Knien, oder vielleicht nachts, wenn uns die Sorgen und die Angst den Schlaf rauben.

„Gott des Lebens, Ursprung des Seins, der du in allem bist, dir klage ich mein Elend und meine Not“.

Klage darf und muss ihren Platz haben, weil uns die Klage hilft, das zu benennen, was uns wirklich drückt.

Klage muss sein, aber auch Anklage muss sein.

Wo warst du Gott? Warum hast du das Unheil nicht verhindert? Warum hilfst du mir nicht in meiner Krankheit? Du bist schuld an meinem Elend, weil du nicht eingegriffen hast!

Solche und ähnliche Fragen oder Anklagen kommen uns einfach über die Lippen.

Wenn es denn einen Gott gibt, dann soll er sich gefälligst auch unseren Frust, unsere Klage und Wut über seine Untätigkeit in der Welt anhören.

Das ändert zwar nichts am Elend, weil ich glaube, dass Gott nicht der allmächtige Weltenlenker ist, der hinter allem steckt was in der Welt an Bösen passiert und der nur seinen Finger bewegen müsste, um dies oder jenes zu ändern.

Aber Anklage muss sein, weil es der Versuch ist, einen Schuldigen für Ungerechtigkeit und Elend zu finden.

Das ist sicher eine gewagte Aussage, die ich aber verdeutlichen möchte.

Wenn aufgrund unseres unverantwortlichen Lebensstils die Erderwärmung steigt und dies sich verstärkt in Umweltkatastrophen wie jetzt in den USA auswirkt, dann müssen auch die angeklagt werden, die sich z.B. wie die US-Regierung seit Jahren standhaft gegen eine Verringerung des CO2 Ausstoß wehren.

Anklage muss sein, weil es den Menschen nicht als Opfer des Schicksals zurücklässt.

Wenn in Afrikas Million Menschen an Hunger sterben, dann ist das auch weder Schicksal oder göttlicher Wille, sondern Versagen von Politik. Manchmal der eigenen Regierungen vor Ort, meist aber auch die Folge von Unterentwicklung und einer gescheiterten globalen Entwicklungspolitik.

Anklage muss sein:

Der Schmerz der Mütter über ihre toten Kinder aus der Schule in Beslan, deren Drama sich vor einigen Tagen gejährt hat, wird dadurch gelindert, dass die Verantwortlichen benannt und zur Rechenschaft gezogen werden.

Denn: „Gerechtigkeit heilt!“ So lautet der Titel einer Menschenrechts – Tagung, die in wenigen Tagen in Bochum stattfindet und macht deutlich, dass die Gesellschaft durch ihren Kampf gegen die Straflosigkeit einen wesentlichen Beitrag zum Überleben und Heil-Werden von Menschen leisten kann.

Liebe Gemeinde,

neben diesen konkreten Beispielen wo Anklage möglich ist und sein muss, wissen wir in vielen Situationen von persönlichem Leid und Schmerz aber nicht wohin mit unserer Anklage. Die meisten Fälle von Krankheit und Tod haben keine klare Ursache.

Hier bleibt uns nichts anderes als die laute oder stumme Klage „Gott des Lebens, Ursprung des Seins, der du in allem bist, dir klage ich mein Elend und meine Not“.

Und es ist es gut zu wissen, dass es einen Gott gibt, der mit dem Menschen mitleidet.

Erst nach der Klage und Anklage kommt der Beter der Klagelieder, aus unserem Bibeltext, zu der Gewissheit, dass es ein Trotzdem gibt:

„Die Guttaten des Herrn sind noch nicht aus, ja sie sind noch nicht zu Ende. Jeden Morgen neu ist sein Erbarmen, und groß ist seine Treue. Der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“

Diese Gewissheit kann ich nur mit einem Bild umschreiben.

Wer weiß, dass er sich auf den Lauf der Sonne verlassen kann, der kommt zu diesem „dennoch“, auch wenn er zitternd im Dunkel über die Kälte der Nacht klagt.

Wer weiß, dass die wärmende Sonne sicher wieder kommt, der kann von dieser Hoffnung und der Gewissheit des Sonnenaufgangs auch in einer dunklen, kalten Nacht leben.

In diesem Sinne macht das Bibelwort Hoffnung und ermutigt uns daran zu glauben, dass Gott in dieser Welt immer und andauernd zum Guten wirkt.

Schmerz und Leid, Unglücke und Katastrophen, Krankheiten und Tod können Gott nicht aus dieser Welt drängen.

Die Klage wir nicht das letzte Wort sein – das Dunkel wird nicht siegen.

Diese Erde ist Gottes Reich: Jeden Morgen neu ist Gottes Erbarmen und groß ist seine Treue.

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