Der ewige Morgen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

"Menschliches Wesen, was ist´s gewesen? In einer Stunde geht es zugrunde, sobald das Lüftlein des Todes drein bläst." – so sangen wir zu Beginn des Gottesdiensts gesungen. So sangen wir in einem Morgenlied! "Alles in allen muss brechen und fallen….." – Das passt eigentlich so gar nicht. Wer morgens schon ein Lied auf den Lippen hat, der singt von Freude und frischer Luft, von einem wohlgemuten Aufbruch und neuen Kräften, der besingt den anbrechenden Tag und die Schönheit der Schöpfung. Die Vernichtung gehört in den Dichtung der Nacht und der Finsternis, …

Wir mögen uns also zunächst etwas wundern, liebe Gemeinde. Und dennoch: sind es nicht gerade solche Strophen in einem Morgenlied, die uns heute so erdrückend realistisch vorkommen? Wer von uns muss nicht an jedem wiederkehrenden 11. September daran denken, wie vor 4 Jahren, früh am Morgen, die Symbole der wirtschaftlichen, militärischen Macht und politischen Macht zum Teil wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen oder doch schwer bedroht nur um wenig einer Katastrophe entgingen ? Früh am Morgen war es, als das Symbol der wirtschaftlichen Stärke, das WTC wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel; wo das Zentrum der militärischen Weltmacht zu großen Teilen zerstört wurde. Unsere Aufmerksamkeit wurde schnell auf die Terrorbekämpfung gelenkt. Klugen Leuten aber mag bewusst geworden sein, wie leicht noch so ausgeklügelte Sicherheitsstandards zu umgehen, wie leicht unsere scheinbar festgebauten Metropolen zu zerstören sind. Wie verletzlich unsere gesamte sog. Zivilisation im Grunde genommen ist. Und heute? Wie viele Menschen, Tausende, wachen derzeit jeden Morgen auf, nur um in den Abgrund totaler Vernichtung zu blicken? Wir sind über die Fernseher an Katastrophen gewöhnt. Aber lässt uns nicht doch auch – so unendlich weit weg wie wir sind – der unfassbare Untergang einer ganzen Großstadt im reichen Teil der Welt erschauern?

Der neue Morgen: ein Anblick der Vernichtung! Ich möchte euch nicht ersparen, dass auch unser Predigtwort für heute dieses Grauen aufnimmt. Unser Predigtwort klingt so wunderbar – und doch, denke ich, verstehen wir es erst recht, wenn wir sein Umfeld, das Grauen um diese Worte herum, wahrnehmen.

Das sog. Biblische Buch der Klagelieder, gleich hinter Jeremia zu finden, besteht aus 5 Kapiteln, die in unserer Lutherübersetzung unter einen einzige Inhaltsangabe gefasst ist. Dort heißt es: Klagen und Gebete nach der Zerstörung in Jerusalem. Kapitel 1-5.

Zeile um Zeile, Vers um Vers werden wir ZeugInnen davon, wie Jerusalem, die "Stadt Gottes", "Gottes Heiliger Berg", die "Stätte seines Wohnens", des "Herrn Tempel", der "Fußschemel seiner Füße", verfällt, den Plünderern preisgegeben wird, den mordenden und brandschatzenden Feinden, zum Gespött seiner Nachbarn wird. Wie die Bevölkerung, die Kinder Israel, das Volk Gottes im Krieg fällt und zu Hause verhungert, wie die Sitten und die Menschlichkeit verrohen in Hunger und Chaos. – Und wie die Unschuldigen, insbesondere die kleinen Kinder elendiglich zugrunde gehen. Zugrunde gehen stellvertretend für Krieg und Schuld, den andere begangen haben.

Mitten in all diesem Grauen aber dieses wunderschöne Morgenlied: "Die Güte des HERRn ist´s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. ( … )"

Wer, liebe Schwestern und Brüder, kann in einem solchen Elend noch so singen? Nur der- oder diejenige, welcher in den Augen Außenstehender einen naiven Glauben hätte, oder derjenige, der gern als religiös verblendet dargestellt wird?? –

Liebe Gemeinde, nein, so ist es nicht. Wer hier, inmitten all des Grauens und der Verlassenheit das Loblied Gottes anstimmt, ist weder naiv noch verblendet – nein. Sondern er ist uns ein "Hell-Seher". Eben weil er nicht naiv, sondern geradezu besonders klar hinsieht. Wo andere in´s endlose Dunkel stürzen, darf er schon Helle und Lichterschein sehen. Das aber kann er kraft seines Glaubens. Der Glaube hilft ihm einen klaren Blick zu gewinnen, der so manchem Abgeklärten – aber eben auch dem resigniert Verbitterten abgeht.

Was genau sieht dieser singende Mensch also mit dem klaren Blick des Glaubens?

1.) Er sieht das Elend! Das ist nicht spektakulär, werdet ihr sagen. Aber ich will es noch einmal betonen, weil uns Glaubenden nur allzu oft vorgeworfen wird, wir würden die Dinge beschönigen und schönreden. "Betet zu Gott, dann wird alles wieder gut!"? – von solchen Einfachheiten, ist der Beter der Klagelieder weit entfernt! Er sieht das Elend und setzen sich ihm ungeschont und ungeschönt aus.

2.) Er wirft all das Elend Gott für die Füße. Ja, so muss man es wohl sagen. Das Elend wird nicht runtergeschluckt, es wird nicht beschönigt vor Gott. Immer wieder; wie eine Litanei ist es, von der man sich vorstellen kann, dass sie Tage, Monate und vielleicht Jahre gedauert haben mag.

3.) Mehr noch: der Glaube scheint zeitweilig verloren zu sein ("Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den Herrn sind dahin"!), Gott wird auf das bitterste angeklagt: "Wie hat der Herr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet!, … er hat seine rechte Hand zurückgezogen, als der Feind kam, … er hat seinen Bogen gespannt wie ein Feind, … Der Herr ist wie ein Feind geworden, er hat Israel vertilgt; der HERR hat seinen Altar verworfen und sein Heiligtum entweiht." Ich zähle das auf, um aufzuzeigen, dass sich hier niemand vor tiefsten Anfechtungen des Glaubens gedrückt hat.

4.) Aber zugleich – und das ist, meine ich in unseren Tagen ein großes Aber: noch die bitterste Enttäuschung und die bitterste Anklage richten sich nicht in´s Leere. Sie wendet sich nicht ab von diesem enttäuschenden Gott. Im Gegenteil: Sie bittet, gar fordert den sich abwendenden Gott zurück. Mehr noch: Sie hält an Gott fest, als der längst losgelassen hat.

5.) Vielleicht liegt das daran, vielleicht liegt es an diesem unbedingten Festhalten an Gott, dass sich kein Selbstmitleid in die Klagen mischt. Unendliche Trauer im Angesicht der Zerstörung und Gewalt und ein vielleicht noch größeres Mitleiden, vor allem mit den unschuldig Umkommenden, das schon. Aber kein Selbstmitleid. Nicht diese Einstellung, die sich rücklings, unerwartet und vor allem unschuldig von einem Schicksalsschlag vernichtet sieht. Das Bemerkenswerte ist im Gegenteil – und das möge uns zum glaubenden Vorbild werden: in den Augen des Beters gibt es für ihn und die ihn Umgebenden diese Unschuld nicht. Sie alle sieht er schuldig vor Gott. Konkret schuldig geworden, auch wenn es sich nur erahnen lässt: durch falsche Bündnispartner, vielleicht Großmannssucht in der Außenpolitik. Durch unstabile Verhältnisse im Volk selbst, die innere (nicht so sehr äußere!) Abkehr von Gott, die sich in Gewinn- und Geltungssucht und sozialer Ungerechtigkeit widerspiegeln Und in allem ganz konkret genannt das Versagen der geistlichen und der politischen Führung, der Priester, der falschen Propheten und der Fürsten, die es an Warnung und Mahnung haben fehlen lassen.

Anstelle von Unschuldsbeteuerungen also Eingeständnisse von Schuld, und an Stelle von Schicksalsmächten ganz konsequent die Urheberschaft auch all des nun hereinbrechenden Schreckens bei Gott.

Erschüttert und beeindruckt zugleich bin ich von diesem für beide Seiten schonungslosen Aufdecken und Vergegenwärtigen des Geschehens. Es ist auch etwas, dass ich in der Aufbereitung und all den Folgen der Terroranschläge des 11. Septembers oft vermisst habe: dass auch über die eigene Schuld, unsere, die des Westens nachgedacht wird: hat nicht der Westen selbst durch seine Ausbeutung erst möglich macht, einen solchen Hass zu schüren und den Hassern so viel Zulauf zu verschaffen.

Damit möchte ich keine Terroristen freisprechen – auch in den Klageliedern werden die Feinde niemals als rechtschaffen angesehen. Feinde sind sie, denen ebenfalls die eigene Abrechnung angesichts ihrer Greueltaten droht. (Daran sollten wir denken, wenn wir uns in vermeintlich gerechten Kriegen zu Werkzeugen vermeintlich gerechter Dinge machen lassen). Nein, Feinde sind und bleiben sie. Aber sie sind nicht blind-wütendes Schicksal, sondern Material in der Hand Gottes und damit eine Anklage Gottes an uns selbst. (Daher vielleicht die ungewöhnliche Haltung, die durch den biblischen Text durchschimmert: Selbstbesinnung an Stelle von Gegengewalt)

Dann aber das Erstaunliche und Anrührende, das ohne die Hoffnung des Glaubens unverständlich bleibt: mitten aus dem Elend und der Selbstbesinnung heraus bricht ein Lobgesang, das wunderschöne Morgenlied, das die Worte unseres Predigtwortes formt. Es ist das Morgenlied dessen, der sich ungeschminkt der ganzen Wahrheit und seiner ganzen Wahrheit gestellt hat. Eine Wahrheit, die sich ihm erst im Glauben überhaupt ganz auftut. Eine Wahrheit, die sich in allem, auch in der größten Gottverlassenheit, ganz auf Gott geworfen sieht und deshalb nicht anders kann, als doch wieder alle Hoffnung und Zuversicht aus Gott zu schöpfen. Jeden Morgen neu.

An jedem Morgen, den diese Schöpfung erlebt, vollzieht sich inmitten all unseres Unglücks schon ein wenig von diesem Wunder. Der Morgen ist uns darum auch zum Sinnbild für den ewigen Morgen geworden, dem wir entgegen gehen. Er hat begonnen in dem Morgen der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Er vollendet sich in dem Morgen auch unserer Auferstehung. Das verleihe uns der barmherzige Gott.

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