Was bringt das?

Letzten Sonntag haben wir gehört, was das Wandeln mit Gott so attraktiv macht. Da kommt eine Linie ins Leben. Wir können uns ausrichten an dem, der uns Orientierung gibt: Jesus, der gute Hirte. So weit, so schön.

Aber man könnte daraus den Eindruck gewinnen: Christsein ist also ein eigentlich normales Leben, nur mit mehr Zuversicht. Ich lebe so wie die anderen, aber ich weiß eben Gottes Engel um mich, ich weiß um ein Leben nach dem Tod, dann ist da noch die kirchliche Bindung, alles schöne Dinge, die mein Leben absichern.

Aber wie wir schon im Evangelium gehört haben von den Lilien auf dem Felde: Es sind gerade nicht die diversen Sicherheiten, die einen Gläubigen sorglos machen. Es ist im Gegenteil ein Getrostsein ohne Netz und doppelten Boden. Denn das hat ein Christenmensch, der es ernst meint mit der Nachfolge, hinter sich gelassen. So wie Petrus und seine Kollegen. "Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt!"

Was haben sie denn aufgegeben? Beziehungen. Besitztümer. Einen langjährigen Arbeitsplatz. Kurz: Sicherheiten aller Art. Was haben sie dafür bekommen: Offenbar keine neuen Sicherheiten. Das macht sie jetzt nervös. Damals, als sie sich Jesus angeschlossen hatten, haben sie darüber nicht groß nachgedacht. Auf Lohn wurde anfangs nicht spekuliert. Es wurden keine Verträge geschlossen. Sie waren einfach ergriffen, einfach fasziniert von Jesus.

Aber nun hat sie ein Erlebnis ins Nachdenken gebracht. Da war dieser reiche junge Mann. Er war auch kurz davor, seine Sicherheiten dranzugeben für ein Leben mit Jesus. Aber dann schreckt er doch zurück. Er kann sich nicht trennen von dem, was sein Leben so bequem macht. So lebt er in Zukunft zwar ohne Jesus, aber mit allerlei Annehmlichkeiten, um die ihn viele beneiden. Sogar die Jünger. Sie stellen heimlich Vergleiche an. Und Petrus spricht aus, was alle denken: Was bringt das? Was haben wir eigentlich davon, Jesus, dass wir dir alles zur Verfügung gestellt haben, alles verlassen haben?"

Jesus gibt darauf eine dreifache Antwort:

1. Wer hat, hat nichts!

2. Wer halb hat, verliert alles!

3. Wer nichts hat, empfängt!

Da war dieser junge Mann. Er war kurz davor, sich ihnen anzuschließen. Er war bereit. Ein Mann mit Einfluss, mit Ansehen, mit Wohlstand, mit Macht. Er hatte gefragt: "Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?" Er fragte so, weil er nicht zufrieden war. Er hatte alles und empfand doch Mangel. So wie heute. Viele, immer noch sehr viele, haben alles und empfinden Mangel. Sie jagen deshalb von einer Abwechslung zur andern. Man könnte ja versäumen, wo wirklich was Gutes abgeht. Am gleichen Samstag Werder, Weinfest, Wahlparty, Videonacht? Macht nichts, nehmen wir alles mit. So zieht man sich die Fülle rein und bleibt doch leer. Wer hat, hat nichts.

Manchen ist der Mangel bewusst, anderen nicht. Sie empfinden das als Sehnsucht und wissen nicht, wonach sie sich sehnen. Sie haben sich materielle Werte angeschafft und kommen nicht zur Ruhe. Der Mensch kann nicht gefüllt werden mit Dingen, die er selbst machen kann. Das, was wir machen, verbraucht uns. Nichts von dem was du tust, füllt dich aus. Nichts von dem was du hast, füllt dich aus. Du brauchst ein Geheimnis, das größer ist als du selbst.

Es ist das Geheimnis der Liebe. Weil wir nach Gottes Liebe hungern, empfinden wir Mangel, den Mangel unseres Lebens. Umgekehrt auch: Weil Gott dich braucht, damit seine Liebe erwidert wird, hat er einen Mangel. Das Blut, das Jesus am Kreuz vergossen hat, verkündet dies Geheimnis: Was Gott einsetzt, weil er nach dir sucht, weil du ihm so fehlst. Das ist dein Wert. Du bist nicht so wertvoll, weil du so viel hast. Du bist nicht so wertvoll, weil du so gut aussiehst. Du bist nicht so wertvoll, weil du so klug bist.

Du bist so wertvoll, weil Gott dich liebt und dir Jesus nachschickt. Das ist die große Suchaktion Gottes, damit die Liebe erfüllt wird zwischen ihm und dir, zwischen dir und ihm. Und so sucht Jesus auch diesen jungen Mann. Der hatte gefragt, was muss ich tun? Jesus hatte gesagt: Du kennst die Gebote. Du sollst nicht ehebrechen, Du sollst nicht töten, nicht stehlen, ehre Vater und Mutter." Klar doch, hatte der junge Mann ungeduldig unterbrochen, kenne ich, hab ich alle gehalten von Jugend auf! Und dann schaut Jesus ihn ganz ernst an und sagt: Gib alle Sicherungen deines Lebens auf und verlass dich allein auf Gott. Verkaufe alles, was du hast und gibs den Armen und dann komm, folge mir nach. Als er das aber hörte, ging er traurig davon, denn er war sehr reich. Sicher ist das ein extremer Fall gewesen. Nicht jeder hat so viel wie dieser reiche junge Mann.

Deshalb das zweite: Wer halb hat, verliert alles! Diese Gruppe Menschen kommt in unserm Predigttext nicht vor. Die hier genanten Extreme begegnen einem ja begegnen: Der Reiche, der nicht lassen kann, die Armen, die die letzten Sicherheiten aufgegeben haben im Wagnis des Glaubens.

Dazwischen steht die Art Leute, die mir täglich begegnen. Die halb haben und alles verlieren. Da sind die Schlaumeier, die meinen, so ein bischen fromm, aber im übrigen sorge ich für mich. Das sind die, die meinen: Jesus, du kannst doch eigentlich ganz zufrieden sein mit mir. Du siehst doch, ich bin deiner Kirche treu geblieben. Ich spende sogar ab und an und wirklich Jesus, ich bin bereit dir zu folgen, aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Und die Grenze heißt, hier müsste ich aufhören zu bestimmen und du bestimmst. Aber da spielt Jesus nicht mit.

Es gibt eine Geschichte in der Bibel mit einem mysteriösen Todesfall. Auch eine Geschichte mit Petrus. Würde sich auch eignen als Kriminalfall für die neue Jungschar, den Club der Detektive. Es war nach Ostern, die erste Gemeinde war entstanden und wuchs. Und wo was wächst, muss auch was investiert werden. Da wird nun berichtet von dem Ehepaar Ananias und Saphira. Die verkaufen ein Grundstück und geben den Erlös in der Gemeinde ab und sagen den Leitern, also den Aposteln: Das ist alles für Gottes Arbeit, alles, was das Grundstück gebracht hat. Es war nämlich gerade so eine umfassende Spendenaktion angelaufen und die beiden wollten sich da auch einreihen. Aber sie verschweigen dabei, daß sie ein Gutteil für sich beiseite gelegt haben. Und sie werden bei dieser Lüge ertappt. Nicht weil es einen Zeugen gegeben hätte, sondern der Heilige Geist öffnete dem Petrus die Augen und in Vollmacht konnte er sagen: Ihr habt Gott belogen! Die sind buchstäblich zu Tode erschrocken, sie sterben auf der Stelle.

Von denen hatte nun niemand verlangt, sie sollten ihren Grund und Boden versilbern und herschenken. Sie taten es von sich aus, aber nur halb. Wer halb hat, verliert alles. Und nun drehen wir die Uhr wieder zurück zu jener Stunde als Petrus mal die Kosten überschlagen wollte mit dieser wichtigen Frage: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt! Was haben wir davon?

Gut gefragt, Petrus! Gut dass er so unverschämt fragt und ein für allemal die rechte und gültige Antwort kriegt. Diese Antwort wird ihn tragen in jener Stunde, wo sein Heiland stirbt und nichts mehr übrig bleibt von dem, wofür er alles eingesetzt hat. Die Antwort lautet: <i>[V.29f lesen]</i>

Mit andern Worten: Wer nichts hat, empfängt. Petrus redet ja hier als einer, der schon auf dem Weg ist mit Jesus. Als einer, der das Eigene verlassen hat um des Besseren willen bei Jesus. Im Nachhinein staunt er, wie er all seine Sicherheiten so leicht hat aufgeben können. Petrus und seine Gefährten Andreas, Jakobus und Johannes, die hatten ja alles aufgegeben, was sie hatten: Boot und Geschäft, ihren Heimatort, ihre vertrauten Beziehungen.

Natürlich war es ungleich weniger als jener Reiche hatte. Aber auch Arme besitzen Dinge, an denen sie hängen, die ihnen Sicherheit versprechen. Ein Haus, eine Familie, einen Arbeitsplatz, der sie schlecht und recht ernährt. Schon vorher hatten die Jünger wenig besessen. Und nun besitzen sie gar nichts mehr. Kein Zuhause, keine Arbeit, und keine Familie. Sie leben von dem, was andere ihnen geben. Sie sind Jesus gefolgt durch Hitze und Kälte, kein Hilton hat auf sie gewartet, eher die Flöhe in einer zugigen Höhle.

Natürlich muss Nachfolge nicht überall so spektakulär aussehen. Man muß nicht gleich wie Albert Schweitzer den Lehrstuhl im Elfenbeinturm der Uni eintauschen gegen einen Holzschemel im Urwaldzelt. Da lässt sich einer in den Kirchenvorstand wählen und hat nun weniger Zeit für die bisherigen Treffs mit den Kollegen. Dafür erntet er nur Unverständnis. Und die Frage: Wofür tust du das eigentlich? Nachts bis Mitternacht über Verwaltungsfragen debattieren, die Mitarbeiter bei Laune halten, mit der Kirchenleitung verhandeln, du kriegst doch nichts dafür? Oder?

Vielleicht ist der Petrus ähnlich gefragt worden. Er hätte sagen können: Wisst ihr, Jesus ist uns wichtiger. Aber er brauchte doch was zum Vorzeigen. Zugleich zieht er die Bilanz seines Lebens: Was hab ich aufgegeben, was hab ich bekommen, was bekomme ich noch? Hast du schon einmal so gefragt? Schau doch mal zurück. Jeder für sich: Was habe ich aufgegeben?

Das darf man ruhig einmal fragen: Was habe ich festgehalten? Was habe ich bekommen? Was werde ich bekommen? Auch wenn du dich noch nicht zu denen zählst, die mit Gott wandeln, solltest du diese Berechnung einmal anstellen. Ich hab das mal für mich gemacht. Ist nichts Spektakuläres bei raus gekommen, aber doch eine große Bestätigung dessen, was Jesus hier verspricht.

Was habe ich aufgegeben? Als Pastor hier auf dem Gelände ist es das Privatleben. Es ist nicht direkt aufgegeben, aber sehr beschnitten. An den Abenden Veranstaltungen oder Sitzungen, tagsüber tagsüber Besuche machen, ist man daheim, kommen Menschen mit Sorgen. Immer wieder unterbrochen werden. Eine Arbeit in Ruhe anfangen und vollenden, gibt es nicht mehr. Das habe ich aufgegeben.

Was habe ich festgehalten? Kleine Freuden, Dinge, die ich mir gönne. Mal ein Glas Wein oder eine Pfeife an einem ruhigen Abend, in der Computerzeitschrift stöbern, ins bequeme Auto steigen. Die Sicherheit eines beamtenähnlichen Postens bei der Kirche. Ich möchte aber bereit sein, solche Dinge loszulassen, wenn ich den Eindruck habe, Jesus möchte es jetzt.

Was habe ich bekommen? Eine tolle Frau, mit der ich seit vielen Jahren glücklich verheiratet bin. Ein Haus mit Garten. Vor allem die feste Gewissheit der Gegenwart Gottes. Ein tiefes Vertrauen zu seinem Wort. Das Gefühl, gebraucht zu werden, wichtig zu sein. Menschen, die mir von Herzen Gutes wünschen und viel Vertrauen entgegen bringen.

Was werde ich noch bekommen? Ein Platz in Gottes kommendem Reich. Dort Gott nahe sein, die Ewigkeit genießen Und je älter ich werde, je näher rückt dieses Glück. Und nun frage ich noch mal jemand anders, wie es bei ihm war mit dem Aufgeben und Wiederbekommen. Keine Angst, ich trete niemand zu nahe.

Ich frage Jesus. Was hat er aufgegeben? Was hat er behalten wollen? Was hat er bekommen? Was wird er bekommen? Was hat er aufgegeben? Alles. Die unmittelbare Gegenwart Gottes hat er aufgegeben. Er ist heruntergekommen in unser Elend. In unsern Schmutz. Er hat seine Unsterblichkeit, seine Gottgleichheit wirklich aufgegeben. Er wurde ganz Mensch. Dort als Mensch in Nazareth hat er seine Familie verlassen, seinen Beruf als Zimmermann, alles zurückgelassen. Und er hat sein Leben hergegeben. Verachtet stirbt er am Kreuz. Er verliert seine Ehre, verspielt die in ihn gesetzten Messiashoffnungen. Er hat alles gegeben. Freiwillig dies, unfreiwillig jenes. Alles hergegeben oder hergeben müssen.

Was hat er zurückbehalten? Nichts. Er war ganz Mensch ohne jede letzte Sicherheit. Keine last minute Rettungsaktion kurz vor seiner Verhaftung. Nichts bleibt ihm, selbst das letzte Hemd wird unter den Soldaten verlost.

Was hat er bekommen? Von den Menschen Undank und Unverständnis. An irdischen Gütern hat er nichts wiederbekommen. Aber von Gott bekommt er die Bestätigung seines Gehorsams. Jesus wird auferweckt von den Toten. So bekommt er am Ende die Herrlichkeit, Er sitzt zur Rechten Gottes, ihm ist alle Macht gegeben.

Was wird er noch bekommen? Menschen, die alles aufgeben und zurücklassen um Jesu willen. Uns soll er bekommen. Dich soll er bekommen!

Was habe ich davon, hatte Petrus gefragt? Wir brauchen die Gelassenheit des Glaubens, wenn uns die gleiche Frage unruhig macht. Die Gelassenheit, dem nicht nachzuhängen, was wir aufgegeben haben, oder was uns in schwerer Zeit weggenommen wurde. Wir brauchen die Bereitschaft, loszulassen, wenn weiteres von uns gefordert wird. Wir brauchen den Blick für das, was uns durch Jesus schon geschenkt ist und noch geschenkt wird.

In uns steckt das nicht. Wer hier meint, zu haben, hat nichts, wer halb hat, verliert alles, aber wer nichts hat außer diesem Herrn, der empfängt.

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