Ein befreiter Blick auf das Leben

<i>[Vorbemerkung: Abweichend von der Ordnung der Lesungen nehme ich die Geschichte vom reichen Jüngling aus Lk. 18,18-27 als Evangelium. Das passt besser zur Predigt.]</i>

Ich kann sie mir vorstellen: Die Jünger, wie sie die Köpfe zusammenstecken und tuscheln. Eben erst hat wieder einen der Mut verlassen. Er wollte einer von ihnen werden. Gute Vorsätze hatte er gehabt – und Geld! Von seinem Reichtum hätte die ganze Gruppe profitiert. Endlich ein Jünger mit Geld! Das wär’ gut, vor allem gut für’s Image.

Ein reicher und frommer Mann – das ist ein echter Glücksfall. Jesus wäre dumm, ihn abzuweisen.

Das macht Jesus nicht. Er stellt ihn vor die Entscheidung:. Nur wer alles aufgibt, wird selig. Nur wer radikal verzichtet, ist Gott wirklich nah. „Verschenke deinen Reichtum und folge mir nach!“, antwortet Jesus dem reichen Jüngling – und zeigt ihm damit die Grenzen auf. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Ganz oder gar nicht. Ein bisschen Nachfolge ist zu wenig Nachfolge. Und dann kommt der berühmte Satz: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt!

So hart kann Jesus sein, so unerbittlich. Das Reich Gottes fordert Tribut. Alles oder nichts. Nur wer alle Brücken zum alten Leben abbricht, wird dafür belohnt.

Harte Worte. Hart nicht nur für unsere Ohren. Hart auch für die Ohren seiner Zuhörer damals. Gib alles auf, was du hast, lass alles los, was dich bindet – auch deine Familie, die dich braucht – und folge mir nach. Und sie folgen ihm – so stark sind seine Worte und so groß ist die Hoffnung, die sie in ihn setzen. Sie folgen ihm – ins Ungewisse..

Und dürfen sich als Elite fühlen, als Auserwählte: Petrus und die anderen! Lassen ihre Familien zurück, tauschen ihre Werkstätten und Fischerboote gegen ein ungesichertes Leben. Radikaler geht’s nicht!

Jetzt haben die Menschenfischer auch noch einen richtig dicken Fisch an der Angel – und dann dieser Frust!

Immer schon mal wollten sie ihn fragen, wofür sie das alles eigentlich auf sich nehmen: den Verzicht, die Gefahren, den Spott. Und hatten sich nie getraut, weil sie wissen, wie hart und manchmal auch unbeherrscht Jesus reagiert, wenn jemand Zweifel an seiner Mission erkennen lässt.

Jetzt ist die Zeit reif dafür. Und weil Petrus den besten Draht zu Jesus hat, schicken sie ihn vor. Das Lukasevangelium erzählt:

Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. Lk.18,28-30

O, wie gut ich sie verstehe, diese Jünger! Und wie sehr sie mir aus dem Herzen sprechen! Keine Frage brennt mir so oft auf den Lippen wie die nach dem Nutzen. Keine Frage drängt sich so häufig in mein Leben: Was bringt mir das? Was bekomme ich dafür? Was habe ich davon?

Als Pfarrerin, als Mutter, als Freundin.

Es bleibt ja nicht auf den Glauben beschränkt. Da regt sich ein ganz starkes Bedürfnis: nach Anerkennung, nach Ausgleich, nach Gerechtigkeit. Dieses Bedürfnis steckt in jedem Menschen, egal ob berufstätig oder nicht. Dass man nicht nur gibt, sondern auch empfängt. Dass man nicht nur leistet, sondern auch belohnt wird. Dass das Ergebnis die Mühe rechtfertigt.

Ein verständlicher Wunsch. Und ein ärgerlicher zugleich. Denn als Christen – und als evangelische sowieso – haben wir ja gelernt, dass Glaube nicht nach dem Verdienst fragt, sondern zweckfrei ist. Glaube ist kein Geschäft. Glaube ist die Beziehung des Menschen zu Gott. Und die Erfahrung sagt: Eine Beziehung stirbt, wenn einer anfängt aufzurechnen.

Glaube ist kein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Glaube rechnet nicht auf. Das ist ein reformatorischer Kernsatz, urevangelisches Prinzip sozusagen.

Aber wie das mit Prinzipien so ist: Sie haben mit dem wirklichen Leben manchmal ziemlich wenig zu tun.

Der Evangelist Matthäus formuliert die Frage noch deutlicher: „Wir haben alles für dich verlassen“, sagt Petrus, „und was bekommen wir dafür?“

Das ist die Frage nach Gelingen und Scheitern im Leben. Und sie hat viele Facetten: Was habe ich davon, dass ich mich in meinem Beruf aufreibe? Was bekomme ich dafür, dass ich meine Kinder erziehe? Was bringt es mir, dass ich mich ehrenamtlich engagiere? Was bringt mir dies, das und jenes?

Wer arbeitet, will Früchte sehen. Glück, Zufriedenheit, Anerkennung kommen nicht von selbst. Wer im Beruf aufsteigen will, zahlt seinen Preis dafür: gesundheitlich, privat. Wer eine glückliche Ehe führen will, muss u. U. auf die Karriere verzichten. Man kann nicht beides haben. Entweder oder.

Was bekomme ich dafür? – das ist die Frage nach der Größe des Tributs – nennen wir ihn Verzicht, Opfer, Anstrengung, Leistung oder Risiko. „Es wird einem ja nichts geschenkt“, „Ohne Fleiß keinen Preis“, „Wenn ich`s nicht mache, macht`s ein anderer“ – das ist alles irgendwo richtig und unumgänglich. Aber an diesen Prinzipien sind eben auch schon Wertmaßstäbe, Beziehungen, Menschen zerbrochen. Die Erfahrung sagt: In den allermeisten Fällen geht die Rechnung nicht auf. Und du stehst vor der Erkenntnis: Nicht immer liegt alles an dir alleine, im Guten wie im Bösen. Da gibst du alles für die Karriere – trotzdem bekommt ein anderer den begehrten Posten. Du strengst dich an – trotzdem geht die Firma pleite. Du glaubst, dass in deiner Ehe alles stimmt – und dann lässt dein Partner dich sitzen. Du versuchst, deinen Kindern ein Vorbild zu sein, Werte zu vermitteln und sie zu verstehen – trotzdem werden sie vielleicht Wege gehen, mit denen du nicht einverstanden bist, und man fragt sich: Was habe ich falsch gemacht?

Vielleicht liegt die Antwort auf alle diese Fragen in der simplen Erkenntnis, dass „alles tun“ in Wahrheit nie genug ist.

Vielleicht ist es auch gar nicht möglich.

Und wahrscheinlich ist es sogar gut, dass es so ist.

Gut, dass im Leben diese sogenannte Gerechtigkeit öfter mal auf der Strecke bleibt. Gut, dass es immer wieder mal auch barmherzig zugeht, dass nicht immer verglichen und aufgewogen wird nach der Devise: „Das hast du geleistet, das bekommst du dafür.“

So denkt Petrus: Ich habe alles für dich getan, Jesus! Ist das noch immer nicht genug? Er ist ein Elitejünger, jedenfalls fühlt er sich so. Von Anfang an ist er Feuer und Flamme für Jesus, gibt alles auf für die Aussicht auf das Himmelreich. Nicht alle, die Jesus begegnen, folgen seinem Beispiel. Viele lassen ihr Wurzel dort, wo sie sind. Am Ende bezahlt er seinen Radikalismus mit einer Enttäuschung. Unter dem Kreuz steht er auch vor den Trümmern seines Lebens. Für den, der alles getan hat, rückt das Himmelreich in weite Ferne.

Am Ende muss er sich eingestehen, dass er in Wahrheit nie losgelassen hat. Dass er viel, aber nicht genug getan hat, um ans Ziel zu kommen. Und dass es von Anfang an eine Illusion war zu glauben, das könne aus eigener Kraft gelingen.

Mir schenkt diese Geschichte Gelassenheit und Zuversicht. Als Christin sagt sie mir: Das Reich Gottes ist mehr als die Kirche, mehr als die Gemeinde und mehr als die Summe einzelner oder gemeinsamer Anstrengungen. Als Mutter sagt sie mir: Das Glück meiner Kinder liegt nicht allein in meinen Händen. Alles in allem sagt sie mir: Fordere nicht das Unmögliche – nicht von dir selbst, nicht von deinen Nächsten, nicht von Gott.

Ein Leben, in dem sich nicht alles verrechnen lässt, ist mir allemal lieber als eines, in dem nur ich für das Gelingen verantwortlich bin. Dieser befreite Blick auf das Leben heißt für mich: Glauben.

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