Berührungsängste

Liebe Gemeinde,

ein Bekannter von mir bekam vor einigen Jahren plötzlich eine infektiöse Gelbsucht. Obwohl er ein "öffentlicher" Mensch ist, jemand, der schon alleine beruflich mit vielen Leuten Kontakt hat, hat ihn auf der Inneren Station im Krankenhaus fast niemand besucht. Er lag da über Weihnachten und Neujahr, und die Ansteckungsgefahr war in diesem Stadium der Krankheit längst gebannt, dennoch meinten viele, denen ich sagte, ob sie nicht mal mitkommen möchten: "Das Risiko ist mir zu groß". "Ich komme mir vor wie aussätzig", empfand der Kranke. Und obwohl er nur einige Wochen in der Klinik zugebracht hat, hat ihn das sehr getroffen.

Ich selbst bin Allergikerin und hatte einige Jahre lang häufig mit Hautausschlägen zu tun. Obwohl eine Allergie ja gar nicht ansteckend ist, haben da viele Menschen Berührungsängste. Vielleicht hätte ich zu Jesu Zeiten auch "unrein" rufen müssen und mich nicht in der normalen Gesellschaft bewegen dürfen? Wenn ich mir nun vorstelle, dass dazu auch noch das Wissen darum kommt, dass meine Krankheit unheilbar ist und weiter fortschreitet, so kann ich mir annähernd vorstellen, wie es dem Mann zumute war, der da zu Jesus kommt und voller verzweifeltem Vertrauen sagt: "Willst du, so kannst du mich reinigen." Er hat nur diese eine einzige Hoffnung, die ihn zurückbringen könnte unter "normale" Menschen. Und wenn Jesus nun sagen würde "ich will nicht" oder einfach vorbeiginge?

Aber "es jammert ihn", vermutlich buchstäblich. Wer einmal im vorderen Orient oder in Afrika war, wo noch heute viele Menschen mit Behinderungen und Krankheiten auf ein Bettlerdasein angewiesen sind, der kennt die lauten Klagen Behinderter und von Menschen mit Geschwüren, die einen durch Straßen verfolgen können. Und wenn man einem der Menschen in die Augen geschaut hat und ihm etwas Geld zugesteckt hat, dann spricht es sich herum wie ein Lauffeuer, man ist am Ende materiell und emotional völlig überfordert. War es das, was Jesus vermeiden wollte, als er den Geheilten so rasch wegtreibt und ihm Stillschweigen geboten hat? Hat er gefürchtet, von Hilfesuchenden "aufgefressen" zu werden – wie es ja im Folgenden auch angedeutet wird?

Viele Theologen haben sich Gedanken um die wiederholten Stillschweigegebote im Markusevangelium gemacht, die in der Fachsprache unter den Begriff "Messiasgeheimnis" fallen. Ganze Doktorarbeiten wurden darüber geschrieben. Jesus wollte, dass nicht um seiner Wunder willen an ihn geglaubt wird, sondern um seiner Botschaft willen, so zum Beispiel die Meinung von Albert Schweizer, der ja auch ein bedeutender Theologe war. So jedenfalls hat Jesus sich selbst auch verhalten. Und er gibt dem Mann ja auch genaue Verhaltesregeln mit. Verhaltensregeln, die ihm sozusagen bei der Resozialisierung helfen sollen. Er soll den ganz normalen offiziellen Weg gehen, sich als Gesunder dem Priester zeigen, der damals sozusagen als "Gesundheitsbehörde" zuständig war und damit wieder die Eintrittskarte in die Gesellschaft erwerben. Jesus will ja nicht heilen, um dadurch Aufsehen zu erregen und die Amtskirche von damals ans unfähig hinzustellen. Er will dem Mann, der da wegen seiner Krankheit ausgegrenzt ist, nur den Weg zurück in ein normales Leben öffnen. Wer der Auslöser der Heilung war, das ist für diesen Vorgang unwesentlich. Niemand wird ja heutzutage fragen, wer Ihnen einen Tumor wegoperiert hat oder welcher Therapeut ausschlaggebend dafür war, dass Sie Ihr seelisches Gleichgewicht wiedergefunden war. Die Gesellschaft ist damals wie heute so gestrickt, dass sie über ein "Hauptsache gesund" nicht hinausgeht.

Aber ist das wirklich immer die Hauptsache? Manchmal macht mich das ganz besorgt, wenn die Leute zu Geburtstagen sagen: "Hauptsache, gesund", als gäbe es nichts wichtigeres in diesem Leben. Als könne man nicht auch mit einer Krankheit ein liebenswerter, herzlicher und wertvoller Mensch sein. Gesundheit, so empfinde ich es, ist heute eine Art von Goldenem Kalb geworden, ein Gott, den wir anbeten und dem wir Opfer bringen.

Mir ist aber auch aufgefallen, dass durch die Heilung, die Jesus da vollzieht, weil ihn der Aussätzige "jammert", ein merkwürdiger Rollenwechsel passiert. Auf einmal ist Jesus der, der sich absondern muss aus der Gesellschaft, damit er nicht aufgefressen wird von Leuten, die geheilt werden wollen. Plötzlich kann er sich nicht mehr öffentlich zeigen – es geht ihm wie manchen Prominenten, die nur noch mit Perücke und Sonnenbrille durch die Welt laufen können. Vor dem einen laufen die Menschen weg, weil sie mit seiner Krankheit nicht umgehen können, den anderen verfolgen sie, weil sie im Grunde von ausgesprochen egoistischen Motive getrieben werden. Sie denken, wenn dieser unbekannte Aussätzige geheilt wird, haben auch sie einen Anspruch auf ein Wunder. Aber was bedeutet eigentlich "heil werden" wirklich? Ich denke, Gesundheit ist nicht einfach nur die Abwesenheit von Krankheit. "Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund", so hat ein anderer zu Jesus gesagt – und dabei etwas erkannt, was viel tiefer geht.

Jesus hat ja auch seine Jünger in die Welt geschickt, um Kranke zu heilen: "Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus." Gewiss ist mit dieser Bibelstelle viel Schindluder getrieben worden – und ich selbst bin immer sehr skeptisch, wenn ich von Spontanheilungen höre. Ich habe mich gerade in den letzten Wochen mit dem Leben des pietistischen schwäbischen Pfarrers Blumhardt befasst, der im 19. Jahrhundert lebte. Auch er hat ja – eigentlich nicht vorsätzlich – einer Kranken zur Genesung verholfen mit Hilfe von Gesprächen und Gebeten. Und auch er wollte eigentlich, dass sich diese Heilungsgeschichte nicht verbreitet. Passiert ist das Gleiche wie damals bei Jesus: Die Kunde eilte wie ein Lauffeuer durch die Gegend, und heute noch gibt es eine Kurklinik im Wirkungsort von Pfarrer Blumhardt. Ein bißchen bin ich erschrocken, als ich diese Geschichte gelesen habe, sie war ausführlich im Deutschen Pfarrerblatt ausgedruckt. Denn im Grunde sind es ja wirklich nicht spektakuläre Heilungseffekte von verschiedenen Gebrechen, die das Christentum ausmachen. Dann aber nah einigem Nachdenken wurde mir klar, dass Blumhardt in der Lage war, durch Ansprache und Gebet psychisch kranke Menschen wieder zu sich selbst zu bringen, indem er sie zu Gott gebracht hat. Sie fühlten sich wieder hineingenommen in die Gemeinschaft, nicht mehr ausgegrenzt, und hier liegt ein wichtiger Punkt. Sollen wir uns also nun aufgerufen fühlen, Kranke zu heilen? Nicht jeder von uns ist so begabt wie Albert Schweitzer, der nach beendetem Musik- und Theologiestudium erkannte, was er tun muss, um wirklich den Weg der Nachfolge Jesu Christi zu gehen, nämlich Medizin studieren und Menschen in Afrika helfen. Ich glaube, aus mir wäre keine besonders begabte Ärztin geworden, wenn ich meine Kenntnisse in Naturwissenschaften so betrachte.

Aber vielleicht kann ich auf andere Weise diesem Gebot Jesu helfen, indem ich mich nicht abgrenze von Menschen, die außerhalb der Gesellschaft stehen zum Beispiel. Indem ich versuche, zuzuhören, wenn jemand sich etwas von der Seele reden muss. Indem ich nicht jeden verurteile, der ein bißchen anders ist als die anderen. Können wir Wunder wirken, können wir Leidende befreien von Mächten, die sie krank machen, können wir einen Toten wieder ins Leben zurückholen? Manchmal vielleicht ja, manchmal geschehen Wunder – auch durch uns mit Gottes Hilfe. Nicht immer so spektakulär, aber oft genauso wichtig für den Menschen, mit dem wir es zu tun haben. Und dazu müssen wir spüren, was diese Menschen brauchen, was für sie grade "dran" ist. Jeder von Ihnen hat da gewiss seine eigenen Gaben, es lohnt sich, danach zu suchen in sich selbst.

Manchmal reicht es ja schon, wenn wir Mauern durchbrechen, die jemand um sich selbst herum aufgebaut hat, weil er sich "wie aussätzig" fühlt. Ich denke da an Leute, die eben nicht auf andere zugehen können, die Menschen der leisen Töne sind. Ich erinnere mich an eine Frau, der ich am Telefon zum Geburtstag gratuliert habe und die auf meine Frage, ob ich vorbeikommen könne, zuerst mal sagte: "Nein, mir geht es grade nicht so gut". Nach einigen Sätzen sagte sie, ich könne doch vorbeikommen. Ich ging hin – und die Frau hatte gerade eine Panikattacke. Es tat ihr unendlich gut, da nicht alleine zu sein. Aber sie konnte das am Telefon nicht formulieren, sie hat sich geschämt.

Genau das Gegenteil erlebe ich manchmal mit Kindern, die im Religionsunterricht dadurch auffallen, dass sie sich für den Unterricht absolut nicht interessieren, die ständig stören, andere ablenken, grob werden und manchmal auch aggressiv. Schon wiedreholt habe ich dann in einem Einzelgespräch festgestellt, dass ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl hinter diesem Verhalten steckt. Wenn sich so ein Kind plötzlich wirklich ernst genommen fühlt, wenn es nicht ausgeschimpft oder in die Ecke gestellt, sondern angesprochen wird auf seine Fähigkeiten (und jedes Kind hat spezielle Talente), dann können auch da wahre Wunder geschehen.

Nun könnten Sie denken, wer sich so sehr auf andere einstellt, der läuft Gefahr, aufgefressen zu werden, sich völlig zu verausgaben, gar nicht mehr zu sich selbst zu kommen. Aber auch hier können wir uns an Jesus orientieren, der sich sehr wohl das Recht nimmt, sich auch zurückzuziehen und in der Einsamkeit mit Gott neue Kräfte zu sammeln. Denn nur aus solchen Begegnungen mit Gott und mit uns selbst können wir dafür Kraft schöpfen, dass für andere durch uns ein Stück Himmel aufleuchten kann.

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