Gemeinschaft der Heiligen

Liebe Gemeinde,

gerade zur Zeit, im Vorfeld der Wahlen, entdecken die Politiker die Familie wieder. "Für eine moderne Familienpolitik" wird geworben – und fast jeder versteht im Detail etwas anderes darunter. Vor den Schulferien kam im Religionsunterricht ein Mädchen auf mich zu, das gerade die vierte Klasse beendet hat. Wir hatten über die 10 Gebote gesprochen. "Muss ich meinen Vater ehren, wenn er nie da ist? Wenn er an meinem Geburtstag versprochen hat, er holt mich ab – und er kommt dann nicht?". Sie lebt bei ihrer Mutter und hat vor der Scheidung der Eltern Szenen miterlebt, die ein Kind in schwere Konflikte bringen können.

In einem Therapiehof für drogenabhängige Jugendlich habe ich jahrelang eine Gruppe "Erwachsene Kinder suchtkranker Eltern" betreut. Ich habe da Geschichten von Gewalt in der Familie gehört, die sich vielleicht mancher gar nicht vorstellen kann, der den Grundgesetz-Artikel "Die Familie ist die Keimzelle des Staates" vollmundig auf den Lippe führt. Über das Leben in der Familie des Zimmermanns Joseph von Nazareth wissen wir so gut wie nichts.

Aber die Reaktion von Jesus ist schon merkwürdig, als da seine Mutter und seine Brüder auftauchen. Andererseits: Warum bleiben sie draußen stehen und kommen nicht mit in die Runde des Volkes, mit dem er spricht? Ich stelle mir mal vor, ich halte hier Gottesdienst, und meine Geschwister schickten jemanden nach vorne mit dem Wunsch, ich möge doch rauskommen. Ich würde mich schon sehr wundern, warum sie sich nicht dazu setzen zur Gemeinde und mit dem Privaten warten, bis der Gottesdienst vorbei ist. Schließlich sind in dem Moment doch die Menschen in der Gemeinde diejenigen, die ich als "Schwestern und Brüder" empfinde und mit denen ich etwas Gemeinsames tue. Und es steht meinen leiblichen Verwandten frei, zu entscheiden, ob sie dazugehören wollen. Schließlich ist ja Gemeinde eine erweiterte Familie. Und Blutsverwandschaft kann da nicht Privilegien fordern.

Dennoch: Die Verkehrswege waren damals unbequemer als heute, es gab kein Telefon, eine Strecke, die man heute mal eben mit dem Auto in einer knappen Stunde zurücklegen würde, erforderte einen Tagesmarsch – die Verwandten Jesu hatten also sicher nicht allzu oft Gelegenheit, den Sohn und Bruder zu treffen. Und wenn er dann auch noch sagt: Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter, unterstellt er da nicht vielleicht. Dass alle die, die um ihn herumsitzen, Gottes Willen mehr befolgen als seine Mutter und seine Brüder? Sieht er nicht, wie schwer es für eine Mutter ist, ihr Kind loszulassen, gerade dann, wenn es so ein besonderes Kind ist? Wahrscheinlich sieht er es schon – aber er hat keine andere Wahl. Kann er sich denn herausnehmen aus dem, was er von anderen fordert: "Wer in der Nachfolge steht, wer Gott und mir folgt, der muss alles stehen lassen." Gottes Sohn kann unmöglich seine Zuneigung nach Verwandtschaftsgraden verteilen. Aber wie ist das mit den ganz "normalen" Menschen? Muss er die Anspruchshaltung seiner Familie nicht doch etwas stärker berücksichtigen?

Der Evangelist Markus hat diese Geschichte ganz bestimmt nicht erzählt, um der Familie, die im Judentum bis heute eine wichtige Rolle spielt, zu schaden oder sie zu zerstören. Vielmehr machten er und seine Gemeinde die Erfahrung, dass ihr Bekenntnis zu Christus in ihrem nächsten Umfeld nicht verstanden wurde. Bei Verwandten, Freunden und Bekannten stießen die Christen oft auf Unverständnis. Man hielt sie als Anhänger eines gekreuzigten Verbrechers manchmal wohl auch schlicht für verrückt. Da war es sicher ermutigend, zu hören, dass auch über Jesus gleich anschließend an den Text , über den wir nachdenken, gesagt wurde: "Er ist von Sinnen."

So weit weg ist das übrigens heute auch nicht mehr. Immer wieder in den letzten Monaten wird über die Frage diskutiert, ob es das "christliche Abendland" überhaupt noch gibt. Denken wir einmal an die Zeit, in der die deutschen Kaiser hier in der Gegend Hof hielten, die drei Ottonen zum Beispiel. Damals war ihnen das Wichtigste, das Christentum in die Region jenseits der Elbe zu bringen. Die Mittel, die dabei angewandt wurden, waren nicht unbedingt christlich. Aber daran, dass Jesus Gottes Sohn war, hätte damals kein Fürst im Heligen römischen Reich deutscher Nation gezweifelt. Und wenn ich die Kirchenbücher betrachte, so gehörte es bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts auch hierzulande dazu, dass ein Mensch zumindest auf dem Papier Kirchenmitglied war.

Heute wird man eher für geistig zurückgeblieben erklärt, wenn man allen Ernstes seinem Glauben an die Auferstehung der Toten Ausdruck gibt. Und das nicht nur hier in den neuen Bundesländern. Wer sich zu Christus bekennt, kann durchaus in Konflikt mit seiner Familie geraten.

Ich sehe das manchmal bei jungen Leuten, die ernsthaft darüber nachdenken, sich konfirmieren zu lassen. Die Eltern, ohne jegliche religiöse Bindung aufgewachsen, stellen sich dagegen. Und nun? Wenn ich einer 14-Jährigen sage: "Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen", so stellt sich die Frage, ob die Konsequenzen zu verantworten sind. Kinder wünschen sich Harmonie, und vor allem wollen sie nicht Auslöser für Streitigkeiten sein. "Die christliche Gemeinde ist Eure wahre Familie", das ist in so einer Situation auch nicht unbedingt die Antwort, die ein Kind oder einen Jugendlichen davon überzeugt, dass es bei Gott gut aufgehoben ist. Im Fall der eingangs erwähnten Schülerin habe ich über das Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren" einfach weiter geredet, es ist ja das einzige Gebot mit einer Verheißung: "auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden." Wenn es dem Kind oder dem jungen Menschen also deutlich schlecht geht mit seiner leiblichen Familie, wenn es köperlich oder seelisch Schaden nimmt, dann darf es ruhig wie Jesus fragen: "Wer ist meine Mutter und meine Brüder?" und sich entscheiden, dass dies vielleicht zur Zeit nicht die leiblichen Verwandten sind. Und für Erwachsene gilt das ebenso.

Andererseits laufen wir aber, gerade in christlichen Kreisen, oft auch Gefahr, vor lauter Sorge um den fernen Nächsten diejenigen zu vergessen, die unsere engeren Verwandten sind und unsere Zuwendung eigentlich brauchten. Ich denke an den Volksmund-Spruch: "Pfarrers Kind und Müllers Vieh …" und daran, was ich da als junges Mädchen in den Elternhäusern gerade von Pfarrerskindern erlebt habe. Da war der Vater von Martin, der im Amtszimmer seine feste Burg hatte und mit Familienkram nie belästigt werden durfte. Er erwartete selbstverständlich von seinem Sohn, dass der Abitur machen und Theologie studieren müsse und hat gar nicht wahrgenommen, dass der Junge das Geschick zum Buchbinder mitbrachte. Rundfunk-Andachten, kreiskirchliche Aufgaben, damit war der Vater ausgelastet, der ferne Nächste lag ihm näher …

Oder auch jener Kirchenälteste, der wirklich jede freie Minute in der Gemeinde verbringt, der gar nicht merkt, wie dringend ihn auch seine Frau einmal brauche würde. Jeden Sonntag ist das Mittagessen schon in einem jämmerlichen Zustand, wenn er, nach ausführlichen Gesprächen mit Gemeindegliedern und Pfarrer, endlich am Tisch erscheint. Und wenn die Tochter, die weit weg wohnt, zu Besuch kommt, ist das noch lange kein Grund, mal den Spaziergang mit dem blinden Mann aus dem Pflegeheim zu verschieben und zum Kaffetrinken da zu sein, Jesus hat es ja genauso gemacht. Manchmal wundert man sich, wie unbarmherzig es gerade in christlichen Familien zugeht.

Die Frage: "Wer ist mein Nächster?" lässt sich nicht ein für allemal beantworten, sie stellt sich jedem von uns immer wieder neu. Und es stellt sich die Frage: "Bin ich denn mit meinem Verhalten gegenüber anderen noch "drin" in der Familie Jesu?. Draußen bin ich dann, wenn ich das Zuhören verlernt habe, das Hinsehen und das Mitfühlen. Wenn mir das, was sich gehört, wichtiger wird als das, was die Liebe mir sagt. Draußen bin ich dann, wenn mir Kirchengesetze wichtiger sind als das, was aus dem Evangelium zu mir spricht. Draußen bin ich aber auch dann, das sagt uns die Geschichte mit Jesu Mutter und seinen Geschwistern deutlich, wenn ich an einem Menschen festhalte, ihn nicht freigeben will. Sicher kennen viele von Ihnen diese Mütter, die ihren Sohn so sehr lieben, dass er es sehr schwer hat, eine eigene Familie zu gründen oder auch Väter, die möchten, dass ihre Tochter keinem anderen Mann gehört. Es gibt viele Geschichten im Neuen Testament, wo Jesus von Eltern darum gebeten wurde, ihre Kinder zu heilen – und meistens wendet er sich an den oder die Betroffene selbst, um ihnen zu sagen, dass sie aufstehen und alleine gehen, sehen, hören können. Damit hilft er ihnen auch heraus aus einer Umklammerung durch die Familie. Wer Jesus nachfolgt, entscheidet sich für eine Gemeinschaft in aller Freiheit.

Kinder sind kein Besitz der Eltern. Ich denke, "draußen" bin ich auch dann, wenn ich nicht mehr einladend wirke, wenn ich die Familie als geschlossene Gesellschaft begreife, die "Gemeinschaft der Heiligen" als exklusiven Zirkel . Es ist nicht immer einfach, das gleich zu merken. Aber zum Glück ist ja die Tür nicht zu und ich kann immer wieder im Kreis um Jesus einen Platz finden, ganz im Gegensatz zu allem, was sich bei leiblichen Verwandten so an Ausgrenzung und an enttäuschten Erwartungshaltungen abspielt, ist hier Vergebung immer wieder möglich. Dort ist der sichere Ort überhaupt, dort ist Freiheit und Geborgenheit zugleich.

Ich musste viel an diese Geborgenheit denken, als ich am Mittwoch voller Bestürzung von der Ermordung des 90-jährigen Frère Roger hörte, der ja in Taizé eine solche Gemeinschaft begründet hatte, deren Mitte Jesus Christus ist. Und bei allem Entsetzen über die Sinnlosigkeit der Tat dachte ich mir, dass Frère Roger etwas vergönnt war, was viele von uns sich wünschen: ein Sterben im Gebet mitten in der Geborgenheit einer Familie, die zusammengehalten wird von der Gewissheit, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist.

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