Was wollen wir hören?

Liebe Gemeinde,

was will jemand hören, wenn er krank ist? Wobei ich mit „krank“ mehr als einen bloßen Schnupfen oder dergleichen harmlose, weil sicherlich nur vorübergehende Beschwerden, im Sinne habe. Mit „krank“ – ich sage lieber „richtig krank“ – meine ich Situationen, in denen der Arzt mit ruhiger aber doch ernster Stimme erklärt, auf was man sich einstellen muss und wie sich alles noch entwickeln könnte. Mit dem Ausdruck „richtig krank“ will ich aber nicht nur auf körperliche Störungen abheben. Wir dürfen ruhig auch an andere Situationen denken, die uns „richtig krank“ machen:

– Ständiger Stress in der Firma mit Kollegen/innen, die sich scheinbar um den „Weltmeistertitel im Mobbing“ beworben haben.

– Unaufhörliche Sorgen wegen der Kinder, deren Pubertät auch mit Vierzig scheinbar noch immer nicht zu Ende ist.

– Qualvolle Auseinandersetzung mit dem Ehepartner, die sich wie Alpträume ständig wiederholen.

Was will man hören, wenn man „richtig krank“ ist? Ein Beispiel aus dem persönlichen Umfeld sei mir erlaubt. Vor gut einem Jahr bekam meine Frau eine Bronchitis, die sich über fünf Monate hinweg erstreckte und die auch heute noch immer wieder plötzlich aufbricht. Wer weiß Hilfe? Hausarzt, danach ein befreundeter Arzt, dann ein Heilpraktiker und noch ein Arzt – niemand kommt der Ursache wirklich auf die Spur.

Im Februar d.J. saß meine Frau vollkommen fertig im Wohnzimmer. Sie erzählte sie mir, was geschehen war. Nichts Schlimmes! Einfach nur das, was uns alltäglich passiert. Sie war einer Dame auf dem Markplatz begegnet, mit der sie über ihre ominöse Krankheit gesprochen hatte.

Was will man hören, wenn man krank ist? Doch nicht dieses: „Mit harmloser Bronchitis fing es bei meinem Schwager auch an, aber dann erwies es sich doch als Lungenkrebs. Und ich kenne jemanden, bei dem sich das Ganze als Folge von Blutkrebs herausgestellt hat.“ „Warte nur, was du jetzt bemerkst, ist erst der Anfang vom Ende.“ Das will man doch nicht hören, wenn man richtig krank ist. Es wäre doch so schön, wenn jemand ein Wort voll Hoffnung sprechen könnte.

Gut, wechseln wir die Perspektive. Was sage ich, wenn mir jemand begegnet, der oder die mir von seinen Sorgen und seinem Kummer erzählt? Was sage ich jemandem, der mich förmlich anfleht, ihm Hoffnung zu geben. „Das kann ich doch nicht!“ ist oft ein erster Gedanke. Ehrlich, liebe Gemeinde, könnten Sie so vollmundig loslegen, wie Jesaja:

„Sei mutig und voll Zuversicht! Wohlan, es ist noch eine kleine Weile. Dauert nicht mehr lange. Hör doch auf mich! Du wirst schon sehen. Bald geht es dir besser. Dein Chef nimmt ein schlimmes Ende. Warte nur, und dir wird endlich Gerechtigkeit widerfahren. Was, du haderst mit Gott? Glaubst du wirklich, er hätte dich vergessen?“

Können Sie solche Sätze der Zuversicht und derartig kraftvolle Hoffnungsworte sofort formulieren, ohne sich dabei vorzukommen wie ein Betrüger, der nicht gedeckte Schecks ausstellt. Meinen Sie, einem Pfarrer fällt das leichter, weil er es etwa gelernt hat?

Am Freitag hatte ich eine Dame besucht, der eine sehr schwierige und schwere Operation bevorsteht. Was sagt man – als Pfarrer? Verweist man auf die Kunst der Ärzte? Verweist man auf den hohen Stand der Technik? Redet man von Glück? Und wie bringt man Gott zur Sprache in solcher Situation, ohne dass es frömmelnd und kindisch wirkt?

Vielleicht hilft uns der Taufspruch von Jessica weiter. Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Dieses Versprechen stellt Gott über das Leben der Kleinen Jessica. Die Eltern, der große Bruder, die Paten und die ganze Familie und alle Freunde werden sicherlich das Ihre dazu beitragen, dass dieses Versprechen nicht leer bleibt. Wir merken aber auch schnell, dass wir gar nicht für die Weite der Zusage garantieren könnten. Und das ist wohl der Grund, weswegen es uns oft schwer fällt, in Situationen zu sprechen, deren Fortgang und Ausgang nicht ganz in unserer Hand liegt – sondern in der Hand Gottes.

Solche Situationen lassen beide, den Betroffenen und den Tröster oftmals verstummen. Wann wird es gesundheitliche Besserung geben? Wann wird es Versöhnung geben? Wann wird wieder Frieden einkehren? Wann wird mir endliche Gerechtigkeit zuteil? Wann geht es mit Deutschland wieder bergauf? Keiner weiß es.

In den dunklen Tagen unseres Lebens scheint Gott sich von uns abzuwenden. Im Gegenzug erreichen uns dafür seine Worte nicht mehr. „Es sind düstere Zeiten “, sagen wir, wenn der Horizont der Hoffnung im Nebel der Angst und des Zweifels verschwunden ist.

Hier nun sind wir an dem Punkt angelangt, an dem Jessaja zu sprechen beginnt:

[TEXT]

Gericht, Verblendung, Verwirrung und Verhüllung, Unrecht und Tyrannei haben nicht das letzte Wort über uns. Das letzte Wort hat Gott. Seine letztes Wort ist Gnade und Heil.

Freilich, solche Sätze klingen sehr abstrakt. Sie sind wohl schnell geschrieben, schnell gesprochen, schnell zitiert. Es liegt nicht in der Macht des Sprechenden, was aus diesen Worten wird. Es liegt nicht in der Macht des Sprechenden, ob es diesen Worten gelingt, das Gesicht des Bedrückten zu heben. Es liegt nicht in der Macht des Sprechenden, ob es diesen Worten gelingt, das Herz neu zu füllen mit Kraft. Es liegt nicht in der Macht des Sprechenden, ob die Weisung dieser Worte den Sinn und Verstand des in Sorge, Schuld und Wut Verstrickten erreichen wird.

Das alles aber ist kein Gegenargument gegen Zukunfts- Rettungs- und Trostworte. Natürlich sagt man „Du hast gut reden“. Natürlich sagt man: „ Was helfen mir schon Worte“.

Der Sprecher aber darf auf das vertrauen, was Jesaja an anderer Stelle im Namen Gottes sagt: „Das Wort aus meinem Munde wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“

Was will man hören, wenn man krank ist, richtig krank an Geist und Seele?

Was kann man sprechen zu einem, der richtig krank ist am Leben? Der kleine Bibeltext aus dem Jesajabuch mag uns als Schulung dazu dienen, von Hoffnung zu sprechen.

Jesaja hebt in düsterer Zeit an, von Zukunft zu reden. „Eine kleine Weile noch“, d.h. das Leid ist begrenzt, es wird ein Ende haben. Darum: Halte durch. Wir oft schon sind Menschen nur wenige Meter vor rettenden Hütten tot aufgefunden worden, weil die Kraft am Ende war. Darum: Halt fest im Glauben, dass dem Leid ein Ende gemacht wird. Und dann wird der Wandel kommen: Der verödete Libanon wird blühen. Wo heute noch karges Land ist, wird es bald blühende Gärten geben. Trau dich, vom Ende des Elends zu sprechen. Trau dich, auf bessere Zeiten zu hoffen.

Jesaja hebt in düsterer Zeit an, von Hoffnung zu reden. „Noch ist deine Seele verschlossen gegen das Wort des Herrn. Noch bist du taub gegen jeden Rat, taub für tröstende Worte und blind für Weisung. Doch es wird eine andere Zeit kommen, in der du sagen wirst: ,Mein Gott, was war ich nur dumm.´“ Gebrauche das Wort Gottes zum Trost für andere und traue auf seine Kraft. Mach das nüchtern klar und redlich. Du musst dabei nicht fromm dreinblicken und auch nicht süßlich säuseln. Traue auf Gott.

So wollen auch wir uns heute diese Zukunft Gottes zusprechen lassen. Wir wollen sie uns zusprechen lassen für die kleine Jessica, die wir heute in diesem Gottesdienst getauft haben. Wir wollen uns zusprechen lassen, dass über ihrem Lebensweg die segnende Hand Gottes ruht und Engel auf ihrem Weg sie begleiten – allezeit.

Wir wollen uns Hoffnung zusprechen lassen für unsere Sorgen und unsere Krankheit.

Wir wollen uns Zukunft zusprechen lassen auch für unser Land, das so unruhig, so düster und so krank danieder liegt.

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