Die Umkehrung der Verhältnisse

Liebe Gemeinde,

nur noch kurze Zeit, dann wird alles anders. Das wäre doch fast ein Wahlkampfspruch für diese Tage. Wohlstand wird angekündigt, Gerechtigkeit vorhergesagt, das ist doch das, was wir brauchen. Wer das am besten rüber bringt, wird am 18. September die meisten Stimmen bekommen. Obwohl wir wissen, dass so viel wohl nicht anders werden wird. Obwohl wir eigentlich als zweiten Satz immer sagen: im Moment hat ja keiner die Lösung, es geht nur um Nuancen. Und so richtig hoffnungsvoll sind wir überhaupt nicht. Und das macht viele Menschen krank, sie resignieren oder werden gewalttätig. Wie kommt das, das die schönen Wahlkampfreden uns am Ende nicht überzeugen?

Der Prophet Jesaja hat auch so etwas wie eine Wahlkampfrede gehalten. Er wollte seinen Menschen Mut machen. Mut, das in kurzer Zeit etwas anders wird.

Und, das zieht sich durch alle Prophetensprüche der Bibel hindurch, die Menschen hatten auch die Wahl. Nämlich Gott oder nicht Gott. Und dann erzählt Jesaja, wie das mit Gott ist. Da fällt mir ein großer Unterschied auf. Bei Gott geht der Wahlkampf nie auf Kosten anderer. Es werden nicht die anderen schlecht gemacht, um selbst gut da zu stehen, sondern Jesaja weiß: Gott ist überzeugend gut. Zur Zeit kann einem ja schlecht werden, wie Wahlkampf gemacht wird. Das, was sich Herr Schönbohm und ein angetrunkener Herr Stoiber in den letzten Tagen geleistet haben, ist unerträglich. Stoiber hat letztlich die Demokratie in Frage gestellt. Schlimmer gehts nicht. Wie weit sind unsere Politiker von den Menschen weg, wenn sie alle Nichtbayern als dumm bezeichnen. Für mich ist so ein Bibeltext eine Hilfe. Ich frage nämlich, wer kommt in seinem Auftreten dem nahe, wie es Jesaja ansagt.

Zur Gewissensschärfung der Politiker im Bundestagswahlkampf hat der Bamberger evangelische Pfarrer Hartmut Preß zehn Gebote vorgelegt. Die geistliche Wegweisung für Schröder, Merkel und Co. beginnt mit der Mahnung: "Du sollst nicht der Quote dienen, als sei sie dein Gott." Im zweiten Gebot heißt es mit Blick auf viele Wahlkampfreden: "Du sollst große Worte wie Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit nicht unnütz im Munde führen." Sein fünftes Wahlkampfgebot zielt auf die politische Kultur: "Du sollst deine Gegner nicht abschießen. Schröder, Merkel, Stoiber, Fischer, Westerwelle, Lafontaine und Gysi sind keine Schießbudenfiguren – du sollst sie nicht lächerlich machen." Die Politikern sollen Preß zufolge nicht "machtgeil sein", die Ideen anderer nicht stehlen, nicht mit falschen Versprechen um die Gunst des Wahlvolkes buhlen und nicht böse Gerüchte in Umlauf setzen.

Und dann schaue ich natürlich, was Jesaja ansagt. Und ich vergleiche mit dem, was ich, was wir eigentlich erwarten. Und wie es verändert werden soll. Und da höre ich sehr oft: anders machen ja, aber bitte nicht bei mir. Gerechtigkeit für alle, aber nicht auf meine Kosten. Und da wird die Botschaft des Jesaja unbequem. Denn der Ausgangspunkt für Veränderungen ist Gott. Und er schafft Veränderungen durch Menschen.

Dann kommen die, die ihren klaren Kopf verloren haben, wieder zur Einsicht. Das scheint mir der entscheidende Satz. Denn wir haben unseren klaren Kopf verloren. Wir haben die Maßstäbe dafür verloren, was Leben heißt. Wir haben die Maßstäbe verloren für das, was lebens not wendig ist. Wir haben gesagt: die Jugend soll es mal besser haben und heute kann nichts mehr reichen. Wir haben gesagt: man gönnt sich ja sonst nichts, jetzt wollen wir uns alles gönnen. Wir sagen: so kann es auch nicht weiter gehen, aber wir haben keine Vorstellung, wie es weiter gehen soll. Bei Jesaja klingt es so, als wollte Gott alles machen. Lange Zeit haben wir das in den Kirchen gesagt, Gott macht das schon. Viele waren dann von einem Gott enttäuscht, der scheinbar gar nichts machte. Aber die Bibel meint: Gott macht es mit uns und durch uns. Gott zaubert nicht eine neue Welt, sondern er schafft die neue Welt, indem sich Menschen verändern lassen. Und dabei passieren anscheinend dann so große Wunder, dass wir sagen: Gott hats gemacht.

Mein Wunsch für uns ist, dass Gott unsere erste Wahl ist und wir uns darauf einlassen, was er durch uns tun will. Vielleicht gehen wir dann ein wenig gelassener zur nächsten Wahl, denn die Politiker können nicht richten, was wir selber richten müssen. Und sie können keine Wahlversprechen halten, wenn am Ende in uns Menschen sich nichts verändert. Was Jesaja verspricht, ist verlockend. Man könnte es sogar ohne Mühe in unsere Zeit übertragen. Ich möchte mich locken lassen, mit Gott dem näher zu kommen.

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