Verheißung ernst nehmen

Liebe Gemeinde,

"Blühende Landschaften" hat vor 15 Jahren Kanzler Kohl den Ostdeutschen versprochen. Seine Worte sind unvergessen, die blühenden Landschaften lassen auf sich warten. Und ich glaube, wenn der Prophet Jesaja heute mit seinen Worten, die unseren Predigttext bilden, hier auf einem Marktplatz auftreten würde, könnte er mit Eiern und Tomaten rechnen:

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Als ich mir für die heutige Predigt Gedanken machte, spazierte ich ein bisschen durch den Pfarrgarten. "Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, der Libanon soll "fruchtbares Land" werden (im Gegensatz zu heute, wo es im Libanon durch jahrhundertelange Rodung nur noch wenig Baumbestand gibt und alles eher kahl aussieht, war dieser Landstrich damals ein dicht bewaldetes Gebiet, in dem kaum Ackerbau betrieben werden konnte) – da dachte ich daran, wie dieser Garten noch vor rund einem Jahr ausgesehen hat, und wie er sich jetzt entwickelt. Disteln, Brennesseln und Goldruten wucherten seit Jahren um die Wette – und nun blühen schon Rosen und Dahlien. Gewiss, eine Menge Arbeit liegt an, aber es kann werden. Und ich dachte auch daran, wie traurig es im und um das Schwesternhaus Arnstedt aussah, als ich dort vor etwa zwei Jahren den letzten Gottesdienst gehalten habe. Als ich zum 1. August die Gemeinde übernommen habe, traute ich meinen Augen nicht, alles gepflegt und schön und im Aufbruch. Ich hatte damals eher daran gedacht, dass es hier "wie Wald" werden würde. Beispiele hierfür gibt es leider viele, wo Gemeinden klein und kleiner werden.

Ich bin nicht der Prophet Jesaja. So ist mir, Gott sei Dank, verborgen, worauf sich hier und heute ganz lokal eine solche Prophezeiung beziehen könnte: und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

Ehrlich gesagt finde ich es auch viel angenehmer, mich auf den positiven Teil dieses Textes einzulassen. Wäre das schön: Taube hören die Worte des Buches und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen. Wie viel Hoffnung steckt in diesem Satz. "Die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn". Wann Herr, wann wird das sein? Die Frage drängt sich auf. Aber ist sie angebracht? Lässt sich Gott von uns drängen?

Verständlich ist unsere Ungeduld schon. Schließlich ist manches ähnlich wie damals: Die alten Leute, für die es noch dazugehörte, sich zu einer Gemeinde zu bekennen, sterben aus. Und die wenigen, die zum Gottesdienst gehen, werden ausgelacht, immer noch – 16 Jahre nachdem es, um in der Sprache des Textes zu bleiben ein Ende hatte mit den Tyrannen. Unsere Region scheint sich langsam zu leeren, immer mehr Leute wandern ab. Es ist schwer, motivierte junge Menschen für die Gemeindearbeit zu gewinnen, weil einfach zu wenig jüngere Leute hier leben. Manchmal habe ich schon Minuten, in denen ich darüber nachdenke, ob nicht doch bald alles Wald sein wird hier, und mir fällt nichts mehr ein, um aus der absurden Spirale auszubrechen: Immer weniger Gemeindeglieder bedeuten immer weniger Stellen hauptamtlicher Mitarbeiter – und wie soll Gemeinde wachsen, wenn die Last auf den Schultern ganz weniger liegt, die es einfach zeit- und kräftemäßig nicht schaffen können, bei den inzwischen gewaltigen Entfernungen innerhalb eines Pfarrbezirks überall vor Ort zu sein, wo dies dringend nötig wäre. Manchmal möchte ich schon wissen: "Gott, wie stellst du dir das vor?" Und ich sehe nur, was alles nicht funktioniert: zum Beispiel, in dem ein oder anderen Ort mal wieder Kinder für die Konfirmation zu gewinnen. Da sind sie jahrelang in den Kindertreff gegangen und entscheiden sich dann für die Jugendweihe, weil alle in ihrer Klasse das tun oder weil die Eltern es wollen. Da stirbt eine alte Frau aus der Gemeinde, und die Angehörigen, die mit Kirche "nichts am Hut" haben, entscheiden sich kategorisch für eine weltliche Bestattung, um nur ja nicht mit Kirche in Berührung zu kommen – es könnte ja ansteckend sein. Wenn ich in so einer Stimmung bin, dann vergesse ich zuweilen, was an Wunderbarem schon passiert ist: Es ist ja wunderbar, dass sich auch nach langen Durststrecken im Lauf der Jahrtausende in vielen Ländern und Regionen immer wieder Menschen im Namen Gottes, im Namen Jesu zusammengefunden haben. Und dass es auch hier überhaupt noch Gemeinde gibt.

Wir wissen nicht ganz genau, wann und warum der Text aus dem Jesaja-Buch entstanden ist, ob der Autor Jesaja selbst oder jemand aus seinem Kreis war. Als diese Worte vor etwa 2700 Jahren gesprochen werden, scheint es in Israel vielen Leuten schlecht zu gehen. Das ist – leider – nichts Besonderes. Und dass Menschen am Leid anderer Schuld sind, ist auch nichts Neues. Insofern unterscheidet die Zeit Jesajas sich nicht wesentlich von der unsrigen. Wir brauchen schließlich nur die Zeitung aufzuschlagen, den Fernseher anzuschalten, Radio zu hören, im Internet surfen oder einfach nur die Augen aufmachen.

Wir wissen alle, woran es hapert in unserer Welt – auch in uns selbst, auch, wenn wir da meist ungern hinschauen.

Jesaja ist kein Politiker. Er ist Prophet. Er macht keine Wahlversprechungen, die dann wenige Monate später nicht mehr wahr sind. Aber er verlangt viel von seinen Zuhörern. Er verlangt eine Entscheidung. Sie sollen sich auch angesichts der bestehenden unbefriedigenden Zustände – damals standen mehrere Kriege bevor und schlechte Zeiten hatten zu Glaubenskrisen geführt – auf Gott konzentrieren, sie sollen ihm zutrauen, dass er persönlich eingreift. Wann das sein wird, darüber sagt Jesaja nichts. Sicher ist er sich aber darin, dass Gott helfen wird. Und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass die Menschen um ihn herum Gott wieder ernst nehmen.

Gott selbst, so wahr er einst Abraham erlöst hat, will sie aus ihrer Taubheit und Blindheit herausholen und ihnen anhand der »Werke seiner Hände« zum Hören und Sehen zu verhelfen. Die Irrenden lässt er nicht im Irrtum versinken, sondern wirkt in ihnen Einsicht; und die wie einst während der Wüstenwanderung Murrenden ("die Frustrierten" würde Herr Stoiber sagen) gibt er nicht auf, sondern hilft ihnen, dass sie sich durch Gottes Wirken belehren lassen. Das ist eine Geduldsprobe – und ungeduldig waren nicht nur damals die Menschen, ungeduldig sind wir heute auch.

Wir wollen Veränderungen meistens sofort und weigern uns, zu verstehen, dass manches sehr lange dauern kann und dass Zusammenhänge kompliziert sind. So sind wir, finde ich, manchmal auch alle selbst ein bisschen mit verantwortlich dafür, dass unsere Politiker Versprechen machen, die niemals einzuhalten sind. Und wenn dann nicht sofort das Versprochene kommt, wechseln wir die Fronten. Ähnlich wie damals das Volk Israel, das sich mit seiner Bündnispolitik so verhielt, dass letztlich Kriege und Vertreibung nicht ausbleiben konnten.

Letztlich aber sind wir ja oft gar nicht fähig, Veränderungen, Wandlungen, wirklich wahrzunehmen. Wir laufen wie blind und taub durchs Leben, oder unser Blick ist nur auf die Dinge gerichtet, die sich immer noch nicht zum Positiven verändert haben.

Manchmal erwische ich mich selbst dabei. Ich stöhne über einen Berg von unerledigten Dingen, der vor mir liegt und denke über Probleme nach, die mir unlösbar scheinen. Vor genau zehn Jahren war ich schwer krank in einer Reha-Klinik. Es war offen, ob ich wieder wirklich gesund werde. Heute kommt mir meine Gesundheit manchmal selbstverständlich vor. Noch vor zwei Jahren wusste ich nicht, wie es weitergehen würde mit meiner beruflichen Existenz – heute habe ich zumindest auf Zeit eine sichere Arbeit in meinem Traumberuf. Das hätte ich nie erwartet. Wenn Sie auf Ihr Leben blicken, stellen Sie vielleicht fest, dass es da neben viel Schmerz und Leid auch solche Fügungen gibt, mit denen Sie nie gerechnet hätten. Es ist heilsam, auch darauf zu schauen.

Ich glaube, um sensibel für Glück werden zu können, müssen wir erst wieder wirklich hören und sehen lernen, wir müssen aufwachen. "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen", heißt der Wochenspruch, der im gleichen Prophetenbuch, bei Jesaja, steht. "Ich bin, der ich bin und der ich sein werde", das ist die Übersetzung von Jahwe, dem Gottesnamen. Und das ist die Konstante in unserem Leben. Das bleibt.

Wir selbst dürfen, ja wir müssen uns verändern, wenn wir sehend werden wollen. Aber auf uns allein gestellt würden wir uns im Kreis drehen oder im Labyrinth unseres Lebens die Mitte nicht finden.

"Verlasst euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen, die können ja nicht helfen", heißt es im Psalm 146, dem Predigtext eng verwandt, "wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist. Der Herr macht die Blinden sehend, der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind". Der Theologieprofessor Johann Daniel Herrnschmidt, der als Hofprediger in Idstein seine persönlichen Erfahrungen mit Politikern machen konnte, dann nach Halle in die Franckeschen Stiftungen kam, hat diesen Psalm 1714 für ein bekanntes Kirchenlied verwendet. Er malt darin auch die Prophezeiung des Jesaja aus: Fürsten sind Menschen vom Weibe geboren – und kehren um zu ihrem Staub. Selig, ja selig ist der zu nennen, dess Hilfe der Gott Jakobs ist, welcher vom Glauben sich nicht lässt trennen und hofft getrost auf Jesus Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, findet am besten Rat und Tat."

Liebe Gemeinde, ich möchte nicht, dass Sie diese Predigt als Aufruf zum Wahlboykott verstehen, weil wir ja sowieso am besten alles Gott überlassen. Gott hat uns als Menschen geschaffen, die zu Entscheidungen berufen sind. Wir stehen als Christen mitten in der Welt. Wenn wir die Verheißung, die uns gegeben ist, ernst nehmen, können wir gelassener, friedlicher und freundlicher mit anderen umgehen – und mit allem, was sie tun.

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