Warten können …

Ist unsere Welt eigentlich noch zu retten? Solche Gedanken können Einem schon kommen, wenn man die Nachrichten sieht: Atomprogramm im Iran, 9 Babyleichen in Brandenburg, Waldbrände in Südeuropa und verhungernde Kinder in Afrika. Im Weltall muss ein Raumschiff repariert werden und in Deutschland treten Manager wegen Bestechlichkeit zurück. Recht wird gebeugt, Arme werden immer ärmer.

Geld ist genug da, sonst würde man nicht teure Reparaturen im Weltall unternehmen, Atomprogramme auflegen oder Manager und Politiker bestechen. Aber das Geld ist ungerecht verteilt. Ungerechtigkeit scheint der Schlüssel zum Verständnis dieser Welt zu sein.

Das ist zugegebenermaßen keine ganz neue Erkenntnis – eher ein alter Hut, der schon den Menschen im Alten Testament deutlich wird:

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Eine Heilszusage, die wohl aus der Zeit stammt, als Israel seine politische Macht verloren hatte. Es war im Exil – zumindest die Oberschicht. Nach dem Zeugnis der Propheten und Geschichtsschreiber des Alten Testaments hatten sie es auch nicht besser verdient. Sie hatten dem Willen Gottes keine Beachtung geschenkt – das Recht gebeugt, die Armen verhungern lassen und ihre Hoffnung auf Bündnisse mit den Mächtigen gesetzt.

Klingt uns alles sehr bekannt. Jedenfalls ist das Volk Israel in der Verbannung, nicht Herr im eigenen Land.

Da tritt ein Prophet auf und hat eine Vision: Es geht um das politische Evangelium, die politische Frohbotschaft, die in kein Parteiprogramm passt, sondern nur in die Bibel Gottes: Gott will Heil für alle Menschen. Die Gegenwart, das, was wir heute erleben, steht schon im Lichte des Kommenden (‚nur noch eine kurze Zeit’). Schon diejenigen, die den Propheten wirklich gehört haben, spüren das Neue, das mit ihnen anfängt. Es beginnt damit, dass Menschen in sich gehen und dem nachspüren, was falsch gelaufen ist.

Die Oberschicht ist es, die ins Exil geführt wurde, also die, die in besonderer Weise Schuld hatten am Untergang Israels, deren Leben davon geprägt war, dass sie Menschen ausbeuteten, das Recht beugten. So wie heute die Manager bei BMW, VW, Infineon, Siemens, Deutsche Bank und Mercedes sich bereichern und gleichzeitig Arbeitsplätze abbauen, an denen ganze Familien hängen.

Beklemmend für mich diese Parallelen, noch beklemmender dadurch, dass sie in einem Lande spielen, in dem der Terror seit den Tagen des Königs David nie versiegt ist, in dem Menschen immer wieder andere Menschen um ihres Einflusses willen umbringen.

Der Prophet tritt dagegen schon ein wenig naiv auf: Die Erneuerung der Natur und die Erneuerung der Menschen wird sich entsprechen. Ein fast schon neuzeitlicher Gedanke. Die in den Lebensraum der Menschen gewachsene Wüste wird zurückweichen: Nur der ökologische Friede schafft wirklichen Frieden.

Anfang des 21. Jahrhunderts würden wir diesen Propheten einen Träumer, einen Phantasten nennen und wahrscheinlich haben ihn seine Zeitgenossen auch so genannt. Und trotzdem hat seine Prophetie Aufnahme in das Buch des Propheten Jesaja gefunden, obwohl sie wohl nicht von Jesaja selber ist.

Vielleicht auch, weil die Menschen, die die Texte zusammenstellten spürten: das ist keine Spinnerei, kein Phantasiegebilde: das ist der Wille Gottes mit den Menschen, gehalten in der Sprache der Psalmen, die die Wirklichkeit deutlich malt: Die Zeit des Heils ist kein Goldenes Zeitalter, sondern eine Zeit, in der die Geringen zu ihrem Recht kommen. Und das bedeutet, in der die Reichen und Mächtigen lernen müssen, abzugeben, zu teilen ihre Macht, ihren Einfluss und ihr Einkommen.

Dass Eingreifen Gottes schadet auch Menschen: Denen, die leben auf Kosten Anderer. Ich selber muss mir die Frage stellen: wenn Gott seine neue Welt herbeiführt und Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen schafft, wie wird es mir dann ergehen? Werde ich zu denen gehören, denen es gut geht, oder werde ich bei denen sein, die verlieren, die abgeben oder die gar gestraft werden müssen?

Heil und Heilung gehören untrennbar zusammen. Aber sie sind nicht dasselbe. Das Heil muss von Gott her kommen. Aber für Heilung tragen Menschen Mitverantwortung. So wie Ärzte um die Gesundheit eines jeden Menschen kämpfen, wohl wissend, dass sie dabei auch Niederlagen einstecken können, so müssen alle Menschen darum kämpfen, dass Frieden und Gerechtigkeit wachsen.

Es gehört nicht zu den menschlichen Fähigkeiten endgültigen Frieden und hundertprozentige Gerechtigkeit zu schaffen. Aber wo Menschen auf das Reich Gottes warten, werden sie auch darauf warten, dass Gott diese Werte schafft und darauf hinarbeiten, dass ein Vorgeschmack spürbar wird. ‚Ora et labora’‚ diese alte Mönchsregel wird mir persönlich immer wichtiger, weil ich spüre, wie wichtig es ist, dass ein Mensch, der ein guter Christ sein will, beides tut. In seinem Umfeld den Willen Gottes zur Geltung bringen und Gott bitten: ‚Dein Wille geschehe – Dein Reich komme’!

Gerade in Wahlzeiten scheint mir das wichtig. Wo das Wählen nicht vom Beten begleitet ist, wird es zu unchristlichem Tun. Wo Einer nicht wählen geht, muss er sich fragen lassen, warum er nicht Wenigstens dieses Minimum leistet, damit sich etwas verändert in Richtung Frieden und Gerechtigkeit. Es gibt keine ‚christliche’ Partei, darin ist Kardinal Meissner Recht zu geben. Aber es gibt viele PolitikerInnen, die das Ihre tun, christlichen Werten wie Frieden und Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Auch hier gilt: 100% Gerechtigkeit und Frieden ist menschenunmöglich, aber die Richtung muss stimmen.

Es geht auch um das Warten – Können. Wir sind Wartende – aber nicht wie auf einem Bahnhof, sondern wie Menschen, die auf die Ernte warten – und dafür etwas tun.

Der Einzelne muss sich fragen wohin er gehört. Speziell wo er auf Kosten Anderer lebt.

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