Diese Erde wird neu werden

Liebe Gemeinde,

die große Hoffnung Jesajas auf Frieden und Gerechtigkeit – wann wird sie in Erfüllung gehen? Die große Hoffnung darauf, dass die Tauben hören, die Blinden sehen, dass die Tyrannen davon gejagt werden und es mit korrupten Rechtsbrechern ein Ende hat. Wann endlich wird das Wirklichkeit?

Nur noch kurze Zeit – eine kleine Weile sagt Jesaja – dann verwandeln sich die Wüsten in Gärten und das Tollste, was wir uns vorstellen können, wird noch übertroffen: Taube hören nicht nur, was gesprochen wird, sondern auch das, was nur geschrieben steht. Und Blinde sehen sogar in tiefster Nacht.

Nur noch kurze Zeit, eine kleine Weile, sagt Jesaja, dann werden die Erniedrigten erhört und die Armen haben genug. Nur noch kurze Zeit – aber Jesaja lebte vor 2.700 Jahren!

Wenn ich am Morgen die Zeitung aufschlage, liebe Gemeinde, dann zeigt sich mir ein anderes Bild: Blühende Wüsten? Nein – im Niger sind riesige Heuschreckenschwärme über die Ernte hergefallen und haben sie aufgefressen. In der Not haben die Menschen ihr Saatgut verzehrt. Nun drohen hunderttausende Kinder zu verhungern und die Weltöffentlichkeit schaut zu. Krankheiten werden geheilt? Nein – unsere Arztpraxen und Krankenhäuser sind voll von Menschen, denen die Ärzte – trotz allem medizinischen Fortschritt – sagen müssen: Tut mir Leid, wir können ihnen nicht helfen!

Die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein? Nein – fünf Millionen Menschen sind ohne Arbeit in unserem Land – oder sind es sechs oder sieben? Langzeitarbeitslose kriegen ihre Bezüge gekürzt – aber Top-Manager kassieren bei ihrem Abgang Millionenbeträge indem sie ihre Aktienoptionen im rechten Augenblick in bare Münze verwandeln.

Mit den Tyrannen wird es ein Ende haben? Nein – der Terror zeigt an jedem Tag irgendwo auf der Welt seine freche Fratze. Menschen trauen sich nicht mehr, mit der U-Bahn zu fahren und Urlaubern wird ihre Vorfreude auf entspannte Tage mit Bombendrohungen an ihrem Urlaubsort vergällt.

Die politischen Parteien verteilen ihre Werbebroschüren und Wahlprogramme. Ehrlichkeit hat man uns versprochen – aber in Wirklichkeit sagt keiner, wie es wirklich steht um die Renten, um die Staatsschulden, um die notwendigen Einschnitte – weil das Stimmen kostet.

Was, lieber Jesaja, so wollen wir fragen, was gibt dir das Recht, mitten hinein zwischen deine Anklagen und Weherufe, zwischen deine haarscharfen Zeitanalysen und Aufzählungen, wie Gottes Recht auf Erden mit Füßen getreten wird, nun plötzlich von einer ganz neuen Zeit zu reden: von Frieden und Gerechtigkeit, von Glück und neuer Hoffnung? Was gibt dir das Recht? Denn genau genommen, liebe Gemeinde, sah es zu den Zeiten Jesajas ja kein wenig anders aus als heute. Dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher wurden, das gab es schon dort. Dass statt Gerechtigkeit und Frieden, Unrecht und Gewalt an der Tagesordnung war, das gab es schon dort. Alte, Schwache, Benachteiligte, Ausgestoßene lebten auch zu jener Zeit in Israel in großer Zahl.

War Jesaja blind? Hat er seine und unsere Wirklichkeit nicht richtig wahrgenommen? Hat er die Menschen vertröstet auf irgendein fernes Wolkenkuckucksheim, weil die Realität sonst gar nicht auszuhalten wäre? Wollte er sie besänftigen, ihnen ein wenig Mut zusprechen, dass sie den Kopf nicht hängen lassen? Oder hat er vielleicht etwas geahnt – nein gewusst von einer ganz anderen Wirklichkeit, die man auf den ersten Blick nicht sieht? Von der kaum jemals etwas in der Zeitung steht und die gleichzeitig alle menschlichen Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen kühn in den Schatten stellt?

Das muss es sein, liebe Gemeinde. Jesaja wusste etwas davon, dass Gott diese Welt nicht geschaffen hat, damit sie vor die Hunde geht. Er wusste etwas davon, dass Gott ein Gott des Friedens ist und nicht des Leides. Jesaja wusste davon, dass Gott auf der Seite der armen, der schwachen, der entrechteten und gequälten Kreatur ist und es nicht mit ansehen wird, dass die Tyrannen siegen. Er wusste etwas davon, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Das wusste er. Und darum singt er sein Lied: Noch eine kleine Zeit und Gott macht alles gut!

Auch wenn die anderen klagen – er singt. Auch wenn die anderen ihn auslachen – er singt. Auch wenn die anderen sagen: Wo ist nun dein Gott? Er singt! Er singt, weil er weiß, dass er mit seiner Hoffnung nicht zuschanden werden wird. Denn was er hofft ist ja nicht nur eine Traumphantasie seiner eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Was er hofft ist ja nicht irgendetwas, was im Bereich menschlicher Möglichkeiten oder Fähigkeiten anzusiedeln wäre.

Gott selbst ist es, der diese neue Welt herauf führen wird. Gott selbst ist es, der seine Menschen erlöst, ja die ganze Schöpfung. Der alles aus dem zerstörerischen Widerspruch befreien und zu seinem Ziel führen wird. Gott selbst ist es, mit dem wir es zu tun haben, mit dem wir rechnen können, auch wenn vieles seine Führungen verdunkelt. Seine Herrschaft ist nicht aufzuhalten. Eine neues Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt: das ist seine Zukunft.

Jesaja singt Gottes Lob, weil er nicht nur mit den Möglichkeiten und dem Versagen der Menschen rechnet, sondern ganz fest darauf baut, dass Gottes Herrschaft sich durchsetzen wird. Das macht ihn gewiss.

Aber noch einmal, liebe Gemeinde, zweitausendsiebenhundert Jahre sind vergangen, seit Jesaja all das angekündigt hat. „Eine kleine Weile noch“, hat er gesagt. Hat er sich nicht vielleicht doch getäuscht? Wo in aller Welt ist denn etwas zu sehen, von dem Neuen, das da kommen soll?

Menschen sind irregeworden an diesen Verheißungen, dieser Hoffnung, dieser Zuversicht. Nicht nur Johannes im Gefängnis, von dem wir in der Schriftlesung gehört haben. Mit dem ganzen Volk Israel hat er auf den Messias gewartet. Jede der Verheißungen Jesajas hätte er im Schlaf aufsagen können und dass in dem Jesus von Nazareth all das wahr werden wird, darauf hat er mit jeder Faser seines Herzens gehofft. Aber dann hat man ihn ins Gefängnis geworfen. Dann hat man ihn mit dem Tod bedroht. Und nichts, so schien es, nichts ist geschehen. „Bist du es, der da kommen soll“ – so lies er durch seine Anhänger bei Jesus nachfragen. „Bist du es – oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Und was gab Jesus ihm zur Antwort? „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt. Wohl dem, der nicht Ärgernis nimmt an mir!“

Das, liebe Gemeinde, ist auch die Antwort an uns: Es ist, als wäre an dieser Stelle des Jesajabuches ein Fenster ins Neue Testament aufgestoßen, als sei es hier einem gelungen, durch alles Angstgeschrei und allen Waffenlärm seiner Zeit hindurch wie von fernher die Stimme dessen zu hören, der von sich sagen wird: Siehe, ich mache alle neu!

Gott ist herabgekommen. Er hat den Himmel zerrissen. In Jesus Christus ist er Mensch geworden. Mitten unter uns. In ihm ist die neue Erde da. Nur wir, wir haben es immer und immer noch nicht begriffen. Wir leben weiter, als sei alles beim alten geblieben. Als gälte immer noch das Recht des Stärkeren, als wären Konflikte wirklich mit Waffengewalt zu lösen und die ungerechte Verteilung der Güter auf Erden einfach naturgegeben. Doch Gottes neue Welt ist da. In Jesus Christus ist sie da.

Sollten wir nicht endlich etwas davon leben? Jetzt schon und nicht erst am Ende der Tage, wenn Gott ein für allemal und sichtbar vor aller Augen seine neue Schöpfung heraufführt?

Die verzweifelte Frau von nebenan soll etwas davon merken, dass sie nicht verlassen ist. Der frustrierte Jugendliche soll etwas davon erfahren, dass sein Leben wieder Perspektiven bekommen kann. Der Asylbewerber im Übergangswohnheim, der Nichtsesshafte auf unseren Straßen: sie sollen etwas davon spüren, dass wir uns zu Recht Christen nennen. Wir können abgeben von dem, was wir im Überfluss haben und ganz vielen damit eine Chance zum Leben eröffnen.

Wir können uns einsetzen für eine gerechtere Welt und auch unsere Politiker, die jetzt mit großen Ankündigungen durch den Wahlkampf eilen, an ihre Verantwortung erinnern.

Wir können Zeugen sein für die neue Welt Gottes, die angefangen hat – mitten unter uns.

Hat es nicht immer wieder Menschen gegeben, die ganz aus der Hoffnung auf Gottes neue Welt gelebt haben? Ich denke jetzt an Martin Luther King, der schon davon träumte, dass die Söhne und Töchter der Farbigen und die Söhne und Töchter der Weißen als Brüder und Schwestern an einem Tisch sitzen, als sie in Amerika noch in getrennten Bussen fahren mussten.

Aber nicht nur die großen Beispiele zählen. Da ist die Erzieherin, die ihre ganze Kraft dem verhaltensauffälligen Kind widmet, weil sie sich einfach nicht damit abfinden will, dass da halt nichts mehr zu machen sei. Oder da ist der Wissenschaftler, der mit tausend mühsamen Schritten forscht, weil er an die Besiegbarkeit einer schlimmen Krankheit glaubt, auch wenn heute noch Unzählige daran sterben. Da ist die Mitarbeiterin im Besuchsdienst einer Kirchengemeinde, die es immer und immer wieder versucht, bei dem verbitterten und böse dreinblickenden alten Mann vorbei zu schauen, solange bis er sie herein lässt und ein Lächeln über sein Gesicht huscht.

Diese Erde wird neu werden. Noch eine kleine Weile wird es dauern, sagt Jesaja. In Jesus ist das wahr geworden. Auch wenn der Augenschein manchmal etwas anderes nahe legt. Diese Erde wird neu – nicht weil wir im Letzten dazu fähig wären, unsere Welt wirklich zu verändern. Sondern weil Gott es versprochen hat. Und er hat längst damit angefangen. Mitten unter uns.

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