Was Jesus von uns will

"Also, lass mich mit Gott in Ruhe", der 18-jährige Pitt sagte das so aggressiv, dass es dazu reizte, nachzufragen. "Hast du unangenehme Erfahrungen mit Gott gemacht?" "Nein, ich glaube ja gar nicht an ihn. Aber bei mir im Haus wohnen zwei alte Frauen, die gehen jeden Sonntag zur Kirche – und die ganze Woche reden sie schlecht über ihre Nachbarn. Sie helfen einem nie, sind total unfreundlich,eklig zu Kindern – und solche Leute sind sich sicher, dass sie in den Himmel kommen. Nee, das macht mich wütend!"

Es war schwer, dem jungen Mann deutlich zu machen, dass er zwar zu Recht wütend auf solche Christen ist, aber dass das nichts mit Gott zu tun hat. Schließlich war selbst der Philosoph Arthur Schopenhauer nicht zu einer entsprechenden Differenzierung in der Lage und hängte seine Religionskritik an den Christen und der Kirche, die er kannte, auf.

"Also, lass mich doch bitte mit Gott in Ruhe", sagt auch eine meiner Freundinnen manchmal. Sie ist besonders hilfsbereit, hat ihre kranke Tante jahrelang gepflegt, kümmert sich nicht nur um ihre eigene Mutter, sondern hat auch für meine alten Eltern immer mal wieder einen Brief oder ein Überraschungsgeschenk parat, und wenn sie kann, hilft sie Leuten, denen es am Nötigsten fehlt. "Aber dazu brauche ich doch Gott nicht, das mache ich einfach so, weil ich es gerne tue." Schade nur, sagen einige fromme Menschen, dass sie nicht zu den Geretteten zählen wird. Es ist kompliziert: Gläubige bekennen sich und handeln gegen ihr Bekenntnis, Ungläubige spotten übers Christentum und werden in ihrem Handeln Christen zum Vorbild.

Hören wir eine Geschichte von Jesus, die sich mit der Frage befasst, wer denn ins Reich Gottes kommt.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, das waren noch Zeiten, wo der Sohn zum Vater "Herr" sagte. Da gab es noch Respekt. Der Vater sagt: "Komm in meinen Weinberg zum Arbeiten" – und der Sohn sagt: "Ja Herr". Aber wieviel Respekt hat ein Sohn vor dem Vater, wenn er dann doch nicht hingeht? Denkt er: "Wenn ich zu dem Alten "ja Herr" sage, erspare ich mir eine lange Diskussion, und wenn ich nict hingehe, wird ers ja sehen!" Sicher kennen Sie alle solche Leute. Mir fällt da zum Beispiel mein vorletzter Umzug ein: "Ich komme ganz bestimmt", hatte ein Bekannter, ein Kirchenmensch, versprochen – und dann tauchte er nicht auf. Dafür kam ein Kollege von der Zeitung, einer, der sich selbst ironisch gerne als Heide bezeichnet. Ich kannte ihn nicht mal allzu gut. Aber auf einmal war er da und packte an, obwohl ich ihn gar nicht gebeten hatte.

Einer von der Sorte wie der erste Sohn, von dem Jesus erzählt, ist mein Bruder: "Das ist aber ganz schlecht, da kann ich nicht!", das sagt er jedes Mal, wenn so ein familiärer Arbeitseinsatz ansteht. Aber dann überlegt er es sich nochmal – und plötzlich ist er da. Beim letzten Mal hat er sogar ein Flugzeug genommen, um seine knappe Zeiteinzusetzen, als meine alten Eltern umgezogen sind. "Warum sagt er nie gleich, dass er kommt?", diese Frage bewegt meine Mutter schon, seit ihr Sohn erwachsen geworden ist. "Ich hasse es, mich festzulegen", die Antwort kenne ich.

Die Geschichte, die heute unser Predigttext ist, erzählt Jesus den Frommen in seiner Umgebung. Sie ist uns nur im Matthäus-Evangelium überliefert, aber in unterschiedlichen Handschriften in unterschiedlicher Form. So ist die Reihenfolge der Söhne nicht eindeutig festzulagen, und daher wird die Antwort auf die Frage, welcher Sohn denn wohl eher den Willen des Vaters getan hat, auch uneindeutig. Der, der nein sagt und doch kommt, hat es nämlich an Ehrfurcht vor dem Vater fehlen lassen – und in den Augen der damaligen Frommen kann das mindestens genauso schlimm gewesen sein wie das Verhalten des anderen, der zu seinem Vater "Herr" sagt, aber dann einfach nicht erscheint.

Was können wir heute mit der Geschichte anfangen? Wir alle kennen Ja-Sager und Nein-Tuer, Nein-Sager und Ja-Tuer, und ganz sicher wägen wir in jeder Situation genau ab, welcher Typ uns lieber ist. In der Kirchengemeinde stehen wir hierzulande vordergründig vor allem vor der Frage, wie wir aus Nein-Sagern Ja-Tuer machen können. Wie können wir Menschen begeistern, das bewegt uns in den Gemeinden ja immer wieder. Wir veranstalten Events, wir lassen uns was einfallen. Aber wir wissen ja nicht genau, warum jemand "Nein" gesagt hat und was ihn zur Umkehr bewegen könnte. Und dann bleibt immer noch die Frage: Umkehr wozu?

Die Parabel, die Jesus erzählt, um den Hohepriestern und Schriftgelehrten ihre eigene Heuchelei vor Augen zu halten, wird zu oft missverstanden: Jesus liebe den tatkräftigen Gehorsam mehr als schöne, aber leere Worte. Mag sein. Aber darum geht es hier doch gar nicht. Es geht nicht um Gehorsam, es geht um Umkehr! Die ist oft schwerer zu verwirklichen als Befehle auszuführen. Letzteres kann sehr leicht sein, das machen sich viele auch zu leicht. Gehorsam ersetzt nicht selten das eigene Denken – mit oft fatalen Folgen: Denken wir an die Selbstmordattentäter, die sich und andere auf Geheiß irgendwelcher selbsternannten Gotteskrieger in die Luft sprengen. Denken wir an den Piloten, der vor 60 Jahren die Atombombe über Hiroshima abwarf. Denken wir an viele, die einer Partei gehorsam waren und daher der Kirche den Rücken zugewendet haben. Gehorsam kann blind machen und deshalb mag ich nicht davon sprechen, auch nicht, wenn es meinen Glauben betrifft. Ich bin kein Gehorsams-Typ. Ich spreche lieber von Nachfolge. Das ist etwas anderes …

Nachfolgen kann gerade bedeuten, den Gehorsam zu verweigern, eine einmal gefällte Entscheidung zu revidieren, einen einmal eingeschlagenen Weg zu korrigieren. Und das kann sehr, sehr schwer sein. Für manche ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Warum? Vielleicht, weil es unangenehme Folgen haben kann. Vielleicht, weil man zugeben muss, sich geirrt zu haben. Vielleicht, weil man Überzeugungen über Bord werfen muss, an die man einmal geglaubt hat. Vielleicht, weil man sich eingestehen muss, falsch gehandelt zu haben. Es gibt eine Menge Gründe vom Stolz über Peinlichkeit bis zur Angst, warum es uns oft so schwer fällt, umzukehren. Jeder unter uns wird mindestens einen davon kennen …

Das gilt alles auch für den Bereich der Kirche und des Glaubens. Wie viele strenge Prediger sind schon dabei ertappt worden, wie sie ihren eigenen Worten nicht folgten. Kirchenvorsteher haben früher gerne das Kirchenland so verpachtet, dass auch für die eigene Tasche ein wenig oder ein wenig mehr abfiel. Alle sind dafür, dass am besten jeden Sonntag in jedem Dorf Gottesdienst ist und dass die Kirche saniert wird – aber viele, ja die meisten, haben etwas ganz anderes und angeblich etwas ganz Wichtiges vor, wenn es sonntags dann ernst wird.

Das ist Jesu Schmerz, glaube ich. Sein Gleichnis kommt aus dem Schmerz, einfach viel zu viel Unglaubwürdigkeit zu erleben. Seine Worte treiben es noch ein wenig mehr auf die Spitze, wenn der eine Sohn "Nein" sagt und es dann doch tut und der andere Sohn "Ja" sagt und es dann doch nicht tut. Beide sind unglaubwürdig. Beide handeln ihren eigenen Worten entgegen. Scheinbar ist das schon so geläufig, dass es gar nicht mehr auffällt. Aber dann fragt Jesus doch noch: Wer hat denn den Willen des Vaters getan?

Unglaubwürdig sind beide. Aber einer bereut. Der wird in den Himmel kommen. Reue ist der Weg zum Himmel, daher der Hinweis auf den Bußruf des Täufers. Obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

Dazu gehört eines vor allem, sagt Jesus überdeutlich: seid glaubwürdig, bleibt glaubwürdig. Niemand muss fehlerfrei und unschuldig sein und bleiben. Das geht ja sowieso nicht. Niemand muss sich immer treu bleiben; das kann nämlich gefährlich werden, wenn man dem Falschen treu bleibt. Aber seid glaubwürdig. Redet nicht anders, als ihr handelt. Und handelt nicht anders, als ihr redet. Seid Gott treu in dem, was ihr redet und tut. Und sollte das, was immer passieren kann, schief gegangen sein, dann erinnert euch an das, was Johannes der Täufer lehrte: die Reue, die Buße führt zum Himmel. Wer über sich selber noch beunruhigt sein kann, darf beruhigt sein. Nur die einhundert Prozent Sicheren leben im Reich Gottes gefährlich, weil sie bald aus allen Wolken fallen.

Wenn wir Jesu Willen tun, dürfen wir uns dabei unserer selbst nie so sicher sein. Das ist es, was Jesus uns sagt. Viel zu oft in der Geschichte der Welt und des Glaubens haben gerade die ganz Sicheren und die unbeirrbar Frommen den größten Schaden angerichtet. Es sollen immer einige Fenster und mindestens eine Tür bei uns offen sein für andere Ansichten und Meinungen – aber gerade auch für die Möglichkeit eigener Fehler. Wir dürfen nie unbelehrbar werden. Unser Glück liegt nicht in der Sicherheit oder in der Unveränderbarkeit, sondern viel mehr im Vorsichtigen und Behutsamen.

Ein Beispiel hat uns Paulus gegeben: Er gehörte zu den Frommen und Eifrigen, aber er war auch fähig, zu erkennen, dass sein Eifer in die falsche Richtung ging. So wurde er vom Christenverfolger zum Missionar – beides aber mit gleicher Authentizität, und seine Überzeugungskraft als Apostel lag in seiner Glaubwürdigkeit. Ganz offen sprach er ja auch über seine eigene Geschichte, über seinen eigenen Irrtum. Das schaffen manche von uns, auch Pfarrer oder Bischöfe, nicht einmal bei wesentlich geringeren Irrtümern. Obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, da liegt der Schlüssel zum Leben. Damit können wir uns jeden Tag neu aufschließen, neu erschließen: Wir sind zum Handeln aufgerufen, und wer handelt, macht auch Fehler. Darüber können wir mit Gott offen reden, jeden Tag – er wird uns nicht niedermachen, sondern aufrichten. Das ist es, was Jesus von uns will.

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